Schweiz
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Daniel Koch, Delegierter des BAG fuer COVID-19, hoert sich eine Frage an, waehrend einer Medienkonferenz zur Situation des Coronavirus, am Freitag, 17. April 2020 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten im BAG, vertraut im Rahmen der Containment-Strategie auf die Kantone. Bild: KEYSTONE

Offen gesagt

«Lieber Herr Koch, was machen Sie denn da ...»

Die wirkungsvollste Massnahme gegen den Ausbruch einer Pandemie ist eine gute Vorbereitung. Die zweitwirkungsvollste Massnahme ist das Brechen von Infektionsketten. Um die Prävention haben sich die Kantone foutiert und sie sind auch für das Social Tracing nicht bereit.



Lieber Herr Koch

An die erste Stelle dieses Briefes gehört hier die verspätete Gratulation zum 65. Geburtstag und der Glückwunsch zum erreichten Pensionsalter. Herzliche Gratulation! Auch wenn dieser neue Lebensabschnitt für Sie jetzt nicht sehr geruhsam beginnt.

Denn noch immer gilt, was ich im letzten Schreiben an Sie festgestellt habe: Sie sind nicht zu beneiden in Ihrer Position, in der Sie die Verantwortung tragen müssen für Missstände, an denen andere schuld sind. Schuld und Verantwortung sind ja nicht das gleiche.

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Umso unverständlicher ist es, dass Sie nun wieder auf dem besten Wege sind, sich die Verantwortung für ein Versagen aufhalsen zu lassen, an dem andere schuld sind. Und zwar im Bereich des Social Tracing, also dem Aufspüren und Isolieren der Kontakte von Infizierten, das für eine wirksame «Containment»-Strategie essentiell ist.

Und was machen Sie da? Die Kantone sollen das machen?

Wenn eines gesichert ist, dann dass die Kantone die Vorbereitung auf die Epidemie grobfahrlässig, wenn nicht sogar vorsätzlich verschlampt haben. Seit der grossen Pandemie-Übung von 2014 war klar und Auftrag, dass die Kantone Schutzkleidung und Masken hätten anschaffen müssen. Sie haben es nicht getan. Es war klar, dass sie Desinfektionsmittel hätten lagern müssen. Sie haben es nicht getan. Es war klar, dass sie Notspital-Kapazitäten hätten aufbauen müssen. Sie haben auch das nicht getan. Auch nicht, nachdem der Bund das 2018 festgestellt hatte. Die Kantone haben sich auch danach um die Vorbereitung foutiert.

Und noch in der besonderen Lage, nachdem die Pandemie längst die Schweiz im Griff hatte, wollten einige noch ihr Sonderzüglein fahren.

Diese Kantone sollen nun das Social Tracing sicherstellen? Die Infektionsketten brechen, damit die Fallzahlen auf nachverfolgbarem Niveau (unter 100 täglichen Fällen) bleiben und wir den Lockdown wirklich lockern können? Diesen Kantonen soll nun dieses Kernelement der Containment-Strategie im Kampf gegen Corona anvertraut werden?

Ich lasse mich gerne überraschen, aber es ist nicht anzunehmen, dass das dieses Mal funktioniert. Seit man Anfang März aufgehört hat, die einzelnen Fälle nachzuverfolgen, weil die Fallzahlen nicht mehr zu bewältigen waren, sind rund acht Wochen vergangen. In diesen acht Wochen hätten die Tracing-Teams und -strukturen auf- und, wo schon vorhanden, massiv ausgebaut werden, sowie der rasche Datenaustausch zwischen Bund und Kantonen sichergestellt werden müssen. Damit man dann vielleicht auch mal eine Übersicht hat, wo sich die Leute anstecken.

Das haben die Kantone aber wieder genau so wenig gemacht, wie sie sich auf den Ausbruch der Pandemie vorbereitet haben.

Basel-Stadt hat 3 Vollzeitstellen für Social Tracing geschaffen, Zug schickt 14 Leute von der Lungenliga los und der Riesenkanton Bern verlangt vom Bund ein «sofort einsetzbares und wirksames Tool» des Bundes. Und das, obwohl schon ab Montag die ersten Massnahme-Lockerungen zu greifen beginnen.

Dabei braucht man kein «Tool», sondern schlicht und einfach Menschen, die telefonieren. Ihr Chef Alain Berset rechnet der Öffentlichkeit vor, dass es pro Infiziertem rund 5 Vollzeitstellen braucht, um erfahrungsgemäss zwischen 50 und 100 Personen ausfindig zu machen und ihnen Isolation zu empfehlen. Das wären für 100 Fälle täglich also schweizweit rund 500 Tracer, die den ganzen Tag nichts anderes machen als telefonieren, telefonieren, telefonieren.

Eine Datenbank, um Doppelspurigkeiten zu vermeiden und Ansteckungsmuster erkennen zu können, wäre auch nicht schlecht. Doch von so etwas hört man nichts.

Angesichts der Tatsache, dass gerade Milliarden zur Stützung der Wirtschaft ausgegeben werden, könnten wir uns eine solