«Die Lage ist geprägt von der Angst vor den deutlich hörbaren Mörsergranaten»
Am Rande der Frühlingssession der eidgenössischen Räte nimmt Aussenminister Ignazio Cassis gegenüber mehreren Medienschaffenden Stellung zum Krieg in Nahost. Diese Zeitung hat das Gespräch aufgezeichnet.
Herr Bundesrat, der Konflikt hat sich schnell auf die gesamte Region ausgeweitet. Was bereitet Ihnen derzeit die grössten Sorgen?
Ignazio Cassis: Genau das. Die Regionalisierung, die geografische Ausweitung des Konflikts. Er hat sich mittlerweile auf praktisch den gesamten Nahen Osten ausgeweitet. Das ist bei weitem die grösste Sorge.
Was kann die Schweiz tun in dieser Situation?
Weitermachen mit dem, was sie schon tut: Ihre guten Dienste anbieten, ihre Friedensdiplomatie, versuchen, den Dialog zu ermöglichen – und humanitäre Hilfe unterstützen, wo dies nötig ist.
Das Schweizer Schutzmachtmandat ist am Wochenende in die Kritik geraten. Es führe dazu, dass die Schweiz keine klare Position ergreifen könne, insbesondere gegenüber dem Regime in Teheran.
Nein, das ist nicht der Fall. Wir haben dieses Mandat seit über 40 Jahren. Es ermöglicht uns, das Wenige zu schaffen, was zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran noch geschaffen werden kann. Dabei haben wir uns an das Völkerrecht und die UN-Sanktionen gehalten.
Die Schweizer Botschaft in Teheran bleibt geöffnet. Hatten Sie in den letzten Stunden Kontakt zu unseren Diplomaten vor Ort?
Ja, ich hatte in den letzten Stunden mehrfach Kontakt zu unseren Diplomatinnen und Diplomaten. Die Lage ist geprägt von der Angst vor den deutlich hörbaren Mörsergranaten, den Sirenen, die ununterbrochen heulen und die Menschen auffordern, Schutz zu suchen, sowie der Ungewissheit über die weitere Entwicklung der Lage. Im Moment geht es jedoch allen gut. Die Botschaft hat keine Schäden erlitten, es gibt keine Opfer. Also versuchen wir vorerst zu hoffen und zu beten, dass dieser Angriff nicht allzu lange dauert.
Haben Sie selber noch einen direkten Ansprechpartner in Teheran, einen Minister auf Ihrer Ebene?
Im Moment nicht. Sie sind mit Bombenangriffen konfrontiert und haben nicht die Möglichkeit, sich sehen zu lassen. Aber ich habe mit meinem Counterpart letzte Woche in Genf gesprochen und immer wieder Kontakt gehabt. Ich weiss ehrlich gesagt auch nicht, was das für die Regierung bedeutet, wenn Iran einen neuen Anführer erhält. Ob es Änderungen im Kabinett gibt, welche internen Entscheide getroffen werden – das ist alles offen. (aargauerzeitung.ch)
