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Brisanter Vorschlag: Schweiz soll das Geld von Oligarchen beschlagnahmen

Brisanter Vorschlag: Schweiz soll das Geld von Oligarchen beschlagnahmen

Bisher konnte das Vermögen russischer Oligarchen nur eingefroren, aber nicht beschlagnahmt werden. Der vormalige Staatssekretär Michael Ambühl will das nun ändern - und schlägt ein Gesetz vor, wie es im Umgang mit Organisierter Kriminalität angewendet wird.
29.05.2022, 20:23
Francesco Benini / ch media
Die Reichen und Sch
Treffpunkt reicher Russinnen und Russen: Winterliches Pferderennen in St.Moritz im Kanton Graubünden.Bild: sda

Das Stichwort heisst: Umkehr der Beweislast. Dieses Prinzip soll angewandt werden, damit die Vermögenswerte von russischen Oligarchen nicht nur eingefroren, sondern auch eingezogen werden können.

Den Vorschlag machen drei bekannte Schweizer Autoren in einem Gastbeitrag, den die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» publiziert hat: Michael Ambühl, vormaliger Staatssekretär; Nora Meier, Geschäftsführerin der Swiss School of Public Governance an der ETH Zürich; Daniel Thürer, emeritierter Professor für Völkerrecht.

Mittel sollen für Wiederaufbau der Ukraine verwendet werden

Die drei Autoren regen an, dass die Vermögenswerte sanktionierter russischer Oligarchen für den Wiederaufbau der Ukraine eingesetzt werden. Dafür braucht es nach Schätzungen mindestens 600 Milliarden Dollar.

Michael Ambuehl, ETH Zuerich, informiert ueber die so genannte "Bottom-up Schutzklausel" zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative aus Sicht der Kantone, am Donnerstag, 25. August 2016 ...
Will Geld der Oligarchen einziehen: Diplomat Michael Ambühl.Bild: KEYSTONE

Ambühl, Meier und Thürer verweisen auf eine Bestimmung des Schweizerischen Strafgesetzbuches: Artikel 72 sieht vor, dass ein Gericht alle Vermögenswerte einziehen kann, die «der Verfügungsmacht einer kriminellen oder terroristischen Organisation unterliegen».

Bei Personen, die sich an einer solchen Organisation beteiligen oder sie unterstützen, «wird die Verfügungsmacht der Organisation bis zum Beweis des Gegenteils vermutet». Das entspricht der Umkehr der Beweislast: Diesen Personen muss die Schuld nicht nachgewiesen werden - sie haben vielmehr ihre Unschuld zu beweisen.

Nora Meier erklärt auf Anfrage, dass im Fall der Oligarchen eine klare Distanzierung vom Kreml und vom Krieg gegen die Ukraine erwartet werden könnte. Bleibe eine solche Stellungnahme aus, würde dies dem Staat ermöglichen, die Vermögenswerte der Oligarchen zu beschlagnahmen.

«Es wäre ein relativ schneller und einfacher Weg, um die Vermögen von Personen einzuziehen, die dem russischen Regime nahestehen.»

Seit der russische Präsident Wladimir Putin den Angriffskrieg auf die Ukraine befahl, haben die Schweizer Behörden Vermögenswerte in der Höhe von 7.5 Milliarden Franken beschlagnahmt. Nach Schätzungen dürften in der Schweiz russische Vermögen liegen, die sich auf rund 200 Milliarden belaufen.

Die Mittel wurden eingefroren auf der Basis des Embargogesetzes - sie wurden aber nicht konfisziert. Michael Wüthrich, Mediensprecher des Staatssekretariats für Wirtschaft, sagt: «Das Embargogesetz bietet zurzeit keine rechtliche Grundlage für Einziehungen oder Rückerstattungen.» Entsprechend bräuchte es eine gesetzgeberische Anpassung. Dabei müsse die Rechtsstaatlichkeit gewährleistet werden. Michael Wüthrich betont:

«Die Hürden für die Einziehung von Vermögenswerten sind im Schweizer Recht grundsätzlich sehr hoch.»

Die Beschlagnahmung von Vermögenswerten russischer Oligarchen wird wie folgt gerechtfertigt: Die russischen Oligarchen wurden unter anderem darum reich, weil sie sich die Gunst eines Regimes erwarben, das einen Vernichtungskrieg gegen ein friedliches Nachbarland führt sowie gegen das Völkerrecht und auch verschiedene Menschenrechte verstösst.

Bürgerliche Parteien reagieren zurückhaltend

Die Co-Präsidentin der SP, Mattea Meyer, forderte vor drei Wochen in der «Sonntags-Zeitung», dass die Schweiz Vermögenswerte russischer Oligarchen beschlagnahmen soll. FDP-Ständerat Andrea Caroni äusserte sich wohlwollend zum Vorschlag, dass die eingezogenen Vermögen für den Wiederaufbau ukrainischer Infrastruktur verwendet werden sollen.

FDP-Ständerat Ruedi Noser warnt nun aber vor «Sippenhaftung». Noser hält es für realistischer, dass das blockierte Geld der russischen Nationalbank in der Ukraine eingesetzt wird. SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi unterstreicht, dass die von der Schweiz hochgehaltene Eigentumsgarantie nicht unbedacht aufgehoben werden dürfe.

Schweiz unter Beobachtung der USA und der EU

Bei allen Bedenken ist es allerdings möglich, dass die Schweiz unter internationalem Druck in die Enteignung von Oligarchen einwilligen wird. Der US-Senat berät bald ein Gesetz, das diese Form von Konfiszierung möglich machen soll.

Und in der EU-Kommission bereitet die Arbeitsgruppe «Freeze and Seize» (Einfrieren und Beschlagnahmen) ähnliche Massnahmen vor. Die Schweiz arbeitet in diesem Gremium mit.

Mit der Androhung von Enteignungen soll der Druck auf den russischen Präsidenten erhöht werden, in Friedensverhandlungen einzuwilligen. Die Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen gegenüber Russland wäre ein wichtiger Punkt in solchen Verhandlungen. Die Oligarchen hoffen, dass die eingefrorenen Vermögen eines Tages an sie zurückfliessen. (aargauerzeitung.ch)

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67 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Liebu
29.05.2022 22:39registriert Oktober 2020
Ich finde es speziell, wird den Oligarchen vorgeworfen, ihr Vermögen durch die Gunst des Regimes das einen Vernichtungskrieg führt gemacht zu haben. Ihr Vermögen stammt ja von vorher.

Das spezielle finde ich, dass es eine Partei und Leute in der Schweiz gibt, die jetzt noch mit diesem Regimes handeln wollen.

Müsste man dann ihr Vermögen nicht auch einziehen wie das der Oligarchen?
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Rethinking
30.05.2022 06:11registriert Oktober 2018
Zu allererst müsste man die Vermögen der Oligarchen ml ernsthaft aufstöbern und einfrieren…

Solange diese sie einfach der Frau überschreiben können um fein raus zu sein, kommen wir nicht weit…
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Bitsundbites
29.05.2022 22:15registriert Juli 2019
Leute,... Bis 🇨🇭 dann soweit seid ist der Krieg schon lange zu Ende, Putin vielleicht bereits Vergangenheit oder die Vermögen haben schon drei mal den Eigentümer gewechselt.
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