DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die Schweiz kann praktisch kein Gas speichern. Wir benötigen dafür die Mithilfe der Nachbarsländer.
Die Schweiz kann praktisch kein Gas speichern. Wir benötigen dafür die Mithilfe der Nachbarsländer.Bild: Shutterstock

Wird alles teurer oder geht uns gar das Gas aus? Das musst du jetzt wissen

Der Schweiz droht in der kommenden kalten Jahreszeit eine Gasknappheit. Doch was sind unsere Möglichkeiten, um gar Stromunterbrüche zu vermeiden?
01.07.2022, 19:5226.07.2022, 14:28
Reto Fehr
Folgen

Russland ist mit Abstand der grösste Gas-Lieferant der Schweiz. Das meiste kommt dabei über Deutschland und Russlands Präsident Wladimir Putin drosselte in den vergangenen Tagen den Gasfluss dorthin. In Deutschland wurde darum bereits zum Gas-Sparen aufgerufen. Soweit sind wir in der Schweiz noch nicht. Aber mit der kalten Jahreszeit müssen wir womöglich auch Massnahmen ergreifen.

Diese 12 Punkte zeigen dir den Stand der Dinge.

Wie viel Energie benötigen wir überhaupt?

Der Energieverbrauch pro Kopf nahm in den letzten Jahren kontinuierlich ab. Im Monitoringbericht zur Energiestrategie 2050 gibt das Bundesamt für Energie (BFE) den Verbrauch indexiert mit Basis-Jahr 2000 an. In den letzten 20 Jahren ging der Pro-Kopf-Verbrauch demnach rund 20 Prozent zurück.

Endenergieverbrauch pro Person und Jahr

Bild: BFE, BFS, BAZL

Das EDA schreibt: «Der mittlere Energieverbrauch pro Person ist seit 1990 um 14,5 Prozent zurückgegangen. Aber als Folge der gleichzeitigen Zunahme der Wohnbevölkerung um 23,4 Prozent ist die Gesamtmenge der genutzten Energie in der gleichen Periode um 5,5 Prozent angestiegen.» Insgesamt verbrauchte die Schweiz 2021 794'720 Terjoule (TJ) Energie.

Wie gross ist der Anteil an Gas?

Im Jahr 2021 wurden in der Schweiz 122'280 Terajoule Erdgas verbraucht, das sind 15,4 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs.

Bis in die 1950er Jahre war die Schweiz sehr von Kohle abhängig, welche heute kaum mehr eine Rolle spielt. Auch die Erdölprodukte (Brenn- und Treibstoffe) nehmen seit dem Höchststand 1970 kontinuierlich ab.

Immer beliebter wird dagegen Energie aus Fernwärme, Industrieabfällen und erneuerbare Energien wie Biogene Treibstoffe, Biogas, Sonnenenergie und Umweltwärme. Wir haben diese in der Grafik noch unter «Übrige» zusammengefasst.

Aus welchen Ländern beziehen wir Gas?

Die Schweiz hat direkte Vertragsbeziehungen, insbesondere mit Liefergesellschaften in Frankreich, Deutschland, Italien und den Niederlanden. Rund drei Viertel der Gaslieferungen in die Schweiz erfolgen über Deutschland.

Mit Russland gibt es keine Abkommen, allerdings kommt das Erdgas indirekt über die anderen Liefergesellschaften, insbesondere Deutschland, wo die Pipeline Nord Stream 1 endet. Michael Schmid, Leiter Public Affairs beim Verband der Schweizerischen Gasindustrie (Gazenergie), schreibt auf Anfrage: «Anders als beim Strom gibt es für Gas bisher noch kein umfassendes Herkunftsnachweissystem. Insofern kann nur eine Abschätzung gemacht werden.» Dabei geht man von dieser Aufteilung aus:

Können wir neue Gas-Lieferquellen erschliessen?

Das ist nicht ganz so einfach und im Vergleich zu Öl ungleich komplizierter: Die Transporte dafür gestalten sich aufwendiger, was sich auf den Preis niederschlägt. Für Russland in die Bresche springen könnten die USA, Katar oder Ägypten. Statt durch Pipelines würde der Energieträger in flüssiger Form in Tankern nach Europa geschifft.

Ein Gas-Tanker wird mit Flüssiggas beladen.
Ein Gas-Tanker wird mit Flüssiggas beladen.Bild: keystone

Was machen wir, wenn unsere Lieferanten nicht mehr liefern?

