Schweiz
Italien

Meloni persönlich setzt sie unter Druck: So tickt Beatrice Pilloud

KEYPIX - Beatrice Pilloud, Attorney General of the Canton of Valais, reacts during a press conference about the Le Constellation bar and lounge leaving people dead and injured, during New Year’s celeb ...
Führt seit 2024 die Geschicke der Walliser Staatsanwaltschaft: Beatrice Pilloud.Bild: KEYSTONE

Meloni persönlich setzt sie unter Druck: So tickt Beatrice Pilloud

Italiens Regierungschefin befeuert den Sturm der Entrüstung gegen die Walliser Chef-Staatsanwältin. Sie galt bei ihrer Wahl als Kommunikationstalent. Was ist davon geblieben?
25.01.2026, 18:3225.01.2026, 18:32
Julian Spörri / ch media

Beatrice Pilloud zeigt während Sekunden keine Regung. Eben wurde sie zur neuen Walliser Generalstaatsanwältin gewählt. Während ihr Ehemann auf der Zuschauertribüne des Kantonsparlaments ihre Hand drückt, die Tochter klatscht und der Sohn sichtbar ausatmet, muss sich Pilloud erst sammeln. Dann wendet sie sich strahlend den TV-Kameras zu: Am Morgen sei sie überhaupt nicht sicher gewesen, dass sie die Wahl gewinnen würde. Dass sie als erste Frau an die Spitze der Walliser Staatsanwaltschaft rückt.

Ebenso wenig hätte Pilloud an jenem 15. November 2023 erwartet, zwei Jahre später das Gesicht einer weltweit beachteten Ermittlung zu sein. Die Aufarbeitung der Brandkatastrophe von Crans-Montana wird mit Argusaugen verfolgt, besonders in Italien. Am Samstag beauftragte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ihren Botschafter in Bern, Pilloud die «heftige Empörung» über die Freilassung des Barbetreibers Jacques Moretti aus der Untersuchungshaft kundzutun. Wie tickt die Chef-Staatsanwältin, auf der immenser Druck lastet?

Kommunikationsstopp trotz Kommunikationsflair

Am Vormittag des 1. Januars hat Pilloud alles im Griff. Punkt 10.25 Uhr gibt sie in Crans-Montana vor den Medien ein Versprechen ab: «Wir werden alles tun, um die Umstände dieses Dramas aufzuklären.» Im Stile einer Kommunikationschefin leitet sie die erste Pressekonferenz an und erteilt den anderen Behördenvertretern das Wort. Dass Pilloud mit Kantons- und Gemeindepolitikern auftritt, sollte erst später für Kritik sorgen.

Die Staatsanwältin nimmt die Rolle ein, die man bei ihrer Wahl von ihr erwartet hatte. Sie verfüge über «exzellente Kommunikationskompetenzen», über ein «sehr gutes Konfliktmanagement», hiess es im Assessment der kantonalen Justizaufsichtsbehörde. Auch in den Tagen nach der Brandkatastrophe bleibt Pilloud auf allen Kanälen präsent: Das französische RTL empfängt sie gar bei sich im Büro in Sion.

Dann taucht sie ab. Und hält der immer stärker werdenden Kritik nichts entgegen: Wieso wurden Leichen von Brandopfern nicht obduziert? Warum konfiszierte die Staatsanwaltschaft die Handys der Barbetreiber Moretti erst Tage nach der Tragödie? Weshalb sind die Gemeindevertreter nicht offiziell beschuldigt?

Beatrice Pilloud, center, Attorney General of the Canton of Valais, speaks to the journalists after inspecting the site of the fire at the 'Le Constellation' bar and lounge, in Crans-Montana ...
Mikrofone aus aller Welt sind auf sie gerichtet: Beatrice Pilloud an einer Medienkonferenz am 3. Januar in Crans-Montana.Bild: keystone

Fragen bleiben unbeantwortet, Interviews gibt es keine, ein Communiqué höchst selten. Die Staatsanwaltschaft folgt einem anderen Rhythmus als die Medien. Zudem wolle Pilloud kommunikative Fehler vermeiden, meint ein Anwalt, der sie beruflich kennt. Die Generalstaatsanwältin ermittelt nicht selbst, ist aber Koordinatorin und Pressesprecherin in Personalunion. Denn die Walliser Staatsanwaltschaft hat keine Medienabteilung. Diese Eigenheit führte schon vor der Tragödie von Crans-Montana dazu, dass Pilloud mit Medienanfragen je nach Zeit – und Nutzen? – ganz unterschiedlich umging: Mal beschränkte sie sich auf einsilbige Sätze, mal rief sie zurück und nahm sich 20 Minuten Zeit.

