Schöne Bescherung! 1100 Swiss-Passagiere kurz vor Weihnachten gegroundet
In der US-Kultkomödie «Planes, Trains and Automobiles» aus dem Jahr 1987 trifft das ein, wovor sich viele Flugpassagieren fürchten, wenn sie während der Festtage nach Hause fliegen wollen: Der Flug wird umgeleitet. Für die beiden Hauptdarsteller Steve Martin und John Candy beginnt daraufhin eine Odyssee voller Frust und mit unterschiedlichen Transportmitteln.
Ähnlich viel Frust werden vor wenigen Tagen auch hunderte Swiss-Passagiere gespürt haben. Denn die Lufthansa-Tochter musste gleich vier Langstreckenflüge absagen, wie CH Media erfahren hat. Bei der Häufung handelt es sich um einen Domino-Effekt, an dessen Ursprung der Flug LX64 vom 22. Dezember steht. Dieser hätte mit rund 300 Passagieren an Bord von Zürich nach Miami im US-Staat Florida fliegen sollen.
Doch an Bord kam es zu einem medizinischen Zwischenfall. Dieser zwang die Cockpit-Crew, in Neufundland eine Zwischenlandung einzulegen, wo der betroffene Passagier die nötige medizinische Hilfe erhielt. Normalerweise würde dies heissen: Zwischenlanden, Passagier ausladen, tanken, weiterfliegen bis zur Zieldestination.
In Boston war Endstation
Doch dies war in diesem Fall nicht möglich. Der Grund: «Duty time exeedence», wie es in der Branche heisst. Gemeint ist, dass die gesetzlichen Flugdienstzeiten bei einem Weiterflug nicht hätten eingehalten werden können. Deshalb entschloss sich die Cockpit-Crew, nur bis Boston zu fliegen.
Für die betroffenen Passagiere mussten danach andere Weiterflug-Lösungen gefunden werden. Doch nicht nur das. Weil der Hinflug LX64 nach Miami abgesagt werden musste, konnte entsprechend auch der anschliessende Rückflug LX65 nicht abheben.
Im eng getakteten Flugplan der Swiss hatte dies weitere Folgen. Und zwar musste die Airline einen Tag später, am 23. Dezember, sowohl den Flug LX40 nach Los Angeles streichen, genauso wie den entsprechenden Rückflug LX41 nach Zürich. Bei all diesen vier Flügen dürften rund 300 Passagiere an Bord gewesen sein. Insgesamt blieben 1100 Passagiere kurz vor Weihnachten am Boden, wie auch der «Tages-Anzeiger» berichtete.
Die Swiss als Branchen-Ausnahme
Solche Flugabsagen, inklusive Domino-Effekt, gehören in der Aviatik zum Alltag. Doch intern ist der Vorwurf zu hören, dass diese Fälle hätten vermieden werden könnten. «Die Swiss ist die einzige europäische Airline, welche die Miami-Flüge seit Jahren am absoluten Limit der Flugdienstzeit durchführt», sagt ein Insider.
Trotz interner Kritik würde sich die Swiss einen dritten Piloten sparen. Dies, während ihre Schwester-Airline Edelweiss bei ihrem Florida-Flug nach Tampa 3 Piloten einsetze und dadurch bei der Flugdienstzeit flexibler sei. Die Swiss hingegen, so der Insider, würde dieses Risiko bewusst in Kauf nehmen.
Thomas Steffen, Sprecher des Swiss-Pilotenverbands Aeropers, bestätigt die Ausnahmeregelung seiner Airline in Bezug auf die Miami-Flüge mit nur zwei Piloten. «Alle anderen machen das mit drei, sodass sich jeweils eine Person ausruhen kann und sich die maximale Flugdienstzeit der Crew entsprechend verlängert.»
Verband fordert drei Piloten
Diesen Punkt thematisiere man regelmässig mit dem Swiss-Management, sagt Steffen. Der Verband fordere bei jeder Gelegenheit den Wechsel auf drei Personen im Cockpit. Und: «Wäre dies bei besagtem Flug vom 22. Dezember der Fall gewesen, hätte der Flug nach der Zwischenlandung in Kanada wohl bis Miami weiterfliegen können.»