Michael Schmid von Gazenergie erklärt:

«Die Gasversorgung basiert ebenso wie die Stromversorgung auf einem grenzüberschreitenden, europäischen Netz mit gegenseitigen Abhängigkeiten.

So kann beispielsweise über die Transitgasleitung, der wichtigsten Lieferroute für die Schweiz, Gas sowohl von Norden nach Süden wie von Süden nach Norden transportiert werden. Deshalb liegt die gegenseitige Unterstützung im Rahmen des Möglichen im gemeinsamen Interesse der Schweiz und ihrer Nachbarländer. Der Bundesrat verhandelt gegenwärtig auch über entsprechende Abkommen mit den Nachbarländern.»

Die erste Verhandlungsrunde mit den deutschen Verhandlungspartnern fand im Juni 2022 statt.

Wo lagern wir das Gas?

In der Schweiz bestehen keine saisonalen Gasspeicher, sondern nur kleinere Speicher, welche die temperaturbedingten Schwankungen im Winter während einigen Stunden oder Tagen ausgleichen.

Darum werden für die Gasversorgung der Schweiz Speichermengen im Ausland eingekauft, wo auch grosse Speicher stehen. Im Auftrag des Bundesrats werden dort physische Reserven eingekauft. Eine erste Tranche sicherte sich die Westschweizer Regionalgesellschaft Gaznat in Frankreich. Ziel ist, dass sich die Schweiz so und über Optionen rund 35 Prozent des Bedarfs für den kommenden Winter sichert.

Zudem gibt es sogenannte Ersatzpflichtlager für Heizöl, mit welchem Zweistoffanlagen im Fall von Knappheit von Gas auf Öl umgestellt werden könnten.

Wer verbraucht Gas?

Der grösste Anteil von Gas wird in Haushalten für Heizung und Warmwasser verbraucht. Dahinter folgen die Industrie und Dienstleistungen mit ebenfalls beträchtlichen Anteilen.

Wie sieht es in deiner Gemeinde aus?

Der Gasverbrauch in den Schweizer Gemeinden ist sehr unterschiedlich hoch. Hier siehst du, wie abhängig deine Gemeinde vom Gas ist.

Auffallend ist, dass insbesondere bevölkerungsstarke Zentren hohe Gas-Anteile ausweisen. Der Grund: Dort hat es Leitungen. Es waren die Städte, die bereits im 19. Jahrhundert Stadtgas aus Steinkohle produzierten, primär für die Beleuchtung. Als die Elektrizität ab 1890 aufkam, kam Gas für Warmwasser, Kochen und Heizen zum Einsatz. In den 1970er-Jahren begann die Schweiz dann Erdgas für die Beheizung grosser Gebäude und in der Industrie zu nutzen.

Den höchsten Gasverbrauch in der Schweiz haben Basel, Genf und Zürich, wo zwischen 40 und 50 Prozent der Wohngebäude mit Gas warm gehalten werden. Noch höher ist der Anteil in den aktuellen oder ehemaligen Industriestädten Solothurn, Olten, Langenthal, Allschwil oder Bettingen. Dort heizen über 60 Prozent der Haushalte mit Gas.

Wie viel mehr Gas benötigen wir in der kalten Jahreszeit?

Normalerweise verbrauchen wir in der Schweiz in den Monaten Juni bis August am wenigsten Gas, rund eine Terawattstunde pro Monat. Wenn es kalt wird, kann dieser Verbrauch auf sechs bis sieben Terawattstunden ansteigen.

Marianne Zünd, Leiterin Abteilung Medien und Politik beim Bundesamt für Energie, schreibt auf Anfrage: «In der kalten und kälteren Jahreszeit (Herbst, Winter, Vorfrühling) verbrauchen wir ungefähr 80% des Jahresverbrauchs.»

Was, wenn das Gas knapp wird?

Wie der Bundesrat am Mittwoch mitteilte, käme in einem ersten Schritt das Konzept zur Stärkung der Versorgungssicherheit im Gasbereich zur Anwendung, welches die Task Force Winterversorgung ausgearbeitet hat. Das Konzept beinhaltete zwei Massnahmen:

  • Einerseits die Einrichtung einer physischen Gasreserve in Gasspeichern der Nachbarländer. Diese soll 15 Prozent (rund 6 TWh) des jährlichen Gasverbrauchs der Schweiz von rund 35 TWh abdecken. Die Schweiz trägt damit auch zur Füllung der europäischen Speicher bei.
  • Zweitens durch die Beschaffung von Optionen für zusätzliche nicht-russische Gaslieferungen in Höhe von 6 TWh (rund 20 Prozent des Schweizer Winterverbrauchs), die bei Bedarf kurzfristig abgerufen werden können.

