Friedensrichter packt aus: «Viele Nachbarn hassen sich bis zum Tod»
Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.
- Thomas* ist nebenberuflich als Friedensrichter tätig
- Er schlichtet oft zwischen Nachbarn, die wegen Kleinigkeiten einen Rechtsstreit beginnen
- Für ihn ist unverständlich, mit wie viel Bitterkeit sich zwei Menschen rechtlich bekämpfen können
- Trotzdem macht er seine Aufgabe gern
Ich amte seit ein paar Jahren als Friedensrichter in einer kleinen Zürcher Gemeinde. Gewählt bin ich – wie die Bezeichnung verrät – um Frieden zu stiften, wenn zwei sich streiten und darum ein Schlichtungsgesuch eingereicht haben.
Versteht mich nicht falsch, ich übe das Amt gerne aus. Aber in manchen Fällen kann ich ob der Verbissenheit der Leute nur den Kopf schütteln. Oft habe ich zwei Nachbarn vor mir, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Mindestens juristisch, in manchen Fällen wurde es schon lange vor der Verhandlung handgreiflich. Im Dorf sprechen sich diese Dinge schnell herum.
Bei Streit zwischen Nachbarn begegnen mir immer wieder die Klassiker: Ein neuer Grundeigentümer erlaubt dem Nachbarn die Durchfahrt über seinen Boden nicht mehr. Oder er blockiert den Weg direkt mit schweren Blumentöpfen. Häufig anzutreffen ist auch der ominöse Baum, der Nachbars Terrasse in den Schatten stellt. Manchmal genügt, dass eine Hecke den Gartenzaun überragt. Eigentlich absurd.
«Aber du hast zuerst...»
Nicht selten entpuppt sich der offizielle Streitpunkt als Retourkutsche und nicht als eigentliches Problem. «Aber du hast zuerst deinen stinkigen Kompost neben mein Grundstück gestellt!», kann es dann durch die Schlichtungsstelle poltern, wo doch eigentlich eine Verhandlung wegen der Blumentöpfe terminiert war.
Ihr seht: Vor dem Friedensrichter kann jede noch so kleine Lappalie landen. Streit haben übrigens alle. Egal ob alt, jung, Mann, Frau, reich oder arm, ich habe schon alles in jeder erdenklichen Konstellation gesehen. Mindestens eine Partei ist äusserst stur – sonst wäre der Streit nicht bis zu mir gekommen. Wobei sich meist zeigt, dass beide Fehler gemacht haben.
Was ich von diesen Leuten halte? Ich masse mir kein Urteil über die Persönlichkeit der Rechtssuchenden an. Der Beizug eines Richters ist legitim. Doch ich bedauere viel, dass man in vielen Fällen nicht einmal das gemeinsame Gespräch gesucht hat.
Völlig fehlt mir das Verständnis, wenn sich die Streitenden am Ende um die 50 Franken für das Schlichtungsverfahren zanken. Hauptsache, man hat noch ein bisschen mehr Recht als das Gegenüber – das ist doch total unnötig! «Muss ich jetzt etwa zahlen, damit Sie aufhören?», frage ich die Streithähne dann jeweils.
Grosser Aufwand wegen Kleinigkeiten
Mich beschäftigt auch der überproportional grosse Aufwand, der wegen zehn Zentimeter Grenzabstand anfallen kann. Für die Streitparteien, aber auch den Staat. Letztlich kostet meine Arbeit Steuergeld, gleiches gilt für die Polizei, wenn diese zuvor ausgerückt war.
Zum Glück habe ich als Friedensrichter die Möglichkeit, weitere Mehrkosten zu verhindern. Wenn ich einen Nachbarschaftsstreit schlichte, kommt der gar nicht erst vor Bezirksgericht. Es wäre die nächste Etappe im Rechtsstreit. Für eine Einigung versuche ich möglichst unvoreingenommen und verständnisvoll auf alle Beteiligten einzugehen. Oft mit Erfolg.
Den Schweizer Friedensrichterinnen und -richtern gelingt in bis zu 80 Prozent der Fälle eine Schlichtung. Diese Zahl bezieht sich allerdings nur auf den rechtlichen Prozess. Meine Erfahrung ist leider: Viele hassen ihren Nachbarn auch nach der Schlichtung bis zum eigenen Tod. Das gibt mir zu denken. Besonders weil einige Streitparteien mal gute Freunde waren.
(aufgezeichnet von watson.ch)
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