Meloni persönlich setzt sie unter Druck: So tickt Beatrice Pilloud
Beatrice Pilloud zeigt während Sekunden keine Regung. Eben wurde sie zur neuen Walliser Generalstaatsanwältin gewählt. Während ihr Ehemann auf der Zuschauertribüne des Kantonsparlaments ihre Hand drückt, die Tochter klatscht und der Sohn sichtbar ausatmet, muss sich Pilloud erst sammeln. Dann wendet sie sich strahlend den TV-Kameras zu: Am Morgen sei sie überhaupt nicht sicher gewesen, dass sie die Wahl gewinnen würde. Dass sie als erste Frau an die Spitze der Walliser Staatsanwaltschaft rückt.
Ebenso wenig hätte Pilloud an jenem 15. November 2023 erwartet, zwei Jahre später das Gesicht einer weltweit beachteten Ermittlung zu sein. Die Aufarbeitung der Brandkatastrophe von Crans-Montana wird mit Argusaugen verfolgt, besonders in Italien. Am Samstag beauftragte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ihren Botschafter in Bern, Pilloud die «heftige Empörung» über die Freilassung des Barbetreibers Jacques Moretti aus der Untersuchungshaft kundzutun. Wie tickt die Chef-Staatsanwältin, auf der immenser Druck lastet?
Kommunikationsstopp trotz Kommunikationsflair
Am Vormittag des 1. Januars hat Pilloud alles im Griff. Punkt 10.25 Uhr gibt sie in Crans-Montana vor den Medien ein Versprechen ab: «Wir werden alles tun, um die Umstände dieses Dramas aufzuklären.» Im Stile einer Kommunikationschefin leitet sie die erste Pressekonferenz an und erteilt den anderen Behördenvertretern das Wort. Dass Pilloud mit Kantons- und Gemeindepolitikern auftritt, sollte erst später für Kritik sorgen.
Die Staatsanwältin nimmt die Rolle ein, die man bei ihrer Wahl von ihr erwartet hatte. Sie verfüge über «exzellente Kommunikationskompetenzen», über ein «sehr gutes Konfliktmanagement», hiess es im Assessment der kantonalen Justizaufsichtsbehörde. Auch in den Tagen nach der Brandkatastrophe bleibt Pilloud auf allen Kanälen präsent: Das französische RTL empfängt sie gar bei sich im Büro in Sion.
Dann taucht sie ab. Und hält der immer stärker werdenden Kritik nichts entgegen: Wieso wurden Leichen von Brandopfern nicht obduziert? Warum konfiszierte die Staatsanwaltschaft die Handys der Barbetreiber Moretti erst Tage nach der Tragödie? Weshalb sind die Gemeindevertreter nicht offiziell beschuldigt?
Fragen bleiben unbeantwortet, Interviews gibt es keine, ein Communiqué höchst selten. Die Staatsanwaltschaft folgt einem anderen Rhythmus als die Medien. Zudem wolle Pilloud kommunikative Fehler vermeiden, meint ein Anwalt, der sie beruflich kennt. Die Generalstaatsanwältin ermittelt nicht selbst, ist aber Koordinatorin und Pressesprecherin in Personalunion. Denn die Walliser Staatsanwaltschaft hat keine Medienabteilung. Diese Eigenheit führte schon vor der Tragödie von Crans-Montana dazu, dass Pilloud mit Medienanfragen je nach Zeit – und Nutzen? – ganz unterschiedlich umging: Mal beschränkte sie sich auf einsilbige Sätze, mal rief sie zurück und nahm sich 20 Minuten Zeit.
2025 gab sie sich in Interviews bisweilen ganz persönlich. «Ich bin manchmal etwas stur und viereckig», sagte sie dem SRF offenherzig. Geboren in Visp und aufgewachsen in Sion, schrieb sie diese Eigenschaften ihren Oberwalliser Wurzeln zu. Fürs Rechtsstudium ging die Walliserin nach Neuenburg. Mit ihrer Anwaltskanzlei in Sion erarbeitete sie sich einen guten Ruf – mit «präzisen Dossiers», wie es unter Berufskollegen heisst. Und mit ihrer «engagierten Art»: Ihr Wecker klingelt oft schon um 4.30 Uhr.
