Schluss mit Ticketchaos: Zugreisen in Europa buchen soll in Zukunft einfacher werden
Von Zürich per Zug nach Paris, Berlin oder Mailand? Kein Problem. Man bucht die internationale Verbindung bequem in der SBB-App. Dass man später im französischen TGV oder einem ICE der Deutschen Bahn sitzt, spielt keine Rolle.
Sobald die Reise aber etwas komplexer wird und durch mehrere Länder führt, kann es schnell kompliziert werden. Unter Umständen bringt einen die SBB-App dann nicht weiter. Stattdessen müssen Reisende die Billette einzeln über die Portale der jeweiligen Bahngesellschaften kaufen. Für viele ist das zu kompliziert – nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa.
Die EU will Abhilfe schaffen und das europaweite Zugfahren spürbar erleichtern. «Eine Reise, ein Ticket, volle Rechte», lautet der Gesetzesvorschlag, den die Brüsseler Behörde am Mittwoch vorgestellt hat. Internationale Buchungen sollen einfacher, transparenter und damit attraktiver werden.
Schluss mit dem Buchungswirrwarr – mehr Rechte für Reisende
Künftig sollen internationale Tickets nahtlos über eine einzige Plattform buchbar sein. Bahnunternehmen würden ihre Tickets auch Onlinevergleichsdiensten zur Verfügung stellen, wie es im Flugverkehr üblich ist. Ausserdem werden die Fahrgastrechte abgesichert. Wer nämlich einen grenzüberschreitenden Anschlusszug verpasst, hat heute nicht immer das Recht, in den nächsten Zug einzusteigen. Der Grund: Ticketkäufe bei verschiedenen Anbietern gelten rechtlich als mehrere Einzelverträge. Die Fahrgastrechte enden quasi zwischen den einzelnen Zugfahrten. Bei verpasstem Anschluss kann dann eine Neubuchung notwendig werden. Im schlimmsten Fall bleibt der Reisende sogar irgendwo gestrandet und muss für die Hotelübernachtung selbst aufkommen. Das will die EU ändern.
«Unser Vorschlag wird das Leben der Reisenden vereinfachen», sagte der EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas. Ein europaweites Buchungssystem erhöhe den Wettbewerb und senke die Preise. Der Grieche hielt explizit auch fest, dass das neue System nicht nur auf EU-Länder, sondern auch auf Partnerstaaten wie Norwegen oder die Schweiz Anwendung finden soll, «mit denen wir Abkommen haben und mit denen die Zugverbindungen unerlässlich sind». Laut einem EU-Beamten bildet das Landverkehrsabkommen die rechtliche Grundlage. Eine Übernahme der neuen Regeln wäre auch für Schweizer Bürgerinnen und Bürger «eine gute Nachricht». Sie würden ganz direkt profitieren. Allerdings wäre eine Übernahme mit den aktuellen bilateralen Verträgen nicht automatisch, sondern müsste im sogenannten «Gemischten Ausschuss» erst beschlossen werden.
Das Schweizer Bundesamt für Verkehr (BAV) reagiert in einer ersten Stellungnahme positiv auf den Vorstoss. «Die Schweiz hat ein grosses Interesse an einem vereinfachten Ticketing für den grenzüberschreitenden Schienenverkehr flächendeckend einzuführen», heisst es dort auf Anfrage. Allerdings sagt das BAV auch, dass die Tarifhoheit bei den Transportunternehmen liegt: «Sie sind es, die für den internationalen Schienenpersonenverkehr ein kundenfreundliches Ticketing zur Verfügung stellen müssen».
Kann die Branche das Problem allein schneller lösen?
Bei den SBB teilt man das Ziel des EU-Vorschlags. Die SBB arbeiteten bereits gemeinsam mit den europäischen Partnerbahnen daran, das internationale Ticketing «so einfach wie möglich» zu machen. Tatsächlich ist die Kooperation mit der Deutschen Bahn, mit der österreichischen ÖBB oder der SNCF in Frankreich eng. Gleichzeitig lässt man durchschimmern, dass es für eine weitere Kooperation keine neuen Gesetze braucht: «Wir sind überzeugt, dass die Bahnbranche die Verbesserungen selbst erzielen kann», so eine SBB-Sprecherin.
Manchen Bahnunternehmen in Europa gehen die Vorschläge denn auch zu weit. Insbesondere wird als stossend empfunden, dass künftig auch Tickets der Konkurrenz verkauft werden müssten. Das wird als regulatorischer Übergriff empfunden. EU-Verkehrskommissar Tzitzikostas wiegelt jedoch ab: «Unser Vorschlag ist zu 100 Prozent pragmatisch und zu 100 Prozent fair». Die Änderungen würden schlussendlich auch den Bahnunternehmen zugutekommen. Wie schnell sich die neuen Regeln in ein Gesetz giessen lassen, konnte er nicht sagen. Er werde sich aber dafür einsetzen, dass «man bis in ein oder zwei Jahren» zu einem Ende komme.
Laut Insidern ist das ein ambitionierter Zeitplan. Viele Bahnen in Europa sind im Staatsbesitz, was ein intensives Lobbying für die jeweiligen nationalen Interessen nach sich ziehen dürfte. Wie schnell für Zugreisende das internationale Einheitsticket Realität wird, bleibt daher unklar. (aargauerzeitung.ch)
