Schweiz
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Die Welt der Wunderlichs Mike Müller

Wieso schaut Castingshow-Boss Herr Bolliger (Mike Müller) seine Moderatorin Arabella Kiesbauer so böse an? Bild: Filmcoopi

Interview

Küche, Komödie, Kinderarbeit! So ist das Leben von Mike Müller und Dani Levy

Im Film «Die Welt der Wunderlichs» von Dani Levy spielt der Oltner Mike Müller einen unfassbar netten Casting-Show-Boss. Sogar wir würden gern für ihn vorsingen. Und der Basler Dani Levy ist sowieso ein Schatz.



 

Mike, gestern Abend hast du für deinen kleinen Bruder gekocht. Was gab's?

Mike Müller: Zander im Salzteig. Aus einer Schweizer Zucht. Ich bin ja manchmal ein Arschloch: Mein Bruder hatte vorgestern Zander in einer Nobelbeiz gegessen und gefunden, es sei so «okay» gewesen, da war es natürlich mein Ehrgeiz, besseren Zander zu machen. Was im Salzteig total einfach ist. Zur Vorspeise gab's übrigens Pulpo mit Sherrytomätchen aus dem Ofen.

Dani Levy:
Wieso weiss jetzt Simone, dass du für deinen Bruder gekocht hast?

Mike Müller:
Die kennen einander.

Das klingt nach einem perfekten Dinner. Dani, was gab's bei dir?

Dani Levy: Gestern Abend? Konkret? Da überfiel mich eine Einsamkeitsattacke in meinem Hotelzimmer, eine eigenartige Schwermut. Ich fragte mich, wo ich eigentlich in meinem Leben bin. Jetzt, wo mein Film rauskommt, bin ich auch besonders verwundbar. Einen Film zu machen, ist etwas wunderbar Konstruktives, Sinnvolles, nach vorn Gerichtetes. Aber jetzt fühl ich mich wie so ein Objekt, mitten in einem Wirbelsturm.

DARMSTADT, GERMANY - NOVEMBER 04:  Christiane Paul, the child in the leading part of the role 'Felix', Steffen Groth, Martin Feifel, Peter Simonischek and director Dani Levy (L-R) pictured during an on set photo call for the film 'Der kleine Diktator' on November 4, 2015 in Darmstadt, Germany.  (Photo by Thomas Lohnes/Getty Images)

Dani Levy (ganz rechts) mit seiner crazy Filmfamilie. Bild: Getty Images Europe

Du und der Film, beide sind ausgeliefert ...

Dani Levy: Na ja, der Film hat keine Gefühle.

Mike Müller: Wer weiss, vielleicht war der gestern Abend auch einsam! Du, sind wir eigentlich dein erstes Interview seit der Katastrophe mit Hugh Grant?

Nein, keine Sorge. Dani, nach «Alles auf Zucker!» zeigst Du jetzt auch in «Die Welt der Wunderlichs» die Familie als Treibhaus für allerlei Dachschäden. Wieso?

Dani Levy: Familie war für mich schon immer zentral als komödiantisches Thema, ich finde Familien ungeheuer ergiebig. Da stecken so viele Möglichkeiten für Irrtümer, Missverständnisse und Desaster drin. Zweitens sind psychische Störungen heute kein exotisches Aussenseiter-Problem mehr, sondern in der Mitte unserer Gesellschaft verankert. Es gibt so viele Möglichkeiten am Leben zu verzweifeln. Es ist schneller geworden, wir sind anspruchsvoller und immer erreichbar und durch den medialen Wahnsinn immer ungeschützter.

«Mama hat fast alle Drogen ausprobiert»: Der Trailer

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Video: YouTube/xverleih

Alle spinnen in «Die Welt der Wunderlichs»

Da ist Mimi Wunderlich (Katharina Schüttler). Ihr kleiner Sohn hat ADHS, ihr Vater (Peter Simonischek) ist spielsüchtig, die Mutter (Hannelore Elsner) eine manisch-depressive Schlagersängerin, der Ex-Mann ein verlotterter Rocker. Mimi singt zum Herzerweichen schön. Die Familie schickt sie zu Herrn Bolliger (Mike Müller) in seine Schweizer (warum eigentlich? Wahrscheinlich, weil der Film Schweizer Fördergelder bekommen hat ...) Castingshow. Arabella Kiesbauer moderiert, Thomas Anders und Sabrina Setlur jurieren ... Alle spinnen total, das freut uns Zuschauer sehr, seit «Alles auf Zucker!» definitiv Dani Levys lustigster Film.

