«Ich schämte mich wegen meines Aussehens»
Die Welt sieht Melanie nur noch durch eine starre Linse. Überall sieht sie Poren und Pickel. In ihrem Gesicht, in den Gesichtern anderer. Vor allem aber bei sich selbst. Jede noch so kleine Unebenheit fällt ihr sofort auf. Alles andere verschwimmt und verliert an Bedeutung. Die Welt existiert nur noch in diesen Details, die sie nicht ausblenden kann.
In der Schule kann sie sich kaum noch konzentrieren. Ihre Gedanken kreisen unaufhörlich um ihre Haut. Sie blickt um sich, vergleicht sich mit anderen.
Melanie leidet unter Körperdysmorphie – einer psychischen Erkrankung, bei der Betroffene eingebildete oder minimale körperliche Makel übermässig wahrnehmen. Sie leiden unter grossem Leidensdruck, grübeln stundenlang über ihr Aussehen, stehen Stunden vor dem Spiegel, vergleichen sich mit anderen und versuchen, vermeintliche Fehler zu kontrollieren oder zu kaschieren.
Auch Melanie steht stundenlang vor dem Spiegel: «Der normale tägliche Blick in den Spiegel war für mich fast unmöglich.» Dabei betrachtet und berührt sie jeden Zentimeter ihres Gesichts. «Es gab Tage, an denen ich beim ersten Blick in Tränen ausbrach wegen der schlimmen vermeintlichen Entstellungen und andere, an denen ich kaum vom Spiegel wegkam, da er eine fast magische Anziehungskraft auf mich ausübte», sagt Melanie.
Für Aussenstehende sind Melanies Sorgen kaum sichtbar oder nachvollziehbar. Für sie selbst lösen sie Angst und Panik aus. Sie deutet Blicke als Bewertung, vermeidet Gespräche über ihr Aussehen – aus Sorge, es könnte noch mehr Aufmerksamkeit darauf lenken.
«Wie kann ich so nur weiterleben?», fragt sie sich immer wieder.
Dieser ständige Selbstzweifel hat längst ihren Alltag übernommen und lässt kaum Raum für andere Gedanken. Lernen kann sie gar nicht mehr. Ihre Gedanken schweifen permanent zu ihrem Aussehen ab. «Der Fokus war so stark, dass ich teilweise keine einzige Seite mehr lesen konnte», sagt Melanie. Ihre schulischen Leistungen verschlechtern sich, Prüfungen gibt sie teilweise leer ab. «Ich konnte mich gar nicht mehr konzentrieren», erzählt sie. Schliesslich bricht sie die Fachmittelschule ab. Auch soziale Kontakte werden schwieriger. Termine sagt sie kurzfristig ab, das Haus verlässt sie immer seltener.
«Ich schämte mich nicht nur wegen meines Aussehens, sondern auch wegen meiner Gedanken. Ich redete mir beispielsweise ein, dass ich nie Kinder bekommen könnte, weil ich mein entstelltes Gesicht nicht weitergeben wollte.»
Achterbahn im Heilungsprozess
Melanie sucht professionelle Hilfe und beginnt eine Therapie. Die körperdysmorphe Störung entsteht häufig durch Mobbing oder soziale Ausgrenzung – besonders in der Kindheit und Jugend. In ihrem Fall trifft das nicht zu. Sie beschreibt ihre Kindheit als behütet, mit engem familiären Umfeld. Neben Umweltfaktoren gelten auch genetische Faktoren als mögliche Einflussfaktoren. «Während der Entstehung der Erkrankung im Alter von 18 Jahren befand ich mich in einer unsicheren Lebensphase. Ich fühlte mich häufig einsam», so Melanie.
Fünf Jahre lang probiert Melanie unterschiedliche Therapien aus. Doch niemand sei wirklich auf ihr Thema spezialisiert gewesen. Dabei ist die körperdysmorphe Störung kein neues Phänomen: Bereits 1891 beschrieb der italienische Psychiater Enrico Morselli das Leiden als «eingebildete Hässlichkeit» (la dismorfofobia). Er beobachtete Menschen, die trotz normalen Aussehens davon überzeugt waren, entstellt oder hässlich zu sein.
Menschen mit einer körperdysmorphen Störung entscheiden sich deshalb häufig für Schönheitsoperationen. Fachleute raten davon ab: Die Fixierung verlagert sich nach einem Eingriff oft auf andere Körperbereiche, die Unzufriedenheit bleibt bestehen oder verstärkt sich.
