«Jeder Joint war wie ein kleiner Selbstmord»: Stress über seine dunkelste Zeit
Stress sitzt auf einem Sofa, blickt durch die imposante Glaswand des Prime Towers und wartet. Kein Handy in der Hand. Weniger Zeit auf sozialen Medien zu verbringen, ist eine der Veränderungen in seinem Leben, von denen er später erzählen wird. Der Rapper, der eigentlich Andres Andrekson heisst, hat Jahre mit Depressionen und exzessivem Cannabiskonsum hinter sich. Diese Zeit hat er nicht nur in neuen Songs verarbeitet. Zum ersten Mal hat Stress auch ein Buch geschrieben. Darin erzählt er, wie er aus der Krise herausfand.
Ihr Buch «Wie mit Stress umgehen» beginnt mit einer kleinen Einleitung von Melanie Winiger. Ihre Ex‑Frau erzählt von einer Szene im Zürcher Strassenverkehr. Sie nehmen einem Velofahrer die Vorfahrt. Der wird sauer, Sie steigen aus und treten gegen sein Rad. Woher kam diese Aggression?
Stress: Ich bin in einem sehr aggressiven Umfeld aufgewachsen. In einem Umfeld, in dem der Stärkere gewinnt und der Stärkere immer recht hat. Das war sehr toxisch. Diese Episode zeigt gut, wie ich damals war und wie unmöglich es für mich war, mit Stress umzugehen. Ich hatte eigentlich nur einen Modus: Aggression.
Wenn Sie so eine Erinnerung heute lesen – wie geht es Ihnen damit?
Es ist schon ein bisschen peinlich. Aber es ist auch die Realität.
Es ist jedenfalls sehr ehrlich.
Ja. Und ich glaube, es ist wichtig, dass man sich irgendwann davon verabschiedet. Okay, ich habe Fehler gemacht. Wir machen alle Fehler. Aber wir können daraus lernen.
Im Buch bezeichnet Melanie Winiger Ihre Männlichkeit als fragil. Sehen Sie das auch so?
Eigentlich war ich schon immer ein sensibler Mensch mit viel Empathie. Und viele Jahre lang wusste ich nicht, was ich damit anfangen soll, weil ich dachte, dass mein Umfeld das nicht akzeptiert. Wenn man aus der Kultur kommt, aus der ich komme, aus dieser urbanen Musik, wo alles sehr «street-oriented» ist, gibt es keinen Platz für Sensibilität. Man braucht eine Art Mauer um sich herum. Und mit der Zeit wird diese Mauer zum Gefängnis.
Daraus, so schreiben Sie in Ihrem Buch, ist Ihre Depression entwachsen. Wann gab es den ersten Moment in Ihrem Leben, in dem Sie realisiert haben, dass Sie ernsthaft psychisch krank sind?
In einer Depression ist alles wie in einem Nebel, man sieht nicht mehr klar. Deshalb ist es schwierig zu sagen: Das war der Moment. Aber die Depression hat sich nach meinem 40. Lebensjahr verschlimmert. Ich war leer, verloren, und nichts machte mehr Sinn. Ich war in einer tiefen Depression. Und auch als ich das realisierte, hatte ich lange Schwierigkeiten, es zu akzeptieren. Denn aus meiner damaligen Perspektive hätte das bedeutet, dass ich schwach bin.
Wie konnten Sie sich dann eingestehen, dass Sie Hilfe brauchen, und eine Therapie beginnen?
Die Schmerzen, die negativen Gedanken – sie wurden so mächtig, dass ich nicht mehr so weitermachen konnte. Es gab die Wahl: Entweder bringe ich mich um, oder ich nehme Hilfe an. Ich hatte das Glück, gute Menschen um mich herum zu haben. Menschen, die mir diese Momente zum Atmen gegeben haben, damit ich es bis zum nächsten Tag schaffe – und dann mit einer Therapie beginnen konnte.
Sie haben zu dieser Zeit auch viel gekifft. War das Kiffen der Auslöser für Ihre Depression?
Ich habe Joints geraucht wie Zigaretten. 15 am Tag. Ich glaube, die Depression war schon da. Das Kiffen hat sie aber wohl verstärkt. Für mich war jeder Joint wie ein kleiner Selbstmord. Denn was ist Selbstmord? Pause. «Reset. I am gone.» Man drückt diesen roten Knopf und ist weg. Wenn man einen Joint raucht, ist man für eine kurze Zeit ebenfalls weg von dieser Welt. Alles hört für einen Moment auf.
Klingt dramatisch.