Darum brauchte Pilloud eine «Angewöhnungszeit»
Von der Strafverteidigung zur Strafverfolgung wechselte Pilloud erst mit der Wahl zur Walliser Generalstaatsanwältin. Der zweite Punkt in der Jobausschreibung verlangte: «Nachgewiesene Erfahrung in der Strafverfolgung». Das hatte Pilloud nicht. Die Justizkommission kam 2023 trotz der «fehlenden Erfahrung im Beruf des Staatsanwalts» zum Schluss, ihre Kandidatur sei die beste. Sie benötige zwar eine Angewöhnungszeit, könne aber neuen Wind in die Walliser Staatsanwaltschaft bringen.
Diese befand sich in einer Krise: Das Personal lief davon, der Generalstaatsanwalt zog den Hut. Diese Konstellation erwies sich als Nachteil für Pillouds Kontrahenten Olivier Elsig von der Mitte-Partei. Er verkörperte den Status quo, weil er seit über zehn Jahren im Wallis als Staatsanwalt tätig war. Zudem machte das Assessment bei ihm «Kommunikationsmängel» und einen hierarchischen Führungsstil aus – im Unterschied zur «konsensuellen» Art Pillouds. Parlamentarierinnen lobten diese Eigenschaften am Wahltag im Rat.
Pilloud wurde von der FDP portiert und von der Oberwalliser SVP und den Linken unterstützt. Selbst gewisse Mitte-Vertreter stimmten für sie und gegen Elsig. Für Erneuerung und gegen Ermittlererfahrung.
Der Cousin des Kontrahenten setzt Druck auf
Die Seite des Verlierers sieht sich angesichts der bisherigen Aufarbeitung der Brandkatastrophe in ihren Befürchtungen bestätigt. Nur wer routiniert sei, habe die richtigen Reflexe, sagt ein Abgeordneter.
Pillouds Kontrahent Elsig hätte Krisenerfahrung. Als Staatsanwalt untersuchte er die andere grosse Walliser Katastrophe dieses Jahrtausends: das Busunglück von Siders mit 28 Toten. In die Ermittlungen zu Crans-Montana ist er als Oberstaatsanwalt der Region Mittelwallis nicht involviert. Dafür vertritt sein Cousin Familien von Brandopfern und erhöhte nach den Anhörungen letzte Woche den Druck: «Wir sind noch nicht weit genug gekommen.»
Dass die Wege im Wallis kurz sind, damit hat auch Pilloud Erfahrung. Sie verteidigte in ihrer Zeit als Anwältin Cédric Flaction: einen mutmasslichen Weinpanscher mit Verbindungen zum Weinhändler Dominique Giroud, der die Justiz im Wallis seit Jahren beschäftigt. In der Aufarbeitung der Affäre Giroud erklärte das Kantonsgericht Pilloud, nunmehr Generalstaatsanwältin, für befangen. Die für den Fall zuständige Staatsanwältin Rahel Brühwiler war mit den Ermittlungen überfordert und bat um Hilfe. Wie «Le Temps» im Oktober berichtete, bezichtigte sie Pilloud der Einflussnahme auf das Verfahren. Sie nahm sich das Leben.
Italiens Proteststurm abgeblockt
Die tragische Episode lässt erahnen, wie stark es in der Staatsanwaltschaft weiter rumort. Pilloud, mit dem Anspruch angetreten, «das Menschliche» zurück in die Behörde zu bringen, hat viel Arbeit vor sich.
Strukturell liegt das Problem in der dünnen Personaldecke bei zunehmender Arbeitslast. Zwischen 2021 und 2024 stieg die Zahl der neuen Fälle um über 30 Prozent. Pilloud sandte im Jahresbericht 2024 einen «Hilferuf» aus und forderte mehr Ressourcen. Mit Erfolg: In den ersten beiden Jahren ihrer Amtszeit stockte das Parlament die Staatsanwaltschaft auf, zuletzt im Dezember um drei Stellen.
Es ist auch ein Beleg dafür, dass es Pilloud mit ihrem freundlichen, aber bestimmten Kommunikationsstil gelingt, sich Gehör zu verschaffen – wenn sie es will und es ihr dient. Nach der Attacke der italienischen Regierung war dies am Samstag auch bei den Crans-Montana-Ermittlungen der Fall. Auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone stellte Pilloud klar, für die Freilassung Morettis sei das Zwangsmassnahmengericht zuständig. «Ich möchte nicht für einen diplomatischen Zwischenfall zwischen unseren beiden Ländern verantwortlich sein.» (aargauerzeitung.ch)
