Als Chirurgen den Körper von Christian zu dem von Nadia formten, waren die Kameras dabei. Das war vor 26 Jahren. Heute sitzt Nadia Brönimann erneut im Scheinwerferlicht. Denn die berühmteste Transfrau der Schweiz bereut ihre Geschlechtsangleichung. Christian brauche wieder mehr Platz, sagte sie gegenüber der «Sonntagszeitung».
Das Interview in der Zusammenfassung:
Nun sitzt sie mit kurzen Haaren im «TalkTäglich», im Fernsehstudio von CH Media, wozu auch diese Zeitung gehört. In ihrem Fall ist der Haarschnitt ein Statement. Eines, das ihren Weg zurück zu ihrem männlichen Ich verdeutlicht. Heute könne man sie als Christian oder Nadia ansprechen, was einem leichter falle, sagt sie.
Wer ihr zuhört, merkt rasch, unter welchem Druck die Transfrau stand, sich ins binäre Geschlechterbild einzufügen. Wie viel Kraft es sie gekostet hat, um sich als Nadia zu präsentieren, um auch als Nadia akzeptiert zu sein. Damit soll nun Schluss sein: «Ich habe gelernt, mich nicht mehr so stark davon abhängig zu machen, wie die Aussenwelt von mir denkt», sagt sie. Das sei aber ein langer Prozess gewesen.
Nadia Brönimann hat nie ein Geheimnis um ihr bewegtes Leben gemacht. In Interviews sprach sie unter anderem über ihre Zeit als Strichjunge, als Stewart auf einer Luxus-Yacht oder als Dragqueen. Mit der Geschlechtsangleichung habe sie auf ein neues, unbeschriebenes Blatt gehofft, sagt sie heute.
Sie sehnte sich danach, ein neuer Mensch zu werden. Einem, dem es gut geht.
Es war eine Flucht vor sich selbst, die in einer Sackgasse mündete. Zwar habe sich ihr Weg phasenweise für sie richtig angefühlt, sagt Brönimann. Sie gewann an Selbstsicherheit und stellte fest, dass sie die gewünschte Aussenwirkung erzielte. Gleichzeitig merkte sie, dass sich die Rolle von Nadia zementierte. Ihr Leben entwickelte sich mehr und mehr zu einem Schauspiel, sagt Brönimann. «Meine Seele blieb dabei aber auf der Strecke.» Jene Seele, die sich zuerst im Körper von Christian nicht zu Hause gefühlt hatte. Und anschliessend in jenem von Nadia nicht.
Diese Einsicht sei ein «gewaltiger Hammer» gewesen, sagt Brönimann. Lange habe sie damit gehadert. Inzwischen habe sie sich ein Stück weit ausgesöhnt mit dem, was ist, was nicht ist, aber auch mit den Komplikationen. Sie habe um den gesunden Körper von Christian getrauert. Später um Nadia, die sie loslassen musste.
Bevor sie jedoch den ersten Hashtag «detrans» in den sozialen Medien postete, verstrichen Jahre. Jahre, die es brauchte, um sich mit Nadia auszusöhnen. «Erst als sich Ruhe und Friede einstellte, konnte ich neue Türen öffnen. Ich stellte fest: Meine Reise geht wieder weiter. Aber in eine andere Richtung», sagt Brönimann. Zu lange sei sie auf den Körper fixiert gewesen. Nun wolle sie sich frei fühlen und nicht überlegen, was männlich und was weiblich sei. Noch gelinge es ihr nicht ganz. «Aber ich breche etwas auf, das gesund für mich ist. Es ist bitter nötig, dass ich vom Druck loskomme, wie ich gegen aussen wirke.»
Zwischen Christian und Nadia will sie sich nicht entscheiden. Vielmehr wolle sie sich nicht mehr definieren. Vor 26 Jahren, als Brönimann sich für die Geschlechtsangleichung entschied, war ESC-Gewinner Nemo noch nicht auf der Welt und Nonbinarität weitgehend unbekannt. Auch für Brönimann. Sie habe damals nur Schwarz-Weiss präsentiert bekommen, also die binäre Geschlechterordnung. «Heute hat man viel mehr Lebensentwürfe, die in einer bunten Mitte sind. Vermutlich wäre ich einen solchen Weg gegangen. Er wäre wohl stimmiger gewesen und hätte meinem Körper weniger geschadet.»
Nadia Brönimann liess die Öffentlichkeit an ihrem Weg vom Mann zur Frau stets teilnehmen. Sie gab der Transcommunity ein Gesicht und trug dazu bei, die Thematik zu enttabuisieren. Gleichzeitig warb sie um ein Verständnis für Transmenschen und kämpfte für deren Akzeptanz.
Vor rund zwei Jahren schaltete sie sich in die Debatte rund um die sogenannten Pubertätsblocker ein. Mit diesen Hormonen wird verhindert, dass – je nach Geschlecht – Testosteron respektive Östrogen produziert wird. Die Pubertät wird aufgehalten und damit der Stimmbruch und der Bartwuchs oder das Wachstum der weiblichen Brüste blockiert. Brönimann warnte davor. Die Pubertät sei eine wichtige Phase, die man durchlaufen müsse. In dieser Zeit solche Medikamente anzuwenden, fände sie «absolut unverantwortlich». Daran hält sie bis heute fest.
Doch mit dieser Haltung habe sie sich in der Transcommunity zur Persona non grata gemacht, sagt Brönimann. «Aus den aktivistischen Kreisen der Transszene bekomme ich viel Ablehnung und Hass zu spüren.» Vor diesem Hintergrund erstaunt es wenig, dass es aus der Community nun keinen Zuspruch für ihre Detransition gibt. Brönimann sagt, sie bedauere diese verhärteten Fronten.
(aargauerzeitung.ch)
Das sollte sich jeder zu Herzen nehemen in allen möglichen Teilen des Lebens.