Berghütten sind oft ausgebucht und bleiben doch leer – SAC fordert neue Geldregel
Es war eines dieser Wochenenden in den Alpen, an denen das Wetter zu gut angekündigt ist, um zu Hause zu bleiben. Aber irgendwie auch zu unsicher, um wirklich ins Hochgebirge aufzubrechen. Ein Alpinist entschied sich an einem Montag dennoch für eine Reservierung in der Läntahütte für ein verlängertes Wochenende: besser bei schlechtem Wetter in der Hütte sitzen als bei Sonnenschein zu Hause auf der Couch.
Nur: Für den Freitag war die Hütte bereits ausgebucht. Für den Samstag fanden er und ein Kollege mit Glück noch zwei Plätze. Sie stiegen über mehrere Gipfel ins hinterste Valsertal hinauf, erreichten die Hütte pünktlich zum Nachtessen – und waren fast allein. «Die Hütte ist doch ausgebucht?», fragten sie. «Ja», antwortete das Hüttenwartspaar. «Aber ausser euch haben alle anderen kurzfristig abgesagt oder sind gar nicht erst aufgetaucht.»
Annullationsquote liegt bei 40 Prozent
Kurzfristig planen, sich umentscheiden und möglichst lange alle Optionen offenhalten: Das gehört längst zum Alltag vieler Menschen. Für Gastgeberinnen und Gastgeber bedeutet diese Flexibilität allerdings oft Unsicherheit. Die soeben beschriebene Szene ist jedenfalls kein Einzelfall. Wie der Läntahütte geht es vielen der rund 150 Hütten und Biwaks des Schweizer Alpen-Clubs. Wer schon einmal versucht hat, an einem Sommerwochenende kurzfristig einen Schlafplatz zu bekommen, weiss, wie schwierig das sein kann. Gewisse Hütten sind bereits heute an sämtlichen Samstagen dieses Sommers voll. Umso ärgerlicher ist es, wenn Betten blockiert sind, die am Ende doch leer bleiben.
Tatsächlich sind sowohl Absagen als auch Nichterscheinen ein Dauerthema unter Hüttenwartinnen und Hüttenwarten und unter den Sektionen, welche die Hütten betreiben, wie Remo Schläpfer, Bereichsleiter Kommunikation beim SAC, bestätigt. Besonders ärgerlich seien sogenannte Mehrfachbuchungen: «Man reserviert mehrere Hütten und entscheidet sich dann kurzfristig für diejenige, bei der das Wetter am besten ist.»
Über alle Reservationen hinweg beträgt die Annullationsquote in den Hütten des Schweizer Alpenclubs rund 40 Prozent. Die No-Show-Rate ohne Absage liegt bei rund einem Prozent. Beim Deutschen und Österreichischen Alpenverein ist die No-Show-Rate mit rund zwei bis drei Prozent etwas höher, die Annullationsquote hingegen tiefer: Dort werden etwa 30 Prozent der Buchungen storniert. Der Unterschied hat gemäss Schläpfer unter anderem mit der Topografie zu tun. «Die Schweiz hat viele hochalpine Hütten.» Wer eine anspruchsvolle Tour plane, sei stärker vom Wetter oder den Lawinenverhältnissen abhängig – und sagt im Zweifel eher ab.
Der SAC versucht, das Problem zu entschärfen, ohne die Berggängerinnen und Berggänger zu bevormunden. Im Online-Reservationssystem sind die Hütten miteinander verknüpft. Das wird insofern bereits ausgenutzt, indem bei Mehrfachbuchungen bereits heute ein Hinweis erscheint, ob das wirklich nötig ist. Das System hat allerdings kein einprogrammiertes Verbot für Mehrfachbuchungen. Auch, weil es sich ohnehin einfach umgehen liesse, zum Beispiel indem verschiedene Personen einer Gruppe die Buchung in verschiedenen Hütten vornehmen würden.
Fixe Reservationsgebühr
Jedoch haben Hüttenwarte schon heute die Möglichkeit, Anzahlungen zu verlangen. Eine Rückerstattung erfolgt nur bei fristgerechter Annullation, spätestens zwei Tage vor der Übernachtung, jeweils bis 18 Uhr. Auch dürfen sie für Reservationen eine No-Show-Gebühr in Rechnung stellen beziehungsweise direkt der Kreditkarte belasten, welche für die Reservation in vielen Hütten hinterlegt werden muss.
Doch das genügt den Hüttenwartinnen und Hüttenwarten nicht: An der diesjährigen Abgeordnetenversammlung des SAC am 13. Juni wird ausserdem über ein neues Modell abgestimmt: über eine fixe Reservationsgebühr. Sie würde bereits bei der Buchung fällig und bei Antritt der Übernachtung angerechnet. Andernfalls verfällt sie, selbst bei rechtzeitiger Stornierung. Damit soll, so die Hoffnung, die Hürde für leichtfertige «Reservationen auf Vorrat» erhöht werden.
Parallel dazu setzt der SAC auf Aufklärung. Ebenfalls im Juni startet er gemeinsam mit dem Deutschen und dem Österreichischen Alpenverein eine Sensibilisierungskampagne zu Doppelbuchungen, Stornierungen und No-Shows. Ziel ist es, das Verantwortungsbewusstsein der Gäste zu stärken – ohne ihnen die notwendige Flexibilität im Gebirge zu nehmen.
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