Schweiz
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Zahlreiche Branchen profitieren von den Auswirkungen der Pandemie. Allen voran der Onlinehandel. bild: shutterstock

Der Onlinehandel als Jobmotor

Während eine Vielzahl an Unternehmen unter der Pandemie leidet und Personal abgebaut wird, boomt das Onlinegeschäft. Es werden Hunderte Stellen geschaffen.

roman schenkel / schweiz am wochenende



Kurzarbeit hier, Stellenabbau da, Massenentlassungen dort. Die negativen Schlagzeilen prasselten in den letzten Wochen stakkatoartig durch die Medien. Liftbauer Schindler baut 200 Stellen ab, Uhrenhändler Bucherer reduziert die Zahl der Stellen in der Schweiz um 220, beim Airline-Caterer Gategroup gehen 350 Stellen verloren, Reiseveranstalter Hotelplan entlässt 170 Angestellte.

Die Liste liesse sich noch um einige Zeilen verlängern. Doch bereits diese Auswahl zeigt: Die Coronapandemie unterzieht den Schweizer Arbeitsmarkt einem Stresstest. 151'111 Personen waren im August bei einem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum als arbeitslos registriert. Seit Februar, vor Ausbruch der Coronakrise, ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz von 2,5 auf 3,3 Prozent gestiegen.

Doch es gibt auch die andere Seite. Zahlreiche Branchen profitieren von den Auswirkungen der Pandemie. Allen voran der Onlinehandel. Die Coronakrise war ein regelrechter Beschleuniger für den Schweizer E-Commerce. Die Händler verzeichneten stark wachsende Umsatzzahlen. Die Onlinebestellungen der meisten Produktgruppen legten mindestens leicht, meistens stark zu.

ARCHIVBILD ZUM JAHRESUMSATZ 2018 VON DIGITEC GALAXUS, AM MITTWOCH, 09. JANUAR 2019 ---- 
Employees pack separately ordered items ready for dispatch at the central warehouse and logistics center of Digitec Galaxus, pictured in Wohlen in the Canton of Aargau, Switzerland, on January 25, 2018. The Swiss company Digitec Galaxus AG operates the online stores Digitec and Galaxus as well as ten branches in the German and French-speaking parts of Switzerland. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Mitarbeiter verpacken einzeln bestellte Artikel fuer den Versand im Zentrallager und Logistikzentrum von Digitec Galaxus, aufgenommen am 25. Januar 2018 in Wohlen im Kanton Aargau. Das Schweizer Unternehmen Digitec Galaxus AG betreibt die beiden Onlineshops Digitec und Galaxus sowie zehn Filialen in der deutsch- und franzoesischsprachigen Schweiz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Digitec Galaxus stockt um weitere 250 Angestellte auf. Bild: KEYSTONE

Mit positiven Folgen: Onlinehändler Digitec Galaxus hat bereits im März und April aufgrund des hohen Bestellvolumens rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Logistik eingestellt. Diese Woche vermeldete die Migros-Tochter, dass der Personalbestand nochmals um 250 Angestellte aufgestockt werde – davon seien 120 Stellen bereits besetzt. Der Onlinehändler will insbesondere für den Black Friday, den Cyber Monday und das Weihnachtsgeschäft gerüstet sein.

Brack peilt Milliardenumsatz an

Auch die Konkurrenz schläft nicht. Onlinehändler Brack mit Sitz in Mägenwil AG und Willisau LU hat in diesem Jahr kräftig ausgebaut. Seit Jahresbeginn hat das Unternehmen nachhaltig 100 neue Stellen geschaffen. Dies dank eines Umsatzsprungs. Brack sei auf gutem Weg, den Jahresumsatz von 2019 (811 Millionen Franken) «deutlich» zu übertreffen. Ob das Unternehmen bereits in diesem Jahr die Umsatzgrenze von einer Milliarde Franken knackt?

Im Elektronikbereich konnte auch Fust zulegen. Die Umsatzzahlen entwickelten sich «stark überdurchschnittlich». Seit Jahresbeginn hat das Unternehmen, das rund 1900 Angestellte zählt, 30 neue Stellen geschaffen. Auch Ex Libris, Microspot und Interdiscount haben Stellen geschaffen

Bei der Migros waren die grossen Wachstumstreiber Leshop und Digitec Galaxus. Diese Bereiche werden laufend ausgebaut. Besonders im Nonfood-Segment wuchs der Onlinehandel bei der Migros stark. «Wir verzeichnen eine Verzehnfachung der Bestellungen», sagt eine Sprecherin. Ähnlich karg gibt Coop Auskunft zum boomenden Geschäft. Coop.ch habe neue Stellen geschaffen. In den Bereichen Transport und Logistik nahm die Zahl der Mitarbeitenden um rund ein Fünftel zu.