Das klingt alles wahnsinnig traurig, dabei hast du doch einen total lustigen Film gemacht.

Dani Levy: Komödien nähren sich doch aus der Traurigkeit. Man muss keine Komödien über Menschen machen, die keine Probleme haben. Meine Figuren haben alle eine Not, und der Film hat ja auch etwas Melancholisches. Es gibt bei Komödien immer diese Genre-Erwartung, dass sie ausschliesslich lustig sein sollen. Dabei brauchen sie – nach meinem jüdischen Komödien-Verständnis – ganz viele tragische Dellen oder Täler, durch die man geht, um dann wieder in der Komödie zu landen. Wenn in einer Komödie suggeriert wird, dass jedes Problem nur ein Pseudoproblem sei, finde ich sie wertlos und austauschbar. Das hat mit dem Leben nichts zu tun.

«Das Grösste wär, in Costa Rica zu sitzen und einem Tukan zuzuschauen.»

Mike Müller über ein alternatives Leben

Mike, du spielst in Danis Film den väterlichen, stets um seine Kandidaten besorgten Chef einer Castingshow. Gibt es beim Fernsehen überhaupt so nette Menschen?

Mike Müller: Doch, doch.

Dani Levy: Mehrheitlich!

die welt der wunderlichs

Wer ist schrecklicher: Die Mutter (Hannelore Elsner), die in einer pathetischen Schlagerwelt lebt ... Bild: filmcoopi

Und woher kennt ihr euch so gut mit Castingshows aus?

Dani Levy: Ich mag diese Shows einfach! Ich kann nicht leugnen, dass ich auch ein voyeuristisches Vergnügen daran habe. Wenn in so einer Wiederfind-Show plötzlich ein verloren gegangener Bruder auf die Bühne kommt, muss ich tatsächlich heulen. Dafür schäm' ich mich auch, aber es passiert nun mal! Die packen mich mit so einfachen, durchschaubaren Mitteln.

Meinst du mich nicht! Mike schaut skeptisch und findet das sicher einen totalen Seich, oder Mike?

Mike Müller: Nein, ich find’s keinen Seich, ich find’s einfach schlecht gemacht! Ich rege mich wahnsinnig über die Schnitte auf: Wenn eine kanadische Truppe mit Trampolins kommt, dann will ich die kanadische Truppe mit Trampolins sehen, keine Nahaufnahme von einem Fuss oder die Dorfdeppen im Publikum. Ich finde, manche Fernsehmacher halten die Leute oft für blöder als sich selbst und sie sind selbst schon recht blöd.

die welt der wunderlichs

... oder der Vater (Peter Simonischek), dessen Fantasie nicht die geringsten Grenzen kennt? Bild: filmcoopi

Wieso ist die TV-Welt in der «Welt der Wunderlichs» so unzynisch?

Dani Levy: Meine Beobachtung von Castingshows ergab: Dieter Bohlen war gestern. Heute sind doch vielmehr unterstützende Formate wie «Voice of Germany» angesagt. Mich berührt, was im Kern solcher Sendungen verhandelt wird: Jemand hat einen Traum und bekommt nun eine Bühne, auf der dieser Traum in drei Minuten zur Wirklichkeit werden kann. Gerade Kinder können in einer guten Castingshow, in der sie weder blöd domestiziert noch entmündigt werden, über sich hinauswachsen! Da werden rohe Diamanten gepflegt.

Mike Müller: Ja, wenn’s die gibt. Aber oft ist es auch nur eine Masche, und es stört mich, wenn ein Zehnjähriger, der noch nicht richtig singen kann, 100'000 Stutz kriegt und keiner regt sich darüber auf. Doch wenn Sophie Hunger Geld kriegt, regen sich alle inkontinenten alten Säcke darüber auf. Aber wir reden jetzt von verschiedenen Dingen. Ich wollte einfach mal einen kritischen Einschub in eure schwülstige Schwärmerei einbringen.

Die Welt der Wunderlichs Mike Müller

Herr Müller sagt nein zu schwülstiger Schwärmerei. Okay, haben wir verstanden. Bild: Filmcoopi

Schon gut. Eigentlich geht’s in dem Film auch gar nicht um Mikes Castingshow, sondern um eine alleinerziehende Mutter mit einer komplett durchgeknallten Familie, die in der Show ihre zweite Chance als Sängerin erhalten soll.

