Thomas Bucheli hört auf – bleibt aber präsent: «Ganz aufhören fällt mir schwer»
Wann hören Sie auf als Wetter-Moderator?
Thomas Bucheli: Im Herbst. Offiziell werde ich Ende Mai pensioniert. Ich verliere Rang, Amt und Würde. Damit bin ich befreit. Aber wir haben zwei weitere Abgänge im Team. Aber SRF Meteo ist schon mein Kind, da konnte ich die anderen nicht hängen lassen. Deshalb bleibe ich etwa zu 50 Prozent weiter – für Ausbildung und Moderation. So kann ich langsam Abschied nehmen. Mein Nachfolger wird Gaudenz Flury.
Was ist für Sie gutes Wetter? So wie Sie es vorausgesagt haben?
Das ganz sicher. Wenn sich das Wetter an die Prognose hält, ist das natürlich sehr gutes Wetter. Aber die Natur entscheidet, ob das Wetter gut oder schlecht ist.
Spüren Sie einen Erwartungsdruck: Es sollte schön sein?
Schauen Sie, das Wetter macht, was es will, nicht das, was die Prognose sagt. Und die Erwartungshaltung der Leute interessiert eigentlich nicht. Es geht darum, dass sie sich ein wenig nach dem vorhergesagten Wetter richten können.
Passiert es Ihnen auch mal, dass Sie beim Wandern vom Gewitter überrascht werden, oder passiert das nie?
Nie ist vielleicht etwas übertrieben. Aber ich kann natürlich abschätzen, ob ein Risiko besteht. Wenn wir wandern gehen – und das machen wir relativ oft – nehme ich immer die ganze Ausrüstung mit. Das ist fast ein wenig manisch. Aber trotzdem: Wenn ich in die Berge gehe, habe ich meine Sachen dabei. Es gibt genug schlechte Beispiele, die es in die Medien schaffen.
Wann hatten Sie Pech?
Das ist mir auch schon mal passiert: Ich war in einem Open-Air-Kino. Dort kamen die Organisatoren und fragten mich: Kommt das Gewitter noch? Ich habe alles versucht, damals waren wir noch nicht vernetzt wie heute. Schliesslich habe ich gesagt: Es geht südlich durch. Etwa zehn Minuten später hat es stark geregnet.
Was ist die beste Wetter-App?
Wichtig ist, dass Sie nicht nur eine Wetter-App anschauen, sondern mehrere. Wetterprognosen basieren auf Modellen. Modelle sind Berechnungen, die Unsicherheiten haben. Wenn alle Apps mehr oder weniger das Gleiche zeigen, können Sie davon ausgehen, dass es so kommt. Wenn hingegen unterschiedliche Darstellungen gemacht werden, heisst es einfach: vorsichtig sein und den Himmel speziell anschauen.
Welche Wetterlage ist Ihnen am liebsten, was ist langweilig?
Für mich gibt es nicht die liebste Wetterlage. Ich bin im Seetal aufgewachsen, und das ist fast ähnlich wie hier: Wir haben auch viel Nebel. Und ich liebe Nebel. Ich zeige Nebelbilder jeweils ganz genüsslich. Die letzten Tage oder Wochen von diesem April waren nicht wahnsinnig spannend.
Wie sind Sie zur Meteorologie gekommen?
Über die Fliegerei. Ich durfte mit 17 die fliegerische Vorschulung in Grenchen machen und hatte dort Wetterkunde. Ich war ohnehin immer ein wenig affin mit naturwissenschaftlichen Themen, lernte in der Schule etwas über Stabilität, Wolkentypen und Windsysteme. Das wollte ich genauer wissen. So begann ich an der ETH zu studieren. Am Schluss habe ich Meteorologie, Klimatologie und Atmosphärenphysik abgeschlossen.
Dann folgte die Praxis?
Ich verstand zwar die Theorie, aber eigentlich noch keine praktische Anwendung. Dann kam ich zu Meteo Schweiz als junger Meteorologe, als Theoretiker, und lernte dort die Praxis von Wetter und Prognostik. In einem dreimonatigen Ausbildungskurs in England wurden Theorie und Praxis konzentriert zusammengeführt. Das war ein Aha-Erlebnis. Jetzt wusste ich endlich, wie Wetter funktioniert.
Wie schätzen Sie die Qualität privater Wetterstationen ein?
Es gibt klare Vorgaben der Weltorganisation für Meteorologie, wie Messungen gemacht werden müssen. Private messen da oft falsch – an Hauswänden, auf Balkonen, mit Sonneneinstrahlung. Offizielle Messungen erfolgen im Schatten, standardisiert. Nur so kann man Werte vergleichen – über Orte und über lange Zeiträume. Wenn man eine eigene Station hat und will, dass sie wissenschaftlich brauchbar ist, dann ist das aufwendig und auch teuer.
Welche Jahreszeit mögen Sie am liebsten?
Herbst. Ich halte den Herbst wegen seiner Farben für fantastisch. Es ist nicht mehr so heiss – ich habe es nicht so gerne heiss. Und es hat oft Nebel. Das gefällt mir.
