Schweiz
Was ich wirklich denke

Zürcher Friedensrichter packt aus und spricht über Nachbarschaftsstreit

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bild: shutterstock/watson
Was ich wirklich denke

Friedensrichter packt aus: «Viele Nachbarn hassen sich bis zum Tod»

Thomas* ist Friedensrichter in einer kleinen Zürcher Gemeinde. Als solcher schlichtet er zwischen streitenden Nachbarn. Er erzählt: In Konflikten fehle es oft an Einsicht, aber selten an Absurdität.
22.03.2026, 15:3722.03.2026, 16:16
Team watson
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Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.
  • Thomas* ist nebenberuflich als Friedensrichter tätig
  • Er schlichtet oft zwischen Nachbarn, die wegen Kleinigkeiten einen Rechtsstreit beginnen
  • Für ihn ist unverständlich, mit wie viel Bitterkeit sich zwei Menschen rechtlich bekämpfen können
  • Trotzdem macht er seine Aufgabe gern

Ich amte seit ein paar Jahren als Friedensrichter in einer kleinen Zürcher Gemeinde. Gewählt bin ich – wie die Bezeichnung verrät – um Frieden zu stiften, wenn zwei sich streiten und darum ein Schlichtungsgesuch eingereicht haben.

Versteht mich nicht falsch, ich übe das Amt gerne aus. Aber in manchen Fällen kann ich ob der Verbissenheit der Leute nur den Kopf schütteln. Oft habe ich zwei Nachbarn vor mir, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Mindestens juristisch, in manchen Fällen wurde es schon lange vor der Verhandlung handgreiflich. Im Dorf sprechen sich diese Dinge schnell herum.

Bei Streit zwischen Nachbarn begegnen mir immer wieder die Klassiker: Ein neuer Grundeigentümer erlaubt dem Nachbarn die Durchfahrt über seinen Boden nicht mehr. Oder er blockiert den Weg direkt mit schweren Blumentöpfen. Häufig anzutreffen ist auch der ominöse Baum, der Nachbars Terrasse in den Schatten stellt. Manchmal genügt, dass eine Hecke den Gartenzaun überragt. Eigentlich absurd.

«Aber du hast zuerst...»

Nicht selten entpuppt sich der offizielle Streitpunkt als Retourkutsche und nicht als eigentliches Problem. «Aber du hast zuerst deinen stinkigen Kompost neben mein Grundstück gestellt!», kann es dann durch die Schlichtungsstelle poltern, wo doch eigentlich eine Verhandlung wegen der Blumentöpfe terminiert war.

Ihr seht: Vor dem Friedensrichter kann jede noch so kleine Lappalie landen. Streit haben übrigens alle. Egal ob alt, jung, Mann, Frau, reich oder arm, ich habe schon alles in jeder erdenklichen Konstellation gesehen. Mindestens eine Partei ist äusserst stur – sonst wäre der Streit nicht bis zu mir gekommen. Wobei sich meist zeigt, dass beide Fehler gemacht haben.

«Muss ich jetzt etwa zahlen, damit Sie aufhören zu streiten?»
Thomas*, Friedensrichter

Was ich von diesen Leuten halte? Ich masse mir kein Urteil über die Persönlichkeit der Rechtssuchenden an. Der Beizug eines Richters ist legitim. Doch ich bedauere viel, dass man in vielen Fällen nicht einmal das gemeinsame Gespräch gesucht hat.

Völlig fehlt mir das Verständnis, wenn sich die Streitenden am Ende um die 50 Franken für das Schlichtungsverfahren zanken. Hauptsache, man hat noch ein bisschen mehr Recht als das Gegenüber – das ist doch total unnötig! «Muss ich jetzt etwa zahlen, damit Sie aufhören?», frage ich die Streithähne dann jeweils.

Grosser Aufwand wegen Kleinigkeiten

Mich beschäftigt auch der überproportional grosse Aufwand, der wegen zehn Zentimeter Grenzabstand anfallen kann. Für die Streitparteien, aber auch den Staat. Letztlich kostet meine Arbeit Steuergeld, gleiches gilt für die Polizei, wenn diese zuvor ausgerückt war.

Zum Glück habe ich als Friedensrichter die Möglichkeit, weitere Mehrkosten zu verhindern. Wenn ich einen Nachbarschaftsstreit schlichte, kommt der gar nicht erst vor Bezirksgericht. Es wäre die nächste Etappe im Rechtsstreit. Für eine Einigung versuche ich möglichst unvoreingenommen und verständnisvoll auf alle Beteiligten einzugehen. Oft mit Erfolg.

Den Schweizer Friedensrichterinnen und -richtern gelingt in bis zu 80 Prozent der Fälle eine Schlichtung. Diese Zahl bezieht sich allerdings nur auf den rechtlichen Prozess. Meine Erfahrung ist leider: Viele hassen ihren Nachbarn auch nach der Schlichtung bis zum eigenen Tod. Das gibt mir zu denken. Besonders weil einige Streitparteien mal gute Freunde waren.

(aufgezeichnet von watson.ch)

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Die beliebtesten Kommentare
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M.L.
22.03.2026 16:23registriert April 2024
Manche Nachbarn geben einem auch allen Grund dazu. Wir haben einem Nachbarn das von ihm verlangte Näherbaurecht verweigert. Er wollte trotzdem an seine Bauplänen festhalten und die Mindestabstände um 1.5m (normal 4m) unterschritten. Entsprechend gab es unsererseits eine Einsprache dagegen. Bei Baubeginn fing er an das Gelände unerlaubt aufzuschütten und das March zu verdecken. Also Einsprache mit Baustopp und Rückbau. Danach kamen Gewaltandrohungen gegen meine Lebenspartnerin, Kinder, Haustiere etc. Anzeige bei Polizei. Hätte ich also einfach dem Frieden zuliebe einfach nachgeben sollen? Nein!
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Luna Merlin
22.03.2026 16:38registriert Dezember 2021
Da geht es ja meistens gar nicht um das oft ziemlich kleinliche Zeugs, um das gerade gestritten wird. Sondern da sind weit tieferliegende Emotionen aktiv, z.B. Neid, Eifersucht, Minderwertigkeitsgefühle, Rachegefühle etc. Fast immer lassen sich die Hintergründe solcher Konflikte auf einschlägige Emotionen zurückführen.
Wenn diese nicht mit bearbeitet werden, bleibt der vereinbarte „Frieden“ oberflächlich.
Dennoch - die Tätigkeit dieser Friedensrichter ist zweifellos eine gute und wichtige Sache!
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Lord Bertie
22.03.2026 16:09registriert August 2020
Ich hatte es immer toll mit meinen Nachbarn. Muss an mir liegen. 👍
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