Callcenter bricht wegen Überlastung zusammen

Auch der Versandhändler Lehner mit Sitz in Schenkon LU hat im laufenden Coronajahr starkes Wachstum erlebt. Im ersten Halbjahr legte der Umsatz um 45 Prozent zu – allein im zweiten Quartal kam es zu einem Umsatzplus von 83 Prozent. Firmenchef Thomas Meier illustriert das Wachstum mit ein paar Zahlen: In der Zeit von Januar bis August konnte Lehner 118'000 Neukunden gewinnen – im Vorjahr waren es in dieser Zeit 30'000 gewesen. «Unser Callcenter ist auf 1000 Telefonanrufe pro Tag ausgelegt. In Spitzenzeiten hatten wir jedoch bis zu 6300 Telefonversuche. Das hat zum Zusammenbruch unserer Zentrale geführt.»

Unter dem Strich konnte Lehner seit Jahresbeginn 39 neue Stellen schaffen. Dies vor allem in den Bereichen Kommission, Packerei und Retourenabteilung. Auch für 2021 geht Meier von einem Wachstum aus. Der Marktführer im Bereich Bettwäsche baut in Schenkon ein neues Hochregallager.

Fleurop steigert Umsatz um 128 Prozent

Nicht nur Bettwäsche, auch Blumen waren gefragt. Der Online-Blumenladen Fleurop erfreute sich im Frühjahr grosser Beliebtheit. Während Blumenläden und Gartencenter geschlossen hatten, konnte Fleurop Umsatz bolzen.

Marcel Villiger vom Blumengeschaeft Villiger in Hochdorf im Kanton Luzern liefert einen Uerraschungs Blumenstrauss an ein Altersheim, am Freitag, 8. Mai 2020. Im Blumengeschaeft Villiger und beim Lieferdienst ueber Fleurop-Interflora herrscht in den Tagen vor dem Muttertag Hochbetrieb. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Bild: KEYSTONE

Gemäss Jörg Beer, Chef von Fleruop Schweiz, erhöhte sich während des Lockdowns vom 17. März bis am 10. Mai der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 128 Prozent. Um die Mehrarbeiten in der Versandlogistik und im Kundendienst abzufedern, wurden 20 Temporärkräfte eingestellt. Das erste Halbjahr schloss der Blumenhändler mit einem Umsatzplus von 46 Prozent ab.

Neben Blumen wurde auch viel Kaffee getrunken. Nespresso büsste zwar beim Umsatz in den Kaffeeboutiquen ein, verzeichnete dank dem Onlinekanal im ersten Halbjahr jedoch einen Umsatzzuwachs im einstelligen Prozentbereich. Nespresso kündigte im Juli an, 160 Millionen Franken in den Produktionsstandort Romont FR zu investieren. Dort sollen in den nächsten Jahren bis zu 300 neue Stellen geschaffen werden.

Ebenfalls zugelegt hat zur Rose. Der Medikamentenversandhändler konnte im ersten Halbjahr den Umsatz um 5 Prozent auf 810 Millionen Franken steigern. Seit Jahresbeginn zählt das Unternehmen 12 neue Vollzeitstellen.

Vom Onlineboom profitiert hat auch Amorana. Der Online-Sexshop konnte seinen Umsatz im ersten Semester verdoppeln. Insgesamt kamen beim 34-köpfigen Team acht neue Stellen seit Jahresbeginn hinzu. Mehrere Stellen sind noch ausgeschrieben. Bis Ende 2021 soll das Unternehmen gemäss Co-Gründer Alan Frei nochmals rund 40 neue Stellen schaffen.

Die Credit Suisse rechnet, dass der Onlinehandel in diesem Jahr um 30 Prozent zulegen wird. Die Grossbank beziffert den Umsatz sämtlicher Schweizer Onlineshops auf 13 Milliarden Franken. Geht das Wachstum nun unvermindert weiter? Thomas Lang vom Beratungsunternehmen Carpathia rechnet damit.

«Das Jahr 2020 hat der Entwicklung zwei bis drei Jahre vorweggenommen», schreibt der E-Commerce-Experte auf seinem Blog. Er geht davon aus, dass der Onlinehandel auf deutlich höherem Wachstum weiterlaufe – unklar sei einzig, ob das Wachstum linear oder exponentiell sein werde.