Neben Miami würden aus Aeropers-Sicht auch die Flüge nach Mumbai, Delhi und Chicago besser mit drei Pilotinnen und Piloten geplant werden. «Auch dort liegen die Flugdienstzeiten sehr nahe an der Limite und schon bei kleiner Verspätung oder viel Gegenwind müssen Ausnahmeregelungen angewendet werden, um Flugstreichungen zu verhindern», sagt Steffen.
Die Flugdienstzeit beginnt für Langstreckenflüge laut Steffen eine Stunde und 25 Minuten vor Abflug, um die Flugvorbereitung zu ermöglichen und endet mit dem Parkieren am Zielflughafen. Die maximale Flugdienstzeit sei von der Tageszeit des Einsatzbeginns abhängig. Bei einem Abflug um die Mittagszeit, wie es bei dem Miami-Flug üblich ist, könne die Swiss gemäss Gesamtarbeitsvertrag (GAV) bis zu einer Flugdienstzeit von 12 Stunden und 30 Minuten zwei Piloten einsetzen. Der Flug allein dauert rund 10 Stunden.
Verspätung durch Enteisung
Swiss-Sprecher Mike Pelzer bestätigt den medizinischen Notfall an Bord des Miami-Flugs, der am Ursprung der Flugabsagen steht. «Wir bedauern sehr, dass unsere Gäste in diesem Fall später als geplant an ihrem Ziel angekommen sind.»
Pelzer betont, dass es der Plan gewesen sei, nach der Landung am Flughafen St. John's in Neufundland, direkt nach Miami weiterzufliegen. «Dies wäre mit einer Bodenzeit von rund einer Stunde auch mit zwei Piloten möglich gewesen.» Da es bei der Betankung sowie beim Enteisen jedoch zu weiteren Verzögerungen gekommen sei, habe sich der Weiterflug letztlich um über zwei Stunden verspätet. «Ein Weiterflug nach Miami war deshalb nicht mehr innert der gesetzlichen Flugdienstzeiten möglich.»
Die Einsatzzeiten der Swiss-Piloten würde im täglichen Einsatz sowie im Jahresschnitt deutlich unter den Höchstwerten liegen, die von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa) festgelegt seien, sagt Pelzer. Diese seien auch zusammen mit den Ruhezeiten im GAV mit der Aeropers vereinbart. Auch die gesetzlichen Vorgaben des Bundesamts für Zivilluftfahrt würden zu jedem Zeitpunkt eingehalten. Aktuell sehe man diesbezüglich keinen Handlungsbedarf, man werde das Thema aber auch in Zukunft «eng begleiten».
Swiss sieht keinen Handlungszwang
Im konkreten Falle der Strecke Zürich-Miami beträgt die Flugdienstzeit laut Pelzer 12 Stunden und 5 Minuten, also inklusive Vorbereitungszeit. Laut GAV ist das Maximum bei 12 Stunden und 30 Minuten angesetzt, während die Easa-Vorschriften das Limit bei 13 Stunden definieren würden. Zudem könne der Captain bei Unregelmässigkeiten anordnen, das Easa-Limit um bis zu 2 Stunden zu überschreiten.
Im diesjährigen Sommerflugplan habe die Swiss die Miami-Flüge zu 95 Prozent innerhalb der gewerkschaftlichen Limiten und zu 100 Prozent innerhalb der Easa-Limiten durchgeführt, sagt Pelzer. «Diese Zahlen zeigen, dass sich eine Planung mit drei Pilotinnen oder Piloten nicht aufdrängt.» Und: Falls gewisse Herausforderungen bei einem Miami-Flug vorhersehbar seien, wie zum Beispiel die Wetterbedingungen, könne die Crew ein drittes Cockpitmitglied verlangen.
Auf den am weitesten von Zürich entfernten Swiss-Langstreckendestination kommen stets drei Piloten zum Einsatz. Dabei handelt es sich um São Paulo, Bangkok, Tokio, Singapur, Hong Kong, Shanghai, Seoul, Johannesburg, Los Angeles und San Francisco. (aargauerzeitung.ch)