2025 gab sie sich in Interviews bisweilen ganz persönlich. «Ich bin manchmal etwas stur und viereckig», sagte sie dem SRF offenherzig. Geboren in Visp und aufgewachsen in Sion, schrieb sie diese Eigenschaften ihren Oberwalliser Wurzeln zu. Fürs Rechtsstudium ging die Walliserin nach Neuenburg. Mit ihrer Anwaltskanzlei in Sion erarbeitete sie sich einen guten Ruf – mit «präzisen Dossiers», wie es unter Berufskollegen heisst. Und mit ihrer «engagierten Art»: Ihr Wecker klingelt oft schon um 4.30 Uhr.

Darum brauchte Pilloud eine «Angewöhnungszeit»

Von der Strafverteidigung zur Strafverfolgung wechselte Pilloud erst mit der Wahl zur Walliser Generalstaatsanwältin. Der zweite Punkt in der Jobausschreibung verlangte: «Nachgewiesene Erfahrung in der Strafverfolgung». Das hatte Pilloud nicht. Die Justizkommission kam 2023 trotz der «fehlenden Erfahrung im Beruf des Staatsanwalts» zum Schluss, ihre Kandidatur sei die beste. Sie benötige zwar eine Angewöhnungszeit, könne aber neuen Wind in die Walliser Staatsanwaltschaft bringen.

Diese befand sich in einer Krise: Das Personal lief davon, der Generalstaatsanwalt zog den Hut. Diese Konstellation erwies sich als Nachteil für Pillouds Kontrahenten Olivier Elsig von der Mitte-Partei. Er verkörperte den Status quo, weil er seit über zehn Jahren im Wallis als Staatsanwalt tätig war. Zudem machte das Assessment bei ihm «Kommunikationsmängel» und einen hierarchischen Führungsstil aus – im Unterschied zur «konsensuellen» Art Pillouds. Parlamentarierinnen lobten diese Eigenschaften am Wahltag im Rat.

Pilloud wurde von der FDP portiert und von der Oberwalliser SVP und den Linken unterstützt. Selbst gewisse Mitte-Vertreter stimmten für sie und gegen Elsig. Für Erneuerung und gegen Ermittlererfahrung.

Der Cousin des Kontrahenten setzt Druck auf

Die Seite des Verlierers sieht sich angesichts der bisherigen Aufarbeitung der Brandkatastrophe in ihren Befürchtungen bestätigt. Nur wer routiniert sei, habe die richtigen Reflexe, sagt ein Abgeordneter.

Pillouds Kontrahent Elsig hätte Krisenerfahrung. Als Staatsanwalt untersuchte er die andere grosse Walliser Katastrophe dieses Jahrtausends: das Busunglück von Siders mit 28 Toten. In die Ermittlungen zu Crans-Montana ist er als Oberstaatsanwalt der Region Mittelwallis nicht involviert. Dafür vertritt sein Cousin Familien von Brandopfern und erhöhte nach den Anhörungen letzte Woche den Druck: «Wir sind noch nicht weit genug gekommen.»

Dass die Wege im Wallis kurz sind, damit hat auch Pilloud Erfahrung. Sie verteidigte in ihrer Zeit als Anwältin Cédric Flaction: einen mutmasslichen Weinpanscher mit Verbindungen zum Weinhändler Dominique Giroud, der die Justiz im Wallis seit Jahren beschäftigt. In der Aufarbeitung der Affäre Giroud erklärte das Kantonsgericht Pilloud, nunmehr Generalstaatsanwältin, für befangen. Die für den Fall zuständige Staatsanwältin Rahel Brühwiler war mit den Ermittlungen überfordert und bat um Hilfe. Wie «Le Temps» im Oktober berichtete, bezichtigte sie Pilloud der Einflussnahme auf das Verfahren. Sie nahm sich das Leben.

