«Constellation»-Barkeeper: «Ich werde langsam wütend»
Vom Brandausbruch bekam Gaëtan nichts mit, wie er im Interview mit RTS erzählt. Er arbeitete in der Silvesternacht in der oberen Bar des «Le Constellation» in Crans-Montana. Lange sei es ruhig gewesen im Lokal. Nach Mitternacht sei dann unten allmählich Stimmung aufgekommen. Doch gegen 1.30 Uhr änderte sich alles schlagartig. «Ich habe diese Erinnerung an die ersten Schreie, an die ersten Warnrufe, als das Feuer ausbrach, und an dieses Gefühl von Panik, das mich überkam.»
Gaëtan wollte wissen, was los ist, und wenn möglich helfen. «Ich war weit davon entfernt zu begreifen, was für ein Drama sich da gerade anbahnte.» Also machte er sich auf den Weg nach unten. Doch er schaffte es nur bis zur letzten Stufe der Treppe, erzählt er. Da kam ihm bereits Rauch entgegen. Mit seinem Arm habe er sich geschützt, um so wenig wie möglich einzuatmen. Ausserdem habe er eine Person weggezogen. «Danach glaube ich, dass ich von der Menschenmenge, die sich angesammelt hatte, um über die Treppe zu fliehen, umgestossen wurde.»
Danach erinnert sich Gaëtan an nichts mehr. Er geht davon aus, dass er wegen des Rauchs bewusstlos geworden war. Er sei froh, habe er keine Leichen oder verbrannte Menschen gesehen – Bilder, die Betroffene ein Leben lang verfolgen.
Erst einen Tag später wachte er kurz wieder auf. Seine Mutter und seine kleine Schwester sassen an seinem Bett, das Sprechen fiel ihm schwer, erzählt er gegenüber RTS. «Ich habe die ganze Zeit geweint.» Seiner Mutter habe er erzählt, dass er nicht mehr in einer Bar arbeiten könne und dass ihm Feuer von nun an Angst machen werde. Auch heute noch fürchtet er, dass die Katastrophe ihm die Freude an seinem Beruf genommen hat.
Gaëtan lag zuerst in Lausanne, dann in Paris im Spital, wie RTS berichtet. Sein Lungenflügel war kollabiert, ausserdem litt er an einer Niereninfektion. Er trug auch Verletzungen am Unterarm, an der Hand, an der Schulter, am Rücken und am Hinterkopf davon. Acht Tage lag er im Spital im Koma. Und doch sagt er: «Ich habe Glück, in diesem Zustand herausgekommen zu sein.»
Das Schicksal seiner Arbeitskolleginnen und -kollegen beschäftige ihn sehr. Die Kellnerin, die mutmasslich die Flasche mit dem Feuerwerk gehalten hatte, als die Schallschutzmatte in Brand geriet, kam beim Unglück ums Leben. Auch der DJ starb in der Brandnacht. Er hatte mit Gaëtan und zwei weiteren Angestellten in einer WG über der Bar gelebt. Gaëtans ehemaliger Mitbewohner wiederum kämpfe noch immer im Spital um sein Leben. «Jeden Tag denke ich daran, wenn ich einschlafe.» Noch kurz vor dem Brand hatte er den anderen Angestellten ein gutes neues Jahr gewünscht.
Die Momente vor dem Brand in Crans-Montana
Er habe nicht die Kompetenz, seinen Arbeitgebern Jacques und Jessica Moretti die Schuld am Ausbruch des Brandes zu geben. Im ersten Moment sei er ihnen deshalb auch nicht böse gewesen. «Aber wenn ich sehe, wie sie versuchen, sich selbst zu entlasten, werde ich langsam wütend.» Er finde es absurd, die Schuld den Angestellten in die Schuhe zu schieben.
Damit meint er Aussagen der Morettis bei der Einvernahme, dass das Personal die Idee gehabt habe, mit Champagnerflaschen und Sprühkerzen auf den Schultern eines Angestellten zu sitzen. Ausserdem habe man sich an die Sicherheitsvorschriften gehalten. Jetzt geben die Morettis hingegen in einem Brief an die Angestellten zu: «Wir tragen die Verantwortung, ohne euch in irgendeiner Weise die Schuld zuschieben zu wollen.»
Gaëtan fragt sich immer wieder: Wäre es anders gekommen, wenn für die Schallschutzmatten ein anderer – womöglich weniger brennbarer – Klebstoff verwendet worden wäre? Oder wenn er ein Sicherheitstraining gehabt hätte? Wenn er von einem Feuerlöscher im oberen Bereich gewusst hätte? Eine Antwort hat er nicht.
Das Interview von RTS in voller Länge:
Der 28-Jährige konnte nach zwei Wochen im Spital zu seinen Eltern zurückkehren. Ursprünglich war geplant gewesen, dass der junge Franzose ein halbes Jahr in Crans-Montana bleibt. Es war sein erster Barjob in der Schweiz, nachdem er mehrere Jahre in Frankreich in verschiedenen Lokalen gearbeitet hatte, berichtet RTS. Anfang Dezember fing er im «Le Constellation» an.
Abgelaufene Bierdosen und schwierige Ausweiskontrolle
Die Ernüchterung kam schnell für einen Barkeeper, der auch schon in gehobenen Lokalen gearbeitet hatte. «Wir mussten Panini und Shishas vorbereiten, hatten Brot, das seit einem Jahr im Tiefkühler war.» Der Mozzarella für die Panini sei abgelaufen gewesen, ebenso Bierdosen, die sie verkauft hätten.
Gleichzeitig seien die Kundinnen und Kunden arrogant gewesen. Besonders, wenn er schliessen wollte. «Wir mussten sie schon fast mit Gewalt aus der Bar bringen.» Die Kundschaft sei sehr jung gewesen. Er habe zwar Ausweise kontrolliert, aber die seien meistens auf dem Handy gewesen. Er habe keine Möglichkeit gehabt zu überprüfen, ob sie echt oder mit Photoshop bearbeitet waren. «Ausserdem wussten wir, das Ziel der Chefs war, dass Geld reinkommt.» Also habe er Geld reingeholt.
Auch die Umstände, als Gaëtan Jacques Moretti beim Wiederbefestigen der Schallschutzmatten half, beunruhigten ihn. Seiner Mutter beichtete er schliesslich, dass er über eine Kündigung nachdachte. Sie ermutigte ihn dazu: «Mach dir keinen Kopf. Verschwinde da. Du wirst dein Leben für einen Job riskieren.» Tatsächlich war sein Abgang beim Unglück bereits geregelt: Der Vertrag war aufgelöst, nach den Ferien wollte Gaëtan nach Frankreich zurückkehren. Um den Dezemberlohn zu erhalten, blieb er noch über die Festtage.
Nach zwei Wochen im Spital konnte er nun endlich nach Hause gehen. Er will bald mit der Aufarbeitung der Erlebnisse beginnen. Dafür habe er Termine bei Traumata-Psychologen. «Man muss darüber sprechen, man muss sich begleiten lassen. Das ist sehr wichtig.»
