Schweiz
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Andrea Haslers neue Skulptur «Avant/Après» im 3D-Skulpturenpark in Verbier. Bild: Andrea Hasler

Schweizer Künstlerin Andrea Hasler

Die Frau mit dem Fleisch – oder was ein «Luxustouristen-Paket» in den Walliser Alpen mit Migrationspolitik zu tun hat

Andrea Haslers fleischige Skulpturen mögen beim Betrachter ein Gefühl des Ekels auslösen. Doch Ekel muss nicht schlecht sein. Er kann uns zwingen zu überdenken, was in einer Gesellschaft wünschenswert ist und was nicht.



Was ist das denn? Ein Paar Menschenbeine, das an einem undefinierbaren, gedärmartigen Fleischklumpen klebt? Zum Teufel, ist das widerlich, denken Sie sich jetzt vielleicht. 

«Irreducible Complexity»: Andrea Haslers kritische Interpretation vom Körper als Idee und Ideal. Sie thematisiert den Wunsch, anders zu sein, und verwischt dabei die Grenzen zwischen innen und aussen.  Bild: Andrea Hasler

«Neugier, Faszination, Ekel und Abscheu vermischen sich, und der Betrachter verliert ein Stück Kontrolle bei all diesen sehr archaischen Gefühlen.»

Ein bisschen will das Andrea Hasler auch. Die Schweizer Künstlerin spielt mit den Gefühlen ihrer Betrachter, mit dem Wirrwarr, den ihre fleischigen Skulpturen auslösen, die sich irgendwo zwischen magischer Anziehung und kolossaler Abstossung bewegen. 

Es sei zu vergleichen mit dem Gefühlsdurcheinander, das ein Unfallzeuge durchlebt: «Neugier, Faszination, Ekel und Abscheu vermischen sich, und der Betrachter verliert ein Stück Kontrolle bei all diesen sehr archaischen Gefühlen.»

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«Irreducible Complexity». Bild: Andrea Hasler

«Oft müssen sich die Betrachter überwinden, die Skulpturen richtig anzuschauen, wollen sie aber paradoxerweise gleichzeitig berühren.»

Der Betrachter glotzt also nicht einfach (wenn er sich denn überhaupt traut) auf die Werke von Frau Hasler und denkt sich: «Ah. Kunst.» Oder: «Ah. Hässliche Kunst.» Das, was die Künstlerin wirklich interessiert, ist die emotionale Reaktion auf ihr Werk: «Oft müssen sich die Betrachter überwinden, die Skulpturen richtig anzuschauen, wollen sie aber paradoxerweise gleichzeitig berühren.» 

Die Künstlerin will mit ihren Werken keine bestimmte Botschaft senden, sie will nur Grenzen öffnen, vor allem die zwischen innen und aussen. Deshalb arbeitet sie auch mit Haut, dem Trennmaterial schlechthin, das unser Inneres drin hält und uns gleichzeitig von der Aussenwelt abgrenzt. Natürlich handelt es sich dabei nicht um echte Haut, die Bildhauerin modelliert mit Wachs. Dem «ultimativ formbaren Material». Frau Haslers Material. 

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Andrea Hasler.  Bild: Facebook/AndreaHasler

Andrea Hasler

Andrea Hasler ist in Zürich geboren und hat ihre Kunstausbildung (MA Fine Art) in London absolviert, wo sie seither lebt und arbeitet. Mit ihren fleischigen Wachswerken thematisiert sie die Spannung zwischen Anziehung und Ekel, die Grenzen zwischen innen und aussen, den Konsum, den Luxus und letztlich die nichtendenwollende Selbstsuche des Menschen. 

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«Matriarch». Andrea Haslers «Fleischzelt». Bild: Andrea Hasler

Ein komprimiertes «Luxustouristen-Paket»

Zwei funkelnagelneue Skulpturen der Schweizerin stehen nun für zwei Jahre in 2300 Metern Höhe zwischen Ruinettes und La Chaux in den Walliser Alpen. Im «Verbier 3-D Foundation»-Skulpturenpark. Ihre beiden Arbeiten sind Teil der aktuellen Ausstellung «Mutations».

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«Perishable Goods»: Andrea Haslers «komprimiertes Luxustouristen-Paket» inmitten der Walliser Berglandschaft.  Bild: Andrea Hasler

Haslers Werk erinnert ein bisschen an ein Rettungspaket, das man per Helikopter über Krisengebieten abwirft. Es heisst «Perishable Goods» (verderbliche Ware) und besteht aus Wachs und Harz. Das zusammengedrückte «Fleisch» quillt durch die goldene Kette, mit der das Bündel zusammengeschnürt ist. Es sei eine Art «komprimierte Luxustouristen-Lieferung», so wie die, «die jeden Winter in Verbier auf dem Berg landet». 

«Welche Art von Fremden wollen die Schweizer in ihrem Land haben?» 