Italiens Proteststurm abgeblockt

Die tragische Episode lässt erahnen, wie stark es in der Staatsanwaltschaft weiter rumort. Pilloud, mit dem Anspruch angetreten, «das Menschliche» zurück in die Behörde zu bringen, hat viel Arbeit vor sich.

Strukturell liegt das Problem in der dünnen Personaldecke bei zunehmender Arbeitslast. Zwischen 2021 und 2024 stieg die Zahl der neuen Fälle um über 30 Prozent. Pilloud sandte im Jahresbericht 2024 einen «Hilferuf» aus und forderte mehr Ressourcen. Mit Erfolg: In den ersten beiden Jahren ihrer Amtszeit stockte das Parlament die Staatsanwaltschaft auf, zuletzt im Dezember um drei Stellen.

Es ist auch ein Beleg dafür, dass es Pilloud mit ihrem freundlichen, aber bestimmten Kommunikationsstil gelingt, sich Gehör zu verschaffen – wenn sie es will und es ihr dient. Nach der Attacke der italienischen Regierung war dies am Samstag auch bei den Crans-Montana-Ermittlungen der Fall. Auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone stellte Pilloud klar, für die Freilassung Morettis sei das Zwangsmassnahmengericht zuständig. «Ich möchte nicht für einen diplomatischen Zwischenfall zwischen unseren beiden Ländern verantwortlich sein.» (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Der nationale Trauertag für die Opfer von Crans-Montana
1 / 11
Der nationale Trauertag für die Opfer von Crans-Montana

Am 9. Januar 2026 fand der nationale Gedenkanlass und Trauertag für die Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana.

quelle: keystone / jean-christophe bott
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Jugendliche Augenzeugin der Tragödie in Crans-Montana hält am Trauertag emotionale Rede
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
44 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Alex747
25.01.2026 19:15registriert Oktober 2019
Frau Meloni sollte den Ball etwas flacher halten. Sie sollte uns vielleicht sagen, wann gedenkt italienische, marode , korrumpierte Justiz endlich Urteil im Fall Morandi Brücke auszusprechen? Morandi Brücke sit in 2018 abgestürzt, 43 Mensxhen haben ihr Leben verloren, zum Prozess kam es erst in 2025, Urteil wird frühestens 2027 erwartet. Frühestens. Und Madame Meloni kritisiert Schweizer Justiz.
4412
Melden
Zum Kommentar
avatar
Tim Horton
25.01.2026 19:23registriert Oktober 2023
die späte u-haft: geschenkt, die nicht angeordneten obduktionen: schon sehr seltsam, aber den beschuldigten die handys nicht direkt abzunehmen: unverzeihlich. wie ein ganzer staatsanwälte-pool das vergessen kann, ist ein rätsel. sie muss als chefin halt dafür den kopf hinhalten.
275
Melden
Zum Kommentar
avatar
AdiBo
25.01.2026 19:34registriert Dezember 2024
Von mir aus kann Pilloud auch erst um 9 Uhr statt um 4.30 Uhr aufstehen, wenn sie ihren Job richtig macht. Dass sie diesen stümperhaft ausführt, ist in einer Liste von Nachlässigkeiten nach der Brandkatastrophe nachzuverfolgen. Dass damit das Vertrauen der Italienerinnen und Italienern in die Schweizer Justiz flötengeht, ist wohl mehr als nachvollziehbar. Ich wiederhole es einmal mehr: Der Fall gehört der Walliser Staatsantwaltschaft ugehend entzogen, sonst werden wir im Ausland, nicht nur in Italien, einen fatalen Imageschaden erleiden.
2712
Melden
Zum Kommentar
44
Streit eskaliert in Bern: Mann feuert mit Schreckschusspistole
Bei einer Auseinandersetzung in Bern sind in der Nacht auf Samstag Schüsse aus einer Schreckschusspistole abgefeuert worden. Direkt dadurch wurde niemand verletzt, ein mutmasslich Beteiligter jedoch durch einen anderen Gegenstand.
Zur Story