Warum private Medien bei Crans-Montana schneller waren als das SRF – oder eben nicht
Die privaten Medien waren in der Silvesternacht agil und nahmen sofort die Berichterstattung über die Brandkatastrophe in Crans-Montana auf. Die finanziell komfortabel ausgestatteten Sender der SRG verhielten sich hingegen träge und brauchten Stunden, bis sie erste Meldungen publizierten.
Diesen Vorwurf erhoben das Online-Portal «Inside Paradeplatz», die «Weltwoche», und auch dieses Medium ging auf das Thema ein. Die Kritik ist relevant im Zusammenhang mit der Abstimmung über die Halbierungsinitiative: Warum soll jeder einzelne Haushalt im Land fürderhin 300 (statt 200) Franken für die Medienabgabe aufwenden, wenn die SRG-Sender mit journalistischer Behäbigkeit negativ auffallen?
Nun ergeben Recherchen: Der Vorwurf an die Adresse der SRG ist nicht haltbar. Versagt hat in der Unglücksnacht nicht der öffentlich finanzierte Rundfunk, sondern ein privates Medium.
Journalist kennt Mitteilung, bevor sie geschrieben wird
Als Beleg für die Überlegenheit der Privaten wurde verschiedentlich eine Meldung von «20 Minuten» zitiert: Am 1. Januar schrieb dieses Nachrichtenportal um «1.48 Uhr»: In Crans-Montana sei um 1.30 Uhr ein Brand ausgebrochen. Beim Unglück seien mehrere Menschen ums Leben gekommen, wie die Polizei bestätige.
Diese Meldung fasste ein Communiqué zusammen, das die Walliser Kantonspolizei geschrieben hatte. Lag es bereits kurz nach Ausbruch des Brandes vor, wie «20 Minuten» suggerierte? Nein. Die Kantonspolizei verschickte die Mitteilung um 8.07 Uhr.
Wie ist es möglich, dass «20 Minuten» den Inhalt des Communiqués mehrere Stunden vor dessen offizieller Publikation kannte? Eine plausible Erklärung gibt es dafür nicht. Naheliegend ist vielmehr, dass ein Journalist eine Meldung im News-Ticker des Online-Portals um mehrere Stunden zurückdatierte.
Das ist ein schwerer journalistischer Fehler. Im Online-Journalismus ist Schnelligkeit ein wichtiges Kriterium. Offenbar wollte «20 Minuten» den Eindruck einer besonders zeitnahen Berichterstattung erwecken.
In Wahrheit war der Hauptkonkurrent von «20 Minuten» zuerst: Der «Blick» beschäftigt einen Korrespondenten im Wallis. Ihm fielen am 1. Januar am frühen Morgen Schreckensmeldungen auf dem Netzwerk Telegram auf. Er informierte sofort die Redaktion in Zürich. Nach 6 Uhr publizierte «Blick.ch» die erste Meldung in der Deutschschweiz zur Brandkatastrophe.
Die Nachricht wurde von den anderen Nachrichtenportalen übernommen und zum Teil mit eigenen Bildern und Kurzfilmen aus den sozialen Medien ergänzt. Srf.ch/news nahm die Berichterstattung über den Brand in Crans-Montana nicht mehrere Stunden, sondern ein paar Minuten später als «20 Minuten» auf. Das war kurz nach 7 Uhr. Eine Stunde später publizierte die Walliser Kantonspolizei ihre erste Medienmitteilung und kündigte eine Pressekonferenz an.
Kritik am linearen Fernsehen hält an
Eliane Loum-Gräser, Sprecherin von «20 Minuten», erklärt auf Anfrage: Der Newsticker von «20 Minuten» sei inzwischen korrigiert und mit einer Richtigstellung ergänzt worden: «Der Redaktion ist beim Einrichten des Tickers ein Fehler unterlaufen, indem sie diesen Eintrag auf den ungefähren Ereigniszeitpunkt zurückdatiert hat. Der Ticker wurde aber erst nach einer Erstmeldung um 6.44 Uhr, in der korrekt der ‹Blick› zitiert wurde, eingerichtet.»
«20 Minuten» begann die Berichterstattung also fünf Stunden später, als es der publizierte Zeitstempel vermuten liess. Der zeitliche Vorsprung auf die SRG ist eine Täuschung.
Die Kritik am Rundfunk reisst aber nicht ab. Im Zentrum steht dabei, wie das lineare Fernsehen über die Brandkatastrophe berichtete. Der Medienunternehmer Roger Schawinski sagte am Montag auf Radio 1: Die Tragweite des Falles sei sofort zu erkennen gewesen. Die deutschen Fernsehanstalten hätten am 1. Januar Sondersendungen ausgestrahlt, nicht aber das Schweizer Fernsehen.
Als SRF drei Tage später am Abend ein grosses Sonderprogramm zu Crans-Montana zeigte, wurde es von Nik Hartmann aus der Unterhaltungsabteilung moderiert. Die Informationssparte schaffte es nicht, einen Moderator aufzubieten. (aargauerzeitung.ch)
