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Zahlen lügen nicht

Die Eritreer in der Schweiz sind weniger kriminell als die Franzosen



Zurzeit sind die Eritreer in aller Munde. Der Angriff eines eritreischen Asylbewerbers auf eine junge Frau vor zwei Wochen wirft ein schlechtes Licht auf die ganze Bevölkerungsgruppe in unserem Land. Der «Blick» verstieg sich sogar zur Behauptung, 9 von 10 Eritreern seien Sozialhilfeempfänger.

Ein Blick in die Zahlen lässt andere Schlüsse zu: Wie der Tages-Anzeiger und die Aargauer Zeitung berichten, sind Eritreer in den Polizeistatistiken der jeweiligen Kantone nicht bekannt als besonders kriminelle Einwanderer. 

Ein paar Zahlen, die für die ganze Schweiz gelten, und die watson herausgesucht hat, bestätigen diese Sicht.

Wenig Eritreer im Strafvollzug

So ist die Zahl der Einweisungen in den Strafvollzug bei Eritreern im Vergleich mit anderen Ausländern geradezu verschwindend klein:

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Anzahl Einweisungen bei Eritreern und Ausländern.

Eritreer sind weniger kriminell als Franzosen

Zudem gehören Eritreer noch lange nicht zu den «kriminellsten» Einwanderern – sie sind etwa gleichgestellt mit den Franzosen. Auf 100'000 Einwohner hochgerechnet sassen 2013 92 Franzosen hier im Gefängnis; bei den Eritreern waren es lediglich 78. In absoluten Zahlen heisst das: 2013 waren durchschnittlich 14 Eritreer in Schweizer Gefängnissen inhaftiert.

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Eritreer sind nicht «faul»

Asylsuchende dürfen in der Schweiz in der Regel keiner Erwerbsarbeit nachgehen. Dementsprechend tief ist der Anteil erwerbstätiger Eritreer. Wenn die Flüchtlinge vorläufig aufgenommen oder anerkannt werden, haben sie Anrecht auf Integrationsprogramme. Viele Flüchtlinge kommen erst zu diesem Zeitpunkt zu einer Erwerbsmöglichkeit. Dazu gehören auch die Eritreer.

Hinzu kommt: Eritreer, die danach in die Arbeitswelt entlassen werden, haben laut Léa Wertheimer, Sprecherin des Bundesamtes für Migration, häufig aus sprachlichen Gründen Probleme, eine Stelle zu finden. Deshalb beträgt die Erwerbsquote unter den Eritreern mit B-Bewilligung «nur» 12,9 Prozent. Rund 87 Prozent aller anerkannten eritreischen Flüchtlinge – darunter sind auch Kinder und Alte – gehen deshalb in der Schweiz keiner Erwerbstätigkeit nach.

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Hellgrün: Erwerbstätige Eritreer.

Jeder dritte Eritreer bezieht Sozialhilfe

Entgegen den Behauptungen beziehen diese aber nicht alle Sozialhilfe. Wie viele Flüchtlinge in der Schweiz tatsächlich Sozialhilfe beziehen, soll eine Interpellation von SVP-Nationalrat Peter Keller demnächst klären. Bis dahin gilt: Da für die Sozialhilfe verschiedene Datensätze existieren, wird vom Bundesamt für Statistik lediglich eine ungefähre Sozialhilfequote für die eingewanderte Wohnbevölkerung eines Landes angegeben. Und diese sieht für die Eritreer so aus: 

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Gemäss Bundesamt für Statistik waren 2012 zwischen 20 und 30 Prozent aller zur ständigen Wohnbevölkerung gehörenden Eritreer Sozialhilfeempfänger – und nicht etwa «9 von 10 Eritreern», wie dies im «Blick» zu lesen war.

Eritreer kommen nicht in Massen

Nicht zuletzt wird zurzeit der Eindruck erweckt, die Eritreer würden die Schweiz geradezu überschwemmen. Doch wie viele Eritreer kommen überhaupt hierher? 

Was läuft in Eritrea?

Im ostafrikanischen Land Eritrea herrscht zurzeit eine kriegsähnliche Situation. Die repressive Regierung sieht sich immer noch im Konflikt mit Äthiopien. Eritreer werden daher zum Militärdienst gezwungen, Regierungskritiker werden inhaftiert und ermordet. Rund ein Fünftel der Bevölkerung befindet sich auf der Flucht. Man schätzt die Zahl der Flüchtlinge auf eine halbe Million. (pma)

Zum Ersten: Rund 22'000 Eritreer sind heute in der Schweiz wohnhaft.

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Aufenthaltsstatus

Flüchtlinge, die in der Schweiz ankommen, erhalten den «Asylsuchende-Status N». Wenn ihr Asylgesuch einen positiven Entscheid vom Bundesamt für Migration erhält, kriegen sie den «Aufenthalter-Status B» und können einer Arbeit nachgehen. Sie gehören dann zur ständigen Wohnbevölkerung. Wie die nächste Grafik zeigt, ist ein Grossteil der eritreischen Bevölkerung anerkannte Flüchtlinge. (pma)

Der Grossteil von ihnen ist in den letzten Jahren als Flüchtlinge eingereist. Gegen Ende des letzten Jahrzehnts stieg die Anzahl der Asylgesuche aus dem ostafrikanischen Land, welches seit Jahren von einem innenpolitischen Konflikt heimgesucht wird, stark an.

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Dennoch: Von einer Masse kann nicht die Rede sein. Die Zahl der Eritreer in der Schweiz, die sich im Asylprozess befindet, ist gering.

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Und schliesslich ein historischer Vergleich: In den 90er-Jahren stieg die Anzahl Asylgesuche in der Schweiz pro Jahr auf über 100'000 Menschen an. Grund dafür waren Kriege in Ex-Jugoslawien. Seither sank die Anzahl der Asylgesuche stetig. Selbst für die Zeit nach dem Ausbruch der Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten («Arabischer Frühling») lassen sich die Zahlen nicht mit den historisch hohen Asylgesuchen aus den 90er-Jahren vergleichen.

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Grundlage der Grafiken

Für die Grafiken wurden die Daten des Bundesamtes für Statistik verwendet. Auf eine Interpretation der Daten wurde soweit möglich verzichtet. 
Personen im Asylprozess 1995–2010 
Ausländische Wohnbevölkerung nach detaillierter Staatsangehörigkeit und Anwesenheitsbewilligung
_ Bestand der eritreischen Bevölkerung Ende 31. August 2014 (Quelle: Bundesamt für Migration)
Asylgesuche und Personen im Asylprozess
Strafvollzug: Einweisungen nach Staatszugehörigkeit
_ Strafvollzug: Mittlerer Insassenbestand nach Staatszugehörigkeit
_ Sozialhilfebezüger nach Herkunftsland 2006–2012

(pma)

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