In Genf gibt es Bestrebungen, den Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, Julien Assange, mit einem humanitären Visum in die Schweiz zu holen. Der 48-Jährige befindet sich derzeit in einem Hochsicherheitsgefängnis in London, wo er nach Überzeugung von Experten unter psychologischer Folter leidet.
Der Genfer Grünen-Grossrat Jean Rossiaud bestätigte am Mittwoch gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA eine Meldung der SRF-Sendung «Rundschau», wonach er in der Sache aktiv geworden sei. Er habe unter anderem Regierungsrat Mauro Poggia sein Projekt unterbreitet und dieser habe ihm seine Unterstützung zugesichert, sagte Rossiaud.
Gleichzeitig habe er zusammen mit anderen Abgeordneten im Grossen Rat einen Resolutionsvorschlag eingereicht, der die Genfer Regierung auffordert, in Bern aktiv zu werden. Der Text werde eventuell bereits in der nächsten parlamentarischen Sitzung diskutiert. Alles hänge davon ab, ob der Vorstoss als dringlich erklärt werde.
Poggia habe zusammen mit ihm auch Assanges Vater, John Shipton, getroffen, sagte Rossiaud. Ausserdem habe er selber den Direktor des Genfer Universitätsspitals (HUG) getroffen, um sich über die Möglichkeit zu erkundigen, den Wikileaks-Gründer zu hospitalisieren.
Knapp 120 Ärzte und Psychologen hatten vor kurzem in einem gemeinsamen Brief ein Ende «der psychologischen Folter und medizinischen Vernachlässigung» von Assange gefordert. Er leide unter den Folgen des Aufenthalts in der ecuadorianischen Botschaft und im Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh, schrieben die Experten in einem Brief, den die Medizin-Zeitschrift «The Lancet» veröffentlichte.
Auch der Uno-Sonderberichterstatter für Folter, der Schweizer Nils Melzer, hatte kürzlich schwere Vorwürfe gegen die Behörden in Grossbritannien, Schweden, den USA und Ecuador erhoben. In seinen Augen wird an Assange ein Exempel statuiert, um Journalisten einzuschüchtern.
Die Vorwürfe gegen den gebürtigen Australier hält er für konstruiert. Mehr als 130 Politiker, Künstler und Journalisten in Deutschland hatten sich ebenfalls für die Freilassung von Assange ausgesprochen.
Nach Angaben des Staatssekretariats für Migration (SEM) kann ein humanitäres Visum erteilt werden, wenn bei einer Person «offensichtlich davon ausgegangen werden muss, dass sie im Heimat- oder Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet ist». Die Person müsse sich in einer Notsituation befinden, die ein behördliches Eingreifen «zwingend erforderlich macht und die Erteilung eines Einreisevisums rechtfertigt».
Doch damit ein Antrag geprüft werden könnte, müssten Assange oder sein Anwalt bei der Schweizer Botschaft in London ein entsprechendes Gesuch einreichen. Poggias Sprecher Laurent Paoliello wandte ein, dass ein endgültiger Entscheid für ein humanitäres Visum beim Bund liege. In der «Rundschau» kündigte der Staatsrat aber an, dass die Genfer Regierung ihr ganzes Gewicht einbringen werde, «um eine positive Antwort zu bekommen». (sda)
Man kann nur hoffen, dass das humanitäre Visum rasch ausgestellt wird und Assange endlich die medizinische und psychologische Betreuung erhält, die er braucht!