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Dieser Schweizer Chef muss jeden Tag alle Mitarbeiter zum Mittagsschläfchen schicken 

Die Firma setzt seit Jahrzehnten auf Altbewährtes und hat damit Erfolg: Appenzell Alpenbitter schliesst am Mittag die Türen und stoppt die Produktion – damit die Mitarbeiter nach Hause essen gehen können. Eine Tradition, die selbst der Chef erst lernen musste.
25.10.2015, 18:3026.10.2015, 15:07

Totenstill ist es um 12 Uhr am Hauptsitz von Appenzeller Alpenbitter, die Firma ist verlassen. Kein Mensch ist zu sehen, keine einzige Flasche wird abgefüllt, sämtliche Maschinen stehen still. 

«Das ist bei uns jeden Mittag so», sagt Stefan Maegli, Geschäftsleiter des Unternehmens. Zwischen 12 Uhr und 13 Uhr gehe gar nichts weil seine Mitarbeiter Pause machten – und zwar zuhause am Mittagstisch bei ihren Familien. 

«Nach dem ‹Mittagsschlöfi› bin ich wieder fit»

Anita Rechsteiner arbeitet seit 18 Jahren für die Firma in Appenzell. Und seither schwingt sie sich jeden Tag um 11.30 Uhr auf ihr Velo, fährt nach Hause und beginnt zu kochen. Der Salat ist bereits gerüstet, das Fleisch bereitgestellt. «Es muss schnell gehen, um fünf vor Zwölf kommt jeweils mein Mann zum Essen», sagt Rechsteiner, die den «Zmittag» am Morgen vor der Arbeit vorbereitet. Der Mittagstisch Zuhause sei immer noch der Treffpunkt, auf den sie sich den ganzen Morgen freue, auch wenn die Kinder, die heute erwachsen sind, nicht mehr dabei seien. 

Anita Rechsteiner an ihrem Arbeitsplatz.<br data-editable="remove">
Anita Rechsteiner an ihrem Arbeitsplatz.

Bei Produktionsleiter Edi Hörler ist die Tochter noch dabei. Jeden Mittag treffen sich Hörler und seine Frau mit der 28-Jährigen am Mittagstisch und tauschen sich über das Neuste aus dem Dorf aus. Danach bleibt für ihn sogar noch Zeit, sich aufs Ohr zu hauen. Wie seine Kollegin Rechsteiner gönnt er sich ein kurzes Mittagsschläfchen. «Das dauert nicht länger als zehn Minuten, danach bin ich wieder fit für die Arbeit.» 

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Edi Hörler, Produktionsleiter.

Über den Mittag nach Hause und Zeit für ein Mittagsschläfchen – für die 45 Angestellten von Alpenbitter ist das seit Jahren Normalität und die Tradition in der Firma tief verankert. Das musste auch Stefan Maegli zuerst lernen, als er vor vier Jahren seinen Posten antrat.

Geschäftsleiter Stefan Maegli sorgt dafür, dass Appenzeller Alpenbitter die meistverkaufte Schweizer Spirituose bleibt.&nbsp;<br data-editable="remove">
Geschäftsleiter Stefan Maegli sorgt dafür, dass Appenzeller Alpenbitter die meistverkaufte Schweizer Spirituose bleibt. 
bild: watson

Keine Sitzungen während der Mittagszeit

Maegli, der zuvor Verkaufs- und Marketingleiter von Navyboot in Zürich war, setzte seine erste Sitzung bei Alpenbitter um 10 Uhr an. Das Meeting verlief erfolgreich, es dauerte aber bis weit in den Mittag hinein. Danach winkte der Verwaltungsratspräsident Maegli zu sich und rühmte ihn für die gute Sitzung. «Allerdings sagte er zu mir: ‹unsere Mitarbeiter gehen spätestens um 12 Uhr nach Hause zum Essen, das musst Du akzeptieren›», erinnert sich Maegli. Seither setzt er keine Sitzungen mehr über den Mittag an – oder er unterbricht sie.

