«Es gibt nur ein Motiv, das diese Tat erklärt»: Psychiater zum Busbrand in Kerzers
Als was würden Sie diese Tat bezeichnen? War es ein erweiterter Suizid?
Nein, das war ein erweiterter Mord. Beim erweiterten Selbstmord geht es letztlich darum, dass sich eine Person selbst töten will und dann das Liebste, was sie hat – oft sind das die Kinder oder andere Familienangehörige – mit in den Tod nimmt. Das geschieht gewissermassen aus altruistischen Motiven. Man will die Angehörigen in ein besseres Jenseits mitnehmen oder sie vor weiterem Elend bewahren, weil man die eigene depressive Stimmung fälschlicherweise auf sie überträgt. Man denkt: Denen geht es ja auch ganz schlecht, also tue ich ihnen etwas Gutes.
Und beim erweiterten Mord?
Beim erweiterten Mord hingegen geht es darum, andere gezielt zu schädigen oder zu töten. Um die Tat nicht verantworten zu müssen, bringt man sich anschliessend ebenfalls um. Der Unterschied liegt also darin, dass es letztlich egozentrische Motive sind. Insofern glaube ich, dass es sich beim Fall in Kerzers, nach allem, was man sagen kann, um einen erweiterten Mord handelt.
Der Täter hat sich selbst angezündet. Das ist ja sehr martialische Methode, sich selbst und andere umzubringen. Warum wählt man sie?
Feuer erzeugt enorme Aufmerksamkeit, und eine derart grausame Tat erst recht. Der Tod durch Verbrennen ist besonders qualvoll. Der Täter legt also gewissermassen alles hinein, was er hineinlegen kann.
Kennen Sie vergleichbare Fälle?
Solche Brandattacken mit suizidalem Ausgang hat es in der Kriminalgeschichte durchaus schon gegeben. Die bekannteste ist vermutlich der Fall Seifert aus den 1960er-Jahren in Volkhoven, bei dem ein Täter mit einem Flammenwerfer zehn Menschen umgebracht hat und sich selbst tötete. Auch in den USA gab es schon solche Fälle. Dort ging es jedoch entweder um Rache – dann traf es Personen, mit denen der Täter zu tun gehabt hatte. Oder es ging um Protest, also Terrorismus. In solchen Fällen werden andere einbezogen, um eine Botschaft zu vermitteln. All das haben wir in diesem Fall offensichtlich nicht. Zumindest nach meinen Kenntnissen. Und das macht diesen Fall so besonders.
Wie deuten Sie die Tat? Warum hat der Mann sich in einem Bus angezündet?
Es gibt kein Bekennerschreiben, keine hinterlassene Nachricht. Die betroffenen Personen waren völlig unbeteiligt. Das schliesst also sowohl einen Racheakt als auch eine terroristische Aktion aus. Gleichzeitig war die Tat offenbar gut vorbereitet. Ich kann mir daher nichts anderes vorstellen, als dass es sich um einen psychotischen Täter gehandelt haben muss – möglicherweise im Rahmen einer latenten, bisher nicht bekannten psychischen Erkrankung. Ich sehe keine andere Motivation ausser einem wahnhaften Erleben, Halluzinationen, vielleicht inneren Stimmen.
Der Mann verstiess offenbar mindestens einmal gegen das Betäubungsmittelgesetz. Könnten auch Drogen der Grund sein?
Drogen allein führen in der Regel nicht zu solchen Taten. Ausserdem musste der Täter planen und Vorbereitungshandlungen treffen. Das wäre mit einem Vollrausch oder einer rein drogeninduzierten Störung kaum vereinbar. Möglich wäre allerdings, dass Drogen eine Psychose ausgelöst haben. Solche drogeninduzierten psychotischen Störungen kommen relativ häufig vor – vor allem im Zusammenhang mit Halluzinogenen. Letztlich aber bleibt für mich entscheidend, dass hier eine Psychose im Spiel gewesen sein muss – welcher Ursache auch immer –, die vermutlich nicht erkannt wurde.
Wie kann das sein?
Es gibt latente, also gewissermassen schlummernde Psychosen. Und es gibt sogenannte Initialdelikte: Das heisst, eine schwere Straftat kann das erste Symptom einer bislang unentdeckten Geisteskrankheit sein – gewissermassen wie ein Wetterleuchten, das einem Gewitter vorausgeht.
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana ist bis heute in den Medien stark präsent. Könnte der Täter wegen dieses Vorfalls Feuer als Waffe für seinen erweiterten Mord gewählt haben?
Möglich wäre das. Ich kann mir vorstellen, dass das Thema «Verbrennung» in seinen Wahn integriert wurde. Es ist häufig so, dass Wahninhalte von aktuellen gesellschaftlichen Themen beeinflusst werden. Aber wenn es keine medizinischen Aufzeichnungen gibt, wird man das wohl nie mehr sicher klären können.
Vor gut zehn Jahren liess ein Germanwings-Pilot sein Flugzeug bewusst abstürzen und riss damit 150 Menschen mit in den Tod. Sehen Sie Parallelen?
Nein. Ich habe mich mit diesem Fall intensiv beschäftigt. Meines Erachtens hatte der Germanwings-Pilot – Andreas Lubitz – eher die Psychodynamik eines Schulamokläufers. Das ist jedoch eine andere Dynamik als in dem hier diskutierten Fall. Beim Germanwings-Fall spielten – wie bei vielen Schulmassakern – vor allem Kränkungen eine Rolle. Es geht also nicht um Wahnideen oder Halluzinationen, sondern um narzisstische Verletzungen.
Ein fundamentaler Unterschied?
Ja. Die Täter handeln bei vollem Verstand und richten ein Massaker an einem Ort an, an dem sie sich gekränkt fühlen. Beim Germanwings-Absturz war es meiner Einschätzung nach so, dass der Pilot offenbar an Depressionen litt, die nicht konsequent fachärztlich behandelt wurden – sei es, weil er sich der Behandlung entzog oder Medikamente eigenständig handhabte. In diesem Zustand wollte er sich selbst töten und zugleich die «heile Welt», die für ihn durch die Menschen im Flugzeug repräsentiert war, mit in den Tod nehmen.
Der Täter von Kerzers wurde als vermisst gemeldet, und die Polizei erklärte, es bestehe keine Gefahr. Offensichtlich war das eine Fehleinschätzung.
Zunächst einmal muss man sagen: Prognosen sind grundsätzlich schwierig, vor allem Gefährlichkeitsprognosen. Das ist eine der grössten Herausforderungen für uns Gutachter. Ich glaube nicht, dass man der Polizei in diesem Fall zumuten kann, eine solche Prognose zuverlässig zu erstellen – zumindest nicht auf der Grundlage dessen, was bisher über den Täter bekannt ist.
Sind psychisch kranke Menschen besonders gefährlich?
Die Gesamtgruppe der psychisch Kranken ist nicht gefährlicher als die Durchschnittsbevölkerung, weil es grosse Subgruppen mit sehr niedrigem Aggressionsrisiko gibt – etwa Depressive oder Angstpatienten. Allerdings geht von Menschen mit Psychosen eine deutlich erhöhte Gefahr aus. Das darf man in der aktuellen Diskriminierungsdebatte oft kaum sagen, weil dann schnell der Vorwurf kommt, psychisch Kranke würden diffamiert. Aber ich glaube, man muss diese Tatsache ins Auge sehen, wenn man etwas dagegen tun will.
Wie gross ist diese Gruppe?
Sie macht weniger als 0,1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung aus, weist aber ein stark erhöhtes Risiko für schwere Gewalttaten bis hin zu Tötungsdelikten auf. Besonders gross ist dieses Risiko bei wahnhaften Störungen. Diese Gruppe lebt gewissermassen in einer anderen Wirklichkeit. Nach dem bisherigen Wissensstand würde ich den Täter dieser Gruppe zuordnen.
Nehmen Vorfälle mit psychisch gestörten Tätern zu, oder ist das eine verzerrte Wahrnehmung?
Der Eindruck ist nicht falsch. Das hängt damit zusammen, dass potenziell gefährliche Personen heute nicht mehr so lange stationär untergebracht werden wie früher. Früher wurden Menschen grosszügiger und oft über viele Jahre in geschlossenen Einrichtungen untergebracht. Heute ist die Psychiatrie offener geworden – was grundsätzlich positiv ist. Der Preis dafür ist allerdings, dass sich manche Betroffene der ambulanten Behandlung entziehen und es dann zu Rückfällen kommt.
Augenzeugen berichten, der Täter habe vor der Tat ein auffälliges Verhalten gezeigt und sei sehr nervös gewesen. Viele Menschen wirken nervös, einige sprechen in der Öffentlichkeit mit sich selbst. Wann ist Vorsicht angebracht?
Das ist eine schwierige Frage. Die geschilderte Nervosität könnte Ausdruck einer psychotischen Agitation gewesen sein. Ein psychotischer Zustand bedeutet für den Betroffenen erheblichen inneren Stress. Im Zweifel empfehle ich – und handhabe es selbst so –, eher Abstand zu halten, wenn jemand sehr auffällig wirkt. Gleichzeitig kann es in bestimmten Situationen sinnvoll sein, einen Notdienst oder die Polizei zu verständigen und auf eine mögliche Gefährdung hinzuweisen. (aargauerzeitung.ch)