Falls diese Massnahmen nicht ausreichen, würde der Bund hoheitliche Massnahmen treffen:

  • Zunächst würden Zweistoffanlagen von Gas auf Öl umgestellt (für den Fall, dass auch am Heizölmarkt Knappheiten auftreten, sind die entsprechenden Heizölmengen in Pflichtlagern für viereinhalb Monate vorhanden).
  • Sodann würde der Bundesrat Sparappelle erlassen, welche bei tiefen Temperaturen erhebliche Einsparungen ermöglichen (man rechnet mit rund 6 Prozent Einsparungen am Gesamtverbrauch bei der Reduktion der Raumtemperatur um ein Grad).
  • In einem weiteren Schritt würden Kontingentierungen von Einstoffanlagen erfolgen. Das würde sämtliche Verbraucher treffen, ausser den sogenannten geschützten Kunden, also Haushalte und soziale Einrichtungen.

Wie entwickelte sich der Gaspreis?

Das Bundesamt für Statistik (BfS) stellt regelmässig schweizerische Durchschnittspreise für Erdgas zur Verfügung. Indexiert haben wir die Preise für Gas (Verbrauchstyp 2, 20'000 kWh) im Dezember 2010. Im September war dieser ungefähr wieder auf dem Wert von Dezember 2010, seither ist er massiv angestiegen:

Was bedeutet das für Mieter?

Die Preise für Gas dürften in den nächsten Monaten weiter steigen und beispielsweise für Mieterinnen und Mieter kann es zu Mehrkosten im hohen dreistelligen oder gar tiefen vierstelligen Bereich kommen.

Diverse grosse Mietverwalter schreiben darum ihre Mieterinnen und Mieter an und warnen vor den steigenden Preisen. Dazu gibt es die Möglichkeit, die Akonto-Zahlungen freiwillig zu erhöhen, damit man dann nicht eine böse Überraschung bei der Abrechnung erlebt. Denn allfällige Nachforderungen gelten als Mietschulden und müssen zeitnah bezahlt werden.

Haushalte, die mit Öl oder Wärmepumpen heizen, bleiben vorerst verschont. Auf nächstes Jahr zeichnet sich aber ein höherer Strompreis ab.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Tierbilder, die genug Stoff für Albträume liefern

1 / 80
Tierbilder, die genug Stoff für Albträume liefern
quelle: reddit
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Gast wird vor dem Club weggeklatscht – rate mal von wem …

Video: watson

Abonniere unseren Newsletter

83 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Maya Eldorado
01.07.2022 15:31registriert Januar 2014
In unserem Mehrfamilienhaus wird mit Gas geheizt, auch das Warmwasser.
Ich strick mir mal vorsorglich warme Wollpullover und -socken.
866
Melden
Zum Kommentar
avatar
Spiderman97
01.07.2022 18:39registriert August 2021
"In Deutschland wurde darum bereits zum Gas-Sparen aufgerufen. Soweit sind wir in der Schweiz noch nicht."

Das ist genau das Problem: abwarten bis es knapp oder teurer wird. Etwas bewusster mit der Energie umgehen ist immer ein guter Rat. Schade, dass unsere wohlstandsverwahrloste Gesellschaft einen Appell oder Anreiz benötigt. Ein weiteres Beispiel wie die Eigenverantwortung versagt.
6111
Melden
Zum Kommentar
avatar
John What's on
01.07.2022 17:08registriert April 2015
Gas ist endlich! Wir müssen sowieso davon los kommen. Jetzt geht es halt "einbisschen" schneller als erwartet.
4712
Melden
Zum Kommentar
83
So nutzt die Schweiz Replay-TV
Beim Replay-TV gelten bald neue Regeln und die Nutzer müssen sich entscheiden: Schluss mit Werbung überspringen oder mehr bezahlen. Eine Umfrage zeigt, wie Replay-TV genutzt wird – und wie Kunden auf die Änderungen reagieren.

Bislang war die Schweiz für Replay-TV-User eine Insel der Glückseligkeit. Verpasste TV-Sendungen bis sieben Tage im Nachhinein schauen und nervende Werbeblöcke mit ein paar Klicks überspringen. Davon können TV-Konsumenten im Ausland nur träumen, wo verpasste Sendungen nur in der Mediathek des jeweiligen TV-Senders geschaut werden können.

Zur Story