Das Problem ist: In diesem Moment denkt man, dass es einem hilft. Aber eigentlich macht es alles nur schlimmer. Die Probleme kumulieren sich, weil man sie nicht behandelt. All die Dinge, die man zur Seite schiebt, türmen sich irgendwann zu einem Berg auf. Und irgendwann fällt dieser Berg auf einen. Dann ist man wirklich in der Scheisse. Bei mir gab es eine Zeit, in der ich nur noch ein Schatten meiner selbst war. Und wenn ich heute daran zurückdenke, tun mir all die Menschen leid, die damals in meinem Leben waren.
Sie haben es geschafft, mit dem Kiffen aufzuhören. Wie ging das?
Ich reiste nach Bali, um zu surfen, da ging das Gras aus. Die ersten Tage waren wirklich schwierig. Aber ich glaube, ich konnte vieles durch die positiven Emotionen kompensieren, die Sport und Bewegung einem geben können. Und dann begann ich, mich anders zu fühlen. Ich fing wieder an zu träumen. Am Ende wusste ich schon lange, dass ich etwas ändern musste. Vielleicht hatte ich einfach auf den richtigen Moment gewartet. Und für mich war das der richtige Moment. Danach war es erstaunlicherweise auch nicht mehr so schwierig, nicht zurückzugehen. Für mich war klar: Ich bin fertig damit.
Über Cannabis wird gerade viel diskutiert. Soll man es legalisieren oder nicht?
Wir sollten Cannabis nicht auf die leichte Schulter nehmen. Das Weed, das man heute bekommt, ist teilweise extrem stark gezüchtet. Das ist eine ganz andere Sache als früher. Es ist quasi Crack.
In Ihrem Buch geben Sie konkrete Tipps, wie man mit Stress umgehen kann, damit man nicht in ein Loch fällt. Nennen Sie uns die wichtigsten.
Wenn ich es auf drei Dinge reduzieren müsste, dann wären es: Arbeite an deinem Kopf. Tu etwas für deinen Körper. Und pass darauf auf, wie du mit Technologie umgehst.
Gehen wir das durch. Wie arbeiten Sie an Ihrem Kopf?
Ich mache jeden Tag eine Übung. Es ist ein Mantra, das ich durchgehe. Ich sage mir zum Beispiel: «Ich bin klar mit mir selbst und mit anderen. Ich bin präsent in jedem Moment. Ich gehe immer vorwärts. Ich bin frei von meinen Ängsten. Ich habe das Glück, in der Schweiz zu leben. Ich habe gute Menschen um mich herum. Und ich weiss, dass ich mich selbst nie im Stich lassen werde.»
Und was machen Sie für Ihren Körper?
Ich bewege mich viel und trainiere regelmässig. Sport gibt einem ebenfalls diese natürlichen Drogen, dieses Gefühl von Happiness. Und ich trinke keinen Alkohol mehr. Ich esse auch kein Fleisch mehr. Das heisst natürlich nicht, dass das jeder so machen muss. Mir aber tut es gut.
Kommen wir zum Umgang mit der Technologie.
Ich limitiere meinen Zugang zum Telefon und habe klare Regeln für den Konsum von sozialen Medien: keine sozialen Medien vor zwölf Uhr, keine sozialen Medien nach neun Uhr abends. Wenn ich vorher etwas auf meinen Kanälen posten muss, terminiere ich das.
Würden Sie sagen, dass Ihre Depressionen genetisch bedingt sind?
Nein. Ich glaube vielmehr, dass jeder Mensch mit unterschiedlichen Challenges durchs Leben geht. Und die meisten von uns machen es so: Wenn eine schwierige Erfahrung kommt, stellen wir sie irgendwo auf ein Regal. Aber nach ein paar Jahren ist dieses Regal voll. Und irgendwann kann man nicht mehr weitermachen. Genau deshalb kann Therapie so hilfreich sein. Man schaut sich an: Was davon ist heute überhaupt noch relevant? Welche Dinge trage ich mit mir herum, obwohl sie mich eigentlich gar nicht mehr beschäftigen müssten?
Sie hatten eine schwere Kindheit. Davon werden Sie noch zu tragen haben.
Wir sind im kommunistischen Estland aufgewachsen. Mein Vater war selbst ein traumatisiertes Kind. Als Baby wäre er beinahe gestorben, er wurde praktisch zum Sterben zurückgelassen. Meine Mutter hat ihre Eltern verloren, als sie sieben Jahre alt war. Dann bekamen diese beiden Menschen selbst Kinder. Und mein Vater war extrem gewalttätig. Dazu kam die Gewalt des kommunistischen Systems. Auch wirtschaftlich war die Situation schwierig. Es gab Zeiten, in denen wir nicht genug zu essen hatten.