Dani Levy: Ja, das Thema alleinerziehende Mutter liegt mir wirklich am Herzen. Es ist doch eine überaus spezielle Situation, wenn eine Mutter alleine mit einem Kind durchs Leben geht. Und wenn sie dann auch noch eine Familie hat, auf die sie nicht zählen kann und die sie nur weiter belastet, ist das, als müsste sie sich um noch viel mehr Kinder kümmern. Sie wird von diesen Egozentrikern total ausgesaugt und hat keinerlei Chance überhaupt noch eigene Wünsche zu empfinden, geschweige denn auszuleben.

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Der kleine Felix (Ewi Rodriguez), das wunderliche Juwel des Films. Bild: filmcoopi

«Als ich nach Berlin zog, war das für meine Mutter, als würde ich ins Dritte Reich zurückkehren.»

Dani Levy über seine Familiengeschichte

Deine Filmmutter hat einen 7-jährigen Sohn, der immer nur helfen will und das grösste Chaos veranstaltet. Ein unfassbar hochbegabter Schauspieler!

Dani Levy: Ja, ein sehr spezieller, berührender Junge. Eigentlich war er völlig ungeeignet: Er hatte noch nie gedreht, war zu jung, schlief beim Dreh manchmal ein, hat oft nicht begriffen, was wir von ihm wollten, verpasste seine Einsätze, sehr verträumt, fast autistisch. Das Gegenteil eines fitten Filmkindes, wie man sich das sonst so gewohnt ist. Aber er ist so faszinierend, so komisch, zerbrechlich und eigen, dass ich unbedingt mit ihm arbeiten wollte.

Wozu brauchte er ein Double?

Dani Levy: In Deutschland dürfen Kinder höchstens vier bis fünf Stunden pro Tag arbeiten. Manchmal stand schon nach zwei Stunden sein Vater da, so ein puerto-ricanischer Punkrocker aus New York und sagte: «Schluss jetzt.»

Mike Müller: Das ist ganz wichtig. In der Schweiz gibt’s sowas nicht. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Eltern nach acht Stunden Dreharbeit ganz scheu sagen: «Ähm, mein Kind hat blaue Lippen, denken Sie nicht, dass es jetzt langsam mal genug ist?»

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Zwei Exen in der Castingshow: Mimi (Katharina Schüttler) und Johnny (Martin Feifel). Bild: filmcoopi

Dani lebt schon seit 36 Jahren in Berlin. Mike, ist Auswandern für dich eine Option?

Mike Müller: Grundsätzlich gilt: Man findet es dort am tollsten, wo man gerade lebt. Aber klar, ich konnte mir schon immer vorstellen, nach Deutschland auszuwandern. Obwohl mir natürlich auch die kalifornische Wüste gefällt. Das Grösste wär, in Costa Rica zu sitzen und einem Tukan zuzuschauen.

Bild

Ein Tukan. Damit Mike Müller nicht auswandern muss. bild: sme

Dani Levy: Du hast natürlich auch keine vorbelastete Vergangenheit. Für mich war Deutschland ein grosser Schritt wegen der Geschichte meiner jüdischen Eltern. Als ich nach Berlin zog, war das für meine Mutter, als würde ich ins Dritte Reich zurückkehren. Meine Mutter kam 1939 in die Schweiz und lebte zuerst in einem Flüchtlingslager. Sie hatte Deutschland seither nicht mehr betreten. Ich hab das Land dann mit den Augen meiner Eltern für mich entdeckt, da war natürlich auch viel Kritisches dabei. Für mich muss etwas aber nicht unbedingt gut oder gelungen sein, um interessant zu sein. Wichtig ist doch, dass gewisse Spitzen nicht abgeschliffen werden.

Mike Müller: Das ist der Punkt! Das ist doch genau das Problem mit dieser allgegenwärtigen sanften Umarmung in der Schweiz! Dieses «Du bisch e Luschtige» und so. Das ist eine einebnende Umarmung. Das haben wir hier in der Presse, der Politik, der Kunst. Deshalb ist es typisch, dass eine Sophie Hunger drankommt: Weil sie ein bisschen eckig ist und sich nicht umarmen lässt.

«Die Welt der Wunderlichs» läuft ab 20. Oktober im Kino.

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