Das Rezept ist geheim
Emil Ebneter legte im Jahr 1902 den Grundstein für die Appenzeller Alpenbitter AG. Noch heute ist die Firma ein Familienbetrieb und wird im Verwaltungsrat von der dritten und vierten Generation vertreten. Von den insgesamt 45 Mitarbeitern sind 35 festangestellt. Das wichtigste Produkt der Firma ist der Alpenbitter; ein Likör aus 42 Kräutern. Das Rezept ist geheim. Nur zwei Personen kennen die Zusammensetzung, sie sind für die Mischung zuständig. Das Unternehmen gibt keine Zahlen bekannt. Der Umsatz steigt laut eigenen Angaben stetig. Appenzeller Alpenbitter ist die meistverkaufte Schweizer Spirituose. (feb)

An die Tradition im Hause Alpenbitter hat sich der Geschäftsleiter schnell gewöhnt. Er ist mittlerweile sogar überzeugt, dass die ganzen Takeaway-Trends – die Tischflucht am Mittag – in die falsche Richtung gehen. Dass sich derzeit ein Gegentrend zu etablieren scheint, gibt ihm recht. So hat die Firma Freitag, die ihre berühmten Taschen und Accessoires aus Lastwagenplanen herstellt, kürzlich eine öffentliche Kantine ins Leben gerufen. Damit sollen Leute wieder am Mittagstisch zusammengebracht werden. 

Bei Appenzeller Alpenbitter wird man, egal was gerade Trend ist, nichts ändern. Aber kann es sich eine Firma in der heutigen Zeit überhaupt noch leisten, den Betrieb über den Mittag komplett einzustellen? Wie gelingt der Spagat zwischen Tradition und Erfolg?

«Wir sind vielleicht nicht ganz so schnell wie andere, dafür nehmen wir alles nur einmal in die Hand.»
Stefan Maegli, Geschäftsleiter.
Der Chef in der Kräuterkammer: Der Appenzeller Alpenbitter enthält 42 verschiedene Kräuter.&nbsp;<br data-editable="remove">
Der Chef in der Kräuterkammer: Der Appenzeller Alpenbitter enthält 42 verschiedene Kräuter. 

«Das ist kein Spagat», sagt Stefan Maegli. Im Gegenteil: die Mittagspause in den eigenen vier Wänden sei ein Schlüssel für den Erfolg der Firma. «Der Mittag bei der Familie ist total entschleunigend.» Er breche die Hektik und man beginne den Arbeitstag am Nachmittag wie neu. Dadurch steige die Qualität der Arbeit. «Wir sind vielleicht nicht ganz so schnell wie andere, dafür nehmen wir alles nur einmal in die Hand und machen unsere Arbeit von Anfang an richtig.» 

Zudem kennt die Firma kaum Fluktuationen. Die Mitarbeiter sind seit 10, 20, 30 und gar 40 Jahren im Betrieb. Bei mehreren Angestellten arbeitete schon der Vater für denselben Arbeitgeber. 

Emanuel Steiner, Leiter Finanzen.<br data-editable="remove">
Emanuel Steiner, Leiter Finanzen.

Die soziale Funktion des Mittags zuhause 

Inzwischen ist es 13 Uhr. Die schwere Türe beim Haupteingang fällt ein erstes Mal wieder ins Schloss. Die Mitarbeiter kommen zurück von der Mittagspause, auch Finanzchef Emanuel Steiner: «Ich hole mittags jeweils meine Tochter vom Kindergarten ab, danach fahren wir nach Hause und essen zusammen mit meiner Frau.» Weil die Tochter oft noch schlafe, wenn er am Morgen zur Arbeit gehe und schon wieder im Bett sei, wenn er am Abend nach Hause komme, würde er sie ohne das gemeinsame Mittagessen viel zu wenig sehen.

Die verordnete Mittagsruhe von der Firma wirkt bei manchen bis tief in die Nacht hinein. Stefan Maegli sagt, er schlafe tiefer als während seiner Zeit in Zürich, sei allgemein entspannter, fühle sich fitter. 

Der Äscher ist die schönste Beiz der Welt

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Der Äscher ist die schönste Beiz der Welt
quelle: peter böhi
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6 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tomlate
25.10.2015 20:07registriert März 2014
Schön, dass es das noch gibt.
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sleepalot
25.10.2015 20:06registriert Januar 2014
Ich habe einen gut bezahlten Job aufgegeben in Zürich aufgegeben um in der Wohnregion zu arbeiten. Jetzt kann ich 3-4x die Woche nach Hause für das Mittagessen mit der Familie. Möchte nicht mehr zurück!
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Wilhelm Dingo
26.10.2015 09:48registriert Dezember 2014
«Wir sind vielleicht nicht ganz so schnell wie andere, dafür nehmen wir alles nur einmal in die Hand.» Das ist die zentrale Aussage! Diese Einstellung kommt in der Schweiz immer mehr abhanden. Dafür hetzen ständig alle von Meeting zu Meeting und rauskommen tut dabei meist nichts. Alle meinen aber sie seien wahnsinnig produktiv.
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