Das Londoner «Multikulti-Chaos» gewohnt, kam die Bildhauerin in dieses beschauliche Walliser Dorf Verbier, das im Sommer nur 3000 Seelen zählt, im Winter aber anschwillt auf satte 44'000 Menschen. So kam sie auf die Idee mit dem Luxusfleisch-Paket. 

In «Perishable Goods» verschwimmen die Grenzen von innen und aussen, Haut wird zu Fleisch und mit der Zeit wird die oberste Wachsschicht wegschmelzen und das Innere der Lieferung preisgeben.  Bild: Andrea Hasler

Die Touristen, die hierher kommen, haben Geld, sehr viel Geld, das sie mit grosser Freude in dieser exklusiven Schweizer Bergwelt verprassen. «Sind es also diese Fremden, die die Schweizer in ihrem Land haben wollen?», fragt sich die Künstlerin. Und was ist mit den anderen Paketen, die nicht mit goldenen Ketten verschnürt bei uns ankommen? Diejenigen, die wir vielleicht gar nicht wollen, die mit den «entwurzelten Migranten» drin, die in der ganzen Welt herumgeschoben werden? 

Auf welcher Seite stehe ich? Drinnen oder draussen? 

Frau Hasler hat nicht einfach ein Stück Fleisch auf dem Berg platziert. Der Ort hat sehr viel mit dem zu tun, was sie mit ihrer Kunst thematisiert: «Die Berge symbolisierten für die Schweiz historisch Grenzen, und gerade jetzt, wo sich die Schweiz auch politisch wieder mit ihren ‹Grenzen› befasst, wollte ich eine Arbeit kreieren, die dies miteinbezieht.» 

So kann sich jeder Betrachter selbst fragen: Auf welcher Seite stehe ich? Drinnen oder draussen?

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Ein 30 Meter langer roter Teppich hübsch über einen Hügel drapiert. Oben auf dem Gipfel zwei goldig glänzende Stangen für die gedärmartige VIP-Abschrankung. Welche Seite aber den «wichtigen Personen» zugedacht ist, bleibt offen. Ganz im Sinne der Künstlerin, die den Ein- oder Ausschluss stets als Frage zu formulieren versteht. 

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«Avant/Après»: Haslers VIP-Abschrankung erinnert an eine dicke Nabelschnur.  Bild: Andrea Hasler 

«Unter der Haut, im tiefsten Inneren unserer Körper, sind wir alle aus demselben Material.»

In «Avant/Après» (Vorher/Nachher) geht es um Sehnsucht. Um den Wunsch, sich zu verändern, zu mutieren und etwas anderes zu werden als das, was wir sind. 

Der Mensch kann sich mit Luxusgütern eindecken, mit Designer-Accessoires behängen, sich die Nase gerade biegen und seine Falten verschwinden lassen. Dadurch wird er aber kein anderer. Die Veränderung bleibt letztlich immer unvollendet: «Unter der Haut, im tiefsten Inneren unserer Körper, sind wir alle aus demselben Material.»

«Avant/Après»: Der steile Weg zur Exklusivität. Bild: Andrea Hasler 

Das gilt zumindest solange, bis das eintrifft, was die Künstlerin befürchtet: Nicht mehr die Rolex am Handgelenk, sondern die diamantenbesetzte Niere im Bauch wird der letzte Luxus-Schrei sein. 

«Eines Tages wird nicht mehr die Rolex am Handgelenk das ultimative Luxus-Accessoire sein, sondern eine mit Diamanten besetzte Niere.»

«Sobald die Aussenhülle vollumfänglich modelliert ist, scheint die Schönheitsoperation an einem inneren Organ die logische Konsequenz.»: Das Nonplusultra des Exklusiven, das nicht einmal mehr die Sichtbarkeit benötigt, um sich in seinem Status zu bestätigen. 

Wir werden sehen, ob die Luxusjäger tatsächlich ohne die nach aussen kommunizierten Prestige-Abzeichen auskommen, oder ob dann vielleicht doch ein wertvoll gerahmtes Röntgenbild der schmucken Niere in ihrem Salon hängt. Nur so zur Sicherheit. 

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Hasler auf dem roten Teppich ihrer «Avant/Après»-Installation. Bild: Andrea Hasler

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Helis fliegen tonnenweise Schnee in Skigebiete – auch in der Schweiz

Um den Skibetrieb trotz der viel zu warmen Temperaturen zu retten, hat ein französisches Ski-Resort kurzerhand 50 Tonnen Schnee eingeflogen. Die umweltschädliche Methode kommt auch in der Schweiz zum Einsatz. Umweltschützer sind empört.

Es sind bizarre Bilder, die uns aus der Skistation Luchon-Superbagnères in den Pyrenäen erreichen. Ein Helikopter fliegt als Unterlast eine Ladung Schnee auf einen Berggipfel. Die Skifahrer schauen mit grossen Augen zu, wie die weisse Pracht angeflogen kommt. Im Hintergrund sind grasgrüne Bergketten zu sehen. Am vergangen Wochenende transportierten die Helis total 50 Tonnen Schnee in das vom Schneemangel geplagte Skigebiet.

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