Klingt schlimm.
In der damaligen Sowjetunion lebten wir in diesem ständigen Zustand der Angst. Diese ganze Psychose des Kalten Krieges – ich glaube, das hat in Osteuropa ganze Generationen traumatisiert. Kinder, die nicht wirklich Kinder sein konnten. Kinder, die Dinge gesehen und erlebt haben, die kein Kind erleben sollte. Viele Eltern meiner Freunde waren Alkoholiker, weil sie irgendwie mit ihrem Leben klarkommen mussten. Man kann sich vorstellen, was das zu Hause für eine Umgebung schafft. Es war, sagen wir es so, eine echte Scheissshow für ein Kind, das dort aufwächst.
Mit zwölf kamen Sie in die Schweiz.
Ja, das war mein grosses Glück. Dafür bin ich dankbar. Aber natürlich bringt man einen ganzen Rucksack mit. Und irgendwann später im Leben merkt man: Die Dinge, die mir in Estland geholfen haben zu überleben, sind nun genau die Dinge, die mich zerstören oder zurückhalten. Man kann jemanden nicht richtig lieben, weil in einem so viel kaputt ist. Es gibt keinen Platz für Emotionen, weil man selbst nie Liebe bekommen hat. Und man hat gelernt, Liebe als Schwäche zu betrachten.
Haben Sie heute noch Kontakt zu Ihrem Vater, der in Estland geblieben ist?
Nein. Ich habe versucht, wieder Kontakt aufzunehmen. Aber er war nicht bereit dazu. Einige Zeit später war ich mit meiner Mutter in Estland und sah ihn zufällig auf einem Platz. Er sah uns – und ging einfach weg. Meine Mutter rief ihm nach, aber er drehte sich nur kurz um und ging weiter. Irgendwann musste ich akzeptieren: Das Leben schuldet dir keine Erklärung. Ich weiss nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht schämt er sich, vielleicht gibt es andere Gründe. Mir geht es auch nicht darum, mit ihm zu streiten. Ich würde ihm eigentlich nur gern sagen: Es ist okay. Dein Sohn hat ein gutes Leben. «No bad vibes.» Aber wenn er dazu nicht bereit ist, muss ich das akzeptieren.
Sie haben als Jugendlicher in der Hip-Hop-Kultur in Lausanne Fuss gefasst und sich durchgesetzt.
Ich konnte mich mit Hip-Hop sofort identifizieren, weil ich auch aus einem rauen Milieu kam. Das war meine Sprache. Hip-Hop ist als Kultur auf der Strasse entstanden. Viele Menschen hatten keinen Zugang zu guter Bildung, zu gutem Wohnen, zu einem guten Leben, teilweise nicht einmal zu genügend Essen. Dieser Hunger, diese Energie, war eine Konsequenz aus vielen traumatischen Situationen. Deshalb war Hip-Hop ein perfektes Match für mich. Aber wenn man später im Leben weitergeht, versteht man irgendwann auch, dass diese ganze Energie und diese Bewegung teilweise auch aus Angst entstanden sind.
Diese Energie hat Sie letztlich auch so erfolgreich gemacht.
Ja. Aber sie ist nicht nachhaltig für das ganze Leben. Ich war damals um die 40, vielleicht 45. Und plötzlich musste ich realisieren: Ich hatte mein ganzes Leben Angst. Das war für mich sehr schwierig zu akzeptieren, weil es überhaupt nicht zu dem Bild passte, das ich von mir selbst hatte.
Viele Künstler thematisieren ihre Ängste und Depressionen in ihren Texten und Songs – auch Sie haben das getan. Warum sprechen so wenige über ihre Heilung?
Ja, manche suhlen sich sogar richtig in diesem Zustand. Auch ich habe mich ein paar Jahre lang über diesen Schmerz definiert. Aber das hat mich nicht weitergebracht. Ich war immer am gleichen Punkt. Und ja, der Schmerz war auch ein Antrieb für die Kunst. Die Heilung ist anstrengend, erfordert viel Disziplin und führt zurück in ein normales, kontrolliertes Leben. Diese Story wird leider weniger gerne erzählt, weil sie weniger zu einem schrillen Künstlerleben passt.
Wie kam es zu der Entscheidung, das in einem Buch zu thematisieren?
Ich will zeigen, dass die Depression kein Endzustand ist, dass man sie überwinden kann. Wenn es Menschen gibt, denen ich mit meiner Erfahrung helfen und zeigen kann, was sie ausprobieren könnten, bin ich sehr glücklich. Wenn es ihnen auch hilft, noch mehr. (schweizheute.ch)