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • BVB 13.09.2020 18:09
    Highlight Highlight Finde diese Entwicklung schade, gehe viel lieber in einen Laden
  • Eron Thiersen 13.09.2020 11:58
    Highlight Highlight Ist das ein Jobmotor? Was im Online Handel boomt, geht irgendwo anders verloren, dazu ist es fraglich ob die Qualität der geschaffenen Jobs die Gleiche ist. Des Weiteren boomt online solange man günstiger anbietet als der Konkurrent, d.h. wo und wie produziert wird ist qualitative ebenso fragwürdig wie die Besteuerung des jeweiligen Unternehmens. Ich behaupte mal Online ist ein Jobvernichter.
    • Lausannois86 13.09.2020 14:18
      Highlight Highlight Die Jobs sind eher höherer Qualität (mehr Richtung IT / Wirtschaftsinformatik) als Detailhandel. Dh die Wertschöpfung ist tendenziell höher, dafür brauchts tendenziell weniger Jobs als wenns im Laden selber wäre. Dh für einfachere Angestellte eine herausfordernde Entwicklung, für Unternehmen im Bereich IT zusätzlich schwieriger all die offenen Jobs zu besetzen.
    • GraveDigger 13.09.2020 15:08
      Highlight Highlight @Lausannois86
      Zum Glück braucht Brack und Co 100'000ende IT Mitarbeiter und Wirtschaftsinformatiker um das immer mehr automatisierte Lager zu betreiben. Aber vielleicht können sich die zukünftigen Lagerroboter ja das Zeugs das sie aus China ein und auslagern gleich selber bestellen.
    • Lausannois86 13.09.2020 17:07
      Highlight Highlight Wo hab ich meine Aussage gewertet? Die Entwicklung ist da, man kann diese verneinen & versuchen zu unterbinden aber ändert nix dran. Wie ich erwähne wirds für einfachere Berufsgattungen schwieriger, genau da muss angesetzt werden
  • Coffeetime ☕ 13.09.2020 11:29
    Highlight Highlight Die Frage ist aber auch, ist eine Servicekraft auch bereit, Päckli zusammenzustellen und ist ein Versandhändler bereit, jemanden aus der Reisebranche einzustellen? Hoffe JA.
  • Rosskastanie 13.09.2020 11:09
    Highlight Highlight Im Grundsatz lobenswert, wenn Arbeitsstellen geschaffen werden? Jobs sind nicht gleich Jobs; ich hätte gerne noch etwas mehr gewusst: Wer wird angestellt? Altersdurchschnitt? Arbeitzeiten (Wochenende, abends) ?Bezahlung? Befristete Arbeitsverträge, Praktika? Das hätte ein "runderes" Bild von der Situation gegeben. Journalism, anywhere?
  • GraveDigger 13.09.2020 10:57
    Highlight Highlight Schön das es den "grossen" so viel mehr beschert und paar hundert Arbeitsplätze geschaffen wurden in Bereichen mit 0 Wertschöpfung.
    Analog dazu wird in den wertschöpfenden und produzierenden Bereichen tausende entlassen. Scheinbar wird die Wirtschaft auf amerikanisches Muster getrimmt, 0 Wertschöpfung und viel Konsum bei maximalem Gewinn für die grossen Händler. Aber wir können ja mit Geld Geld verdienen, die Aktienmärkt zeigen es ja das mit Luft etwas erreicht werden kann.
    Wir werden sehen in 2 Jahren wer es sich noch leisten kann Online zu bestellen.
    • ikbcse 13.09.2020 13:33
      Highlight Highlight Danke, @GraveDigger. Genau meine Gedanken.
  • TheKen 13.09.2020 10:54
    Highlight Highlight Selten soviel Gas verbraucht wie dieses Jahr. Dank Homeoffice grilliere ich jetzt auch mittags.
  • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 13.09.2020 10:48
    Highlight Highlight Der Bericht wiederspiegelt eigentlich nur, wie konsum- und wirtschaftswachstumskrank diese Gesellschaft ist.

    Daneben geht für die meisten völlig unbemerkt die Umwelt zu Grunde. Was soll's? Die Sonne scheint ja...
  • landre 13.09.2020 10:26
    Highlight Highlight "Es werden Hunderte Stellen geschaffen."

    So à la "Amazon-Standard" ist gemeint?


    (So, genug Abstossendes gelesen. Jetzt warten die Pflanzen auf dem sonnigen Balkon für deren verdienten Respekt und Pflege und was definitiv konstruktiver ist als sich hier noch mehr aufregen oder verblüffen.)
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 13.09.2020 10:21
    Highlight Highlight Am besten wir belegen sie mit einer Sondersteuer, das wäre doch mal eine feine Idee.

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