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Schweiz
Wirtschaft

«Velo klimaschädlicher als Auto» – Schweizer Ökonom in der Kritik

Prof. Reiner Eichenberger DEU, Deutschland, Germany, Berlin, 16.10.2017 Prof. Dr. Reiner Eichenberger, Professor fuer Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universit
Es ist nicht das erste Mal, dass Reiner Eichenberger mit seinen Meinungsstücken auffällt.Bild: www.imago-images.de

Schweizer Ökonom nach Velo-Auto-Vergleich in der Kritik

Reiner Eichenberger wiegt in der «Handelszeitung» den Veloverkehr gegen Autoverkehr auf – ist dabei aber inkonsequent. Das findet zumindest ein Verkehrswissenschaftler.
16.11.2022, 20:0618.11.2022, 06:33
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Reiner Eichenberger ist Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg und schreibt in seiner Kolumne in der «Handelszeitung», dass Velofahren klimaschädlicher sei als Autofahren. Dafür wurde er in den sozialen Medien von Harvard bis Oxford kritisiert. Die internationalen Expertinnen und Experten sagten, er würde die Fakten verdrehen.

Sein Standpunkt: Der Velo­verkehr verursacht pro Personen­kilometer mehr externe Kosten als der Autoverkehr. Dabei beruft er sich auf die jüngsten Daten des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE) und des Bundesamts für Statistik (BFS), die über die externen Kosten des Verkehrs durch Klima-, Lärm-, Umwelt- und Unfallschäden Auskunft geben.

Kreative Buchführung

In seiner Kolumne will er die «kreative Buchführung» des ARE und BFS mit folgenden Behauptungen entlarven:

  • Eine Person auf dem Velo verbrauche mehr Energie als eine im Auto und müsste darum mehr essen – was das Klima belaste.
  • Ein «energieeffizientes» Auto mit vier Personen verbrauche auf 100 Kilometer 5 Liter Benzin (12 kg CO₂-Emissionen). Eine Person auf dem Velo verbrenne auf gleicher Strecke 2500 Kilokalorien. Um diesen Energieverbrauch auszugleichen, müsse diese etwa 1 kg Rindfleisch (13,3 kg CO₂-Emissionen) essen.
  • Die fleischessende Person auf dem Velo verbrauche pro Personenkilometer 133 g CO₂ – viermal mehr als eine der vier Personen im Auto.
  • Selbst wenn die Person auf dem Velo sich vegetarisch oder vegan ernähren würde, würde sie immer noch mehr Emissionen verursachen, als eine der vier Personen im Auto. Viele vegane Speisen seien «erstaunlich CO₂-intensiv».

Unglaubhafte Ausgangssituation

Einer, der diesen Behauptungen widersprochen hat, ist Giulio Mattioli. Der Verkehrswissenschaftler hat in einem Thread auf Twitter Eichenbergers Argumente auseinandergenommen – und anschliessend mit watson gesprochen.

Herr Mattioli, ist der Veloverkehr in Bezug auf die externen Kosten wirklich klimaschädlicher als der Autoverkehr?
Giulio Mattioli: Die Situation, von der Eichenberger ausgeht, ist unglaubhaft. Nehmen wir das energieeffiziente Auto: Die durchschnittlichen CO₂-Emissionen von Neuwagen in der Schweiz (123 g/km) lagen 2021 deutlich über dem Durchschnitt der EU (116 g/km). So energieeffizient, wie man es der Welt vielleicht wünschen würde, sind die Autos in der Schweiz also nicht. Auch von vier Personen im Auto auszugehen, entspricht nicht der Norm: In der Schweiz sitzen im Durchschnitt 1,6 Personen im Auto.

Immerhin hat Eichenberger die indirekten Emissionen berücksichtigt.
Aber auch nicht konsequent. Er bedenkt, dass eine Person auf einem Velo sich auf der Strecke von 100 Kilometer mehr anstrengen muss als eine im Auto. Aber danach davon auszugehen, dass sie danach Rindfleisch – das mit Abstand emissionsstärkste Essen – isst, ist irreführend, wenn wiederum nicht berücksichtigt wird, wie viel Emissionen zum Beispiel mit der Kraftstoffgewinnung und der Fahrzeugherstellung einhergehen.

Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus, wenn Personen – in diesem Fall ein Professor – die Fakten fehlerhaft auslegen?
Es erweckt den Eindruck, dass es keine Einigkeit gibt. Dabei gibt es die eindeutig: In der Verkehrswissenschaft ist es zum Beispiel unbestritten, dass Elektroautos klimaschonender sind als Autos, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden. Wenn man aber – aus welchem Grund auch immer – etwas gegen Elektroautos hat, kommt einem eine solche Kolumne sehr gelegen. Weil sie suggeriert, dass alles relativierbar ist – und damit auch etwas, das nicht den eigenen Präferenzen entspricht.

Müssen Zeitungen Meinungsstücke in Zukunft auf ihre Richtigkeit prüfen?
Solange sie nur Meinung enthalten, nicht. Sobald Autorinnen und Autoren aber über wissenschaftliche Themen schreiben, sollten sie es – gerade als Professorinnen und Professoren – mit einem wissenschaftlichen Anspruch machen.

Sie haben sich entschieden, auf Eichenberger einzugehen. Damit haben Sie dafür gesorgt, dass ihm widersprochen wird, gleichzeitig geben Sie ihm und seinen Ansichten Aufmerksamkeit.
Es ist ein Dilemma. Bezüglich der Klimadebatte wird Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfohlen, nicht mehr auf Leugnerinnen und Leugnern einzugehen. Da der Konsens klar ist. Dem stimme ich zu. Doch die Diskussion um die externen Kosten im Verkehr ist weniger verbreitet, darum wollte ich aufzeigen, was an Eichenbergers Auslegung fragwürdig war.

Debatte vertiefen

Es ist notabene nicht das erste Mal, dass Eichenberger mit Aussagen dieser Art auf sich aufmerksam macht.

Die «Republik» schrieb zu seiner Person: «Ob Lärm, Klima­erwärmung, Energie­wende, Migration, Medien­förderung oder Pandemie­bekämpfung: Eichenberger redet mit. Am liebsten zuvorderst. Als Experte für alles.»

2020 fiel er mit seinem Vorschlag auf, aus Kostengründen die Bevölkerung – im Sinne der umstrittenen Herdenimmunitätstheorie – gezielt zu durchseuchen. Es war sein Erfolgsschlager.

Und die «Velo-versus-Auto-Analsyse» brachte er bereits 2018: In einem Meinungsstück in der «Sonntagszeitung» führte er ähnliche Argumente an wie heuer in der «Handelszeitung». Schon damals bezichtigte er das ARE des Schwindels.

Das ARE schrieb auf Anfrage an watson, es sehe derzeit keinen Anlass für ein Statement. Es wies aber auf den Bericht hin, in dem sich auch die Berechnungsmethode nachvollziehen lasse, «einschliesslich der Kosten für die vor- und nachgelagerten Prozesse, beispielsweise also die Herstellung von Fahrzeugen».

Und die «Handelszeitung»? Die will laut einem Tweet die «lebhafte» Debatte über «externe Kosten und Nutzen unterschiedlicher Verkehrsträger» vertiefen – in Form von weiteren Meinungsbeiträgen. Einer davon ist eine Replik von der Grünen-Nationalrätin Natalie Imboden.

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416 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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weissauchnicht
16.11.2022 20:21registriert März 2019
Aha. Dann gehe ich also lieber wieder mit dem Auto ins Fitnesscenter und danach zum Metzger, statt direkt mit dem Velo zum Bioladen… Wait…🤔
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manhunt
16.11.2022 20:15registriert April 2014
ich bin alltäglich im verkehr unterwegs. zwischen dem rheintal und basel, zwischen dem boden- und dem vierwaldstädtersee. in der stadt, der agglo und auf dem land. aber ein auto mit mehr als einem insassen begegnet mir höchstens hin und wieder. meist sind es dann zwei person/pkw.
ein auto mit vier insassen habe ich schon sehr, sehr lange nicht mehr gesehen.
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Lil-Lil
16.11.2022 20:21registriert Februar 2021
Peinlich peinlich, Herr Eichenberger... Tja, auch die Fabrikation von Benzin und Autos emittiert CO2. Wer hätte das gedacht 😂
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