Auch Melanie kennt dieses Gefühl. Sie probiert verschiedene Gesichtsbehandlungen aus, doch keine bringt die erhoffte Veränderung. Ein Dermatologe rät ihr von grösseren Eingriffen ab, da diese bei ihr nicht notwendig seien. Doch selbst diese Bestätigung lässt die Stimme in ihrem Kopf nicht verstummen. «Die sind doch alle nicht ehrlich zu mir», denkt sie.
Wege aus der Krise
Heute sieht Melanie die Dinge etwas anders. Sie ist sich bewusst, dass sie unter einer Wahrnehmungsstörung leidet, und hat Strategien entwickelt, die ihr helfen, besser mit der Erkrankung zu leben. «Besonders Meditation, Achtsamkeits- und Atemübungen sowie Zeit in der Natur helfen mir, das Gedankenkarussell zu unterbrechen und mich nicht so sehr mit meinen Gedanken zu identifizieren.»
Mit ihrem Aussehen ist sie durch folgende Schritte glücklicher geworden: Sie begann, die Bedeutung des Aussehens zu relativieren und eine vom Äusseren unabhängige Identität aufzubauen, indem sie ihr Leben mit vielen anderen Dingen füllte. Ausserdem lernte sie, der Diagnose und ihrem Umfeld zu vertrauen, die ihr vermittelten, dass ihre Wahrnehmung verzerrt ist. Sie versuchte, den Fokus auf verschiedene Aspekte zu lenken und das grosse Ganze zu sehen. «Ich stellte mich also meinen Ängsten, denn nur so können sie überwunden werden.»
Ablenkung hilft ihr am meisten. «Sobald ich mich auf etwas anderes konzentriere, treten die Sorgen in den Hintergrund.» Das merkt sie besonders in ihrer Gärtnerlehre, die sie nach fünf Jahren Krankheit beginnt. Einen Beruf mit möglichst wenig sozialem Kontakt zu wählen, ist für sie kein Zufall. «Ich wollte möglichst wenig Kontakt zu anderen. Sonst hätte ich mich wohl wieder in meinen Gedanken verloren.»
Durch feste Tagesstrukturen, die Arbeit mit Pflanzen und körperliche Aufgaben werden die inneren Stimmen leiser. Gleichzeitig entwickelt sie weitere Strategien: «Ich stelle mir den Wecker so, dass ich nicht zu viel Zeit habe, um mich fertig zu machen. Wenn es mir nicht gut geht, decke ich den Spiegel ab oder dimme das Licht. Und vor dem Schlafen höre ich geführte Meditationen».
Über ihre Erfahrungen mit Körperdysmorphie hat sie ein Buch geschrieben, das sie eines Tages veröffentlichen möchte, um Betroffenen zu helfen. Darin beschreibt sie die Werkzeuge, die ihr im Umgang mit der Erkrankung geholfen haben. Das Buch wollte sie bewusst vereinfacht und bildlich gestalten, da sie selbst lange kaum eine Seite lesen konnte, ohne dass ihre Gedanken abschweiften.
Zurzeit absolviert die inzwischen 28-Jährige eine Ausbildung zur Naturheilpraktikerin und entdeckt dabei immer mehr Wege, ihr Wohlbefinden zu verbessern. Denn während ihrer Therapie blieben zwei Aspekte lange unbeachtet: ihr Hormonhaushalt und ihr Menstruationszyklus. «Darüber wurde nie gesprochen», sagt sie rückblickend. Heute achtet sie in bestimmten Zyklusphasen bewusster auf sich – etwa, indem sie in bestimmten Phasen den Spiegel meidet. Sie liess ihren Hormonhaushalt selbst untersuchen. Die Ergebnisse zeigten mehrere Dysbalancen. «Die Behandlung hat dazu beigetragen, mein Leiden zu verringern», so Melanie.
Angehörigen rät sie, Geduld zu zeigen, die betroffene Person wertzuschätzen, in Gesprächen möglichst nicht auf das Aussehen zu fokussieren und bei der Suche nach professioneller Hilfe zu unterstützen.
Inzwischen hat sie ihre Unsicherheiten und Ängste bezüglich ihres Aussehens nur noch selten und in schwacher Ausprägung. «Die Linse, durch die ich mich sehe, ist nicht mehr so starr und lässt sich besser lenken.»