Es gab einmal Probleme mit der SRF-Meteo-App und zu hoch angesagten Temperaturen. Hat Sie das geärgert?
Es gibt auch Fehlprognosen. Die gibt es nicht zuletzt auch in diesen vollautomatisierten Wetter-Apps. Wir haben dabei Millionen Datenpunkte, die wir prognostisch berechnen. Das sind schwierige Algorithmen und Aufgaben. Ein neues Programm hat in der sehr heissen Sommerphase überschossen. Gestört hat mich der Vorwurf, wir würden das absichtlich machen, um den Klimawandel zu propagieren.
Zur Zeit ist es so trocken, wie seit 60 Jahren nicht mehr. Aussergewöhnlich?
Langjährige Messungen zeigen, dass das wirklich einer der trockensten oder sogar der trockenste April seit Messbeginn war – seit 1864. Wir hatten dadurch sehr hohe Temperaturen, auch im Rekordbereich. Aber einfach zu sagen, das sei jetzt der Klimawandel, ist nicht ganz wissenschaftlich.
Wie gehen Sie mit Kritik von Klimaleugnern um?
Gemessen hat man, dass die Erwärmung stattfindet. Als Grund erkannte man die Treibhausgase, was belegt ist. Skeptikern sage ich: Falls ihr einen anderen Grund findet für die gemessene Erderwärmung – publiziert das, macht Forschungsberichte, vielleicht bekommt ihr den Nobelpreis. Solange das nicht passiert, muss man davon ausgehen, dass die Wissenschaft das im Griff hat. Politik und Wissenschaft sind zwei verschiedene Dinge – wir liefern die Fakten.
Wie viele Modelle schauen Sie an?
Zwei globale und fünf oder sechs regionale Modelle für Europa und die Schweiz. Sieben Modelle, die mehr oder weniger unterschiedliche Resultate zeigen. Für die ersten Tage sind die Differenzen klein, danach gehen sie auseinander. Deshalb hören wir nach sieben Tagen auf mit den Prognosen. Dann gibt es eine Lücke, die übernehmen die Muotathaler Wetterschmöcker.
Was halten Sie von den Muotathaler Wetterschmöckern?
Wissenschaftlich bin ich nicht auf der gleichen Linie. Aber sie sind spannend, sympathisch und nehmen sich wohl selber nicht allzu ernst.
Wie gehen Sie mit Fehlprognosen um?
Feedback ist wichtig. Wenn eine Prognose nicht stimmt, schauen wir nach: Was haben wir übersehen? Was war neu? Man lernt daraus.
Sie müssen auch vor Extremniederschlägen, Überschwemmungen oder Murgängen warnen. Wie wohl ist Ihnen dabei?
Ganz wohl ist einem nie. Früher waren die Modelle viel gröber, mit Gitterpunkten von etwa 150 Kilometern Abstand. Heute haben wir Modelle mit etwa einem Kilometer Abstand. Da ist die Topografie viel besser drin. Gerade bei Staulagen kann man Niederschläge heute deutlich besser lokalisieren.
Sind die Modelle präzise?
Sie sind gut, aber nie perfekt. Bei Gewittern muss man besonders vorsichtig sein. Die gehen oft noch durch die Maschen.
Hilft das Wetterradar nicht?
Radar zeigt vor allem, wo es bereits geregnet hat. Daraus wird dann berechnet, wohin sich die Zelle bewegt. Auch dort können Fehler entstehen. Darum sollte man sich nicht nur auf Apps oder Radar verlassen. Besonders in den Bergen sollte man auch einen handgemachten Wetterbericht lesen.
Gehen Sie trotz Gewitter aufs SRF-Dach?
Ich reize es manchmal etwas aus, weil Gewitterstimmungen fantastisch sind. Aber wir haben Kameraleute, Technik und Verantwortung. Ganz ohne Risiko geht es nicht.
Werden Prognosen dank KI bald 20 oder 30 Tage im Voraus möglich?
KI hat enormes Potenzial. Noch ist vieles nebulös, aber ich bin überzeugt, dass zusätzliche Möglichkeiten entstehen. Man braucht allerdings Daten, und nicht für jeden Punkt gibt es Messreihen über 100 Jahre. Ich bin gespannt, was in den nächsten Jahrzehnten passiert.
Könnte KI auch moderieren?
Möglich wäre es wohl. Aber es wäre schade. Das Menschliche würde fehlen.
Polarlichter in der Schweiz: Wird das Alltag?
Alltag sicher nicht. Es gab zuletzt einige starke Sonnenereignisse. Aber heute fotografieren und verbreiten die Leute solche Phänomene sofort. Dadurch wirken sie häufiger.
Ähnlich wie beim Saharastaub?
Genau. Den gab es früher auch. Aber man konnte ihn weniger gut prognostizieren, und er wurde medial nicht so stark verbreitet. Heute gibt es Modelle, Zuschauerbilder und mediale Aufmerksamkeit.
Wie wird der Sommer?
Überdurchschnittlich warm. Das ist eine wissenschaftliche Ableitung des Klimawandels. Und am 20. Juni ist der längste Tag des Jahres – da kann wohl niemand widersprechen.
(aargauerzeitung.ch)
