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Roger Koeppel, Nationalratskandidat, singt mit beim Willy-Song der SVP, an der Delegiertenversammlung und dem Wahlauftakt der SVP Schweiz, am Samstag, 22. August 2015, in St. Luzisteig, Maienfeld. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Steuert er auf einen unüberwindbaren Interessenkonflikt hin, wenn er in den Nationalrat gewählt wird? Weltwoche-Chefredaktor und Neo-SVP-Politiker Roger Köppel.
Bild: KEYSTONE

Roger Köppel überschätzt sich: Wir brauchen keine Nationalräte, die Redaktionen führen

«Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel zieht mit seinem Blatt wenige Tage vor den Wahlen über die SVP-Fraktion her. Das zeugt nicht von Unabhängigkeit, sondern zeigt, dass Journalismus nicht mit einem Parlamentsmandat vereinbar ist. Eine Analyse.

lorenz honegger / aargauer zeitung



Aus journalistischer Sicht war die Überraschung perfekt: Die SVP-nahe «Weltwoche» zog vergangene Woche mehr als zwei Dutzend SVP-Fraktionsmitglieder nach allen Regeln der Kunst durch den Kakao.

Sie drosch auf gestandene National- und Ständeräte ein, nannte sie «wankelmütig», «windschlüpfig», «Verschwörungstheoretiker» und «Esoteriker». Der vierseitige Text sollte wohl zeigen, dass die «Weltwoche» kein reines Parteiblatt ist, wie ihr oft vorgeworfen wird. Denn im Interesse der SVP war der Verriss tatsächlich nicht.

Chefredaktor und SVP-Nationalratskandidat Roger Köppel sieht solche Texte als Beleg dafür, dass seine Doppelrolle funktioniert: Journalist sein und gleichzeitig politisieren. Doch der «brillanteste Blattmacher seiner Generation» («Tages-Anzeiger») überschätzt sich. Sollten ihn die Zürcher Wähler nächsten Sonntag tatsächlich ins Bundeshaus schicken, kann er sich von seiner vermeintlichen Unabhängigkeit verabschieden.

Köppels verhöhnte Parteikollegen fühlen sich zu Recht verraten: Da kommt ein prominenter Neuling, der noch nie einen Tag im Parlament sass, nie politische Verantwortung übernehmen musste und verpasst ihnen kurz vor dem Wahltag einen Abrieb sondergleichen. Wie will man sich mit jemandem für die gemeinsamen Ziele und Ideale einsetzen, wenn der einen schon am nächsten Tag öffentlich in den Senkel stellt?

Ein unabhängiger Journalist schreibt, was er weiss

Als Chefredaktor ist Köppel nicht bloss für das verantwortlich, was er selber schreibt. Er verantwortet eine ganze Publikation, er segnet jeden Artikel ab, den seine Journalisten verfassen. Der Zielkonflikt ist gewaltig: Soll die Zeitung unabhängig berichten? Oder soll er künftig als loyales Fraktionsmitglied keine Berichte mehr zulassen, die der SVP-Linie zuwiderlaufen?

Kommt hinzu: Ein unabhängiger Journalist sollte schreiben, was er weiss. Um bei Köppels Duktus zu bleiben: Wenn er in seiner Funktion als Nationalrat erfährt, dass eine Parlamentskommission hinter verschlossenen Türen den Willen des Volkes hintertreibt, dann sollte das gross in der nächsten «Weltwoche» stehen.

Das Problem: Als Parlamentarier wäre Köppel in den Sitzungen der vorberatenden Kommissionen zur Geheimhaltung verpflichtet. Selbstverständlich kann er diese Regel brechen. Wie der Fall von FDP-Nationalrätin Christa Markwalder zeigt, führt selbst die Weitergabe vertraulicher Unterlagen an Lobbyisten fremder Staaten nicht zur Aufhebung der parlamentarischen Immunität. Beliebig oft lässt sich dieses Spiel jedoch kaum wiederholen.

Nationalratskandidat und Chefredaktor der Weltwoche Roger Koeppel zeigt einem Delegierten ein Ausgabe der ''Weltwoche?? der Delegiertenversammlung der SVP am Samstag, 4. Juli 2015 in Kerns. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Was passiert mit der Weltwoche, wenn ihr Chef und Eigentümer Köppel Nationalrat wird? «Die Veröffentlichung von Artikeln erfolgt nach journalistischen, nicht parteipolitischen Kriterien. Das wird so bleiben.»
Bild: KEYSTONE

Mittlerweile scheint Köppel die Sache nicht mehr geheuer zu sein. Als ihn die «Nordwestschweiz» gestern um ein Interview bat, erkundigte er sich zunächst nach den Fragen. Doch statt darauf einzugehen, beschränkte er sich auf ein schriftliches Kurz-Statement: «Die Weltwoche ist eine unabhängige Zeitung mit klarer bürgerlicher Ausrichtung, aber grösster Vielfalt an Meinungen. Sie schreibt, wo nötig, kritisch über alle Parteien, auch über die bürgerlichen Parteien. Die Veröffentlichung von Artikeln erfolgt nach journalistischen, nicht parteipolitischen Kriterien. Das wird so bleiben.»

Bei der Bekanntgabe seiner Nationalratskandidatur Anfang Jahr sagte Köppel, es sei nichts Ungewöhnliches, dass Chefredaktoren «in schwierigen Zeiten nach Bern gehen». Als Beispiele nannte er Willy Bretscher («Neue Zürcher Zeitung», FDP), Peter Dürrenmatt («Basler Nachrichten», LDP) und Ernst Nobs («Volksrecht», SP). Was er nicht erwähnte: Die besagten Herren sind alle seit mindestens zwei Jahrzehnten verstorben.

Ob links oder rechts: Die Zeiten der Parteipresse, als Chefredaktoren ganz selbstverständlich im Parlament sassen, sind vorbei. Heute erwarten die Leser von Medien nüchterne Distanz und parteipolitische Unabhängigkeit. Eine gewisse politische Grundhaltung ist in Ordnung, auch SVP-Nähe ist o.k. Aber die Schweizer Demokratie braucht keine Nationalräte, die Redaktionen führen.

Möglicher Ausweg: Verleger statt Chefredaktor

Vielleicht wäre es gerade deshalb gar nicht so schlecht, wenn Roger Köppel ins Parlament gewählt wird. Es würde sich ein für alle Mal zeigen, dass die Doppelrolle Politiker und Journalist im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäss ist. Ein möglicher Ausweg wäre, dass Köppel sich auf die Rolle des Verlegers und Mehrheitsaktionärs zurückzieht und das Tagesgeschäft jemand anderem überlässt. Sonst ist er am Ende kein echter Politiker, aber eben auch kein richtiger Journalist mehr. (trs/aargauerzeitung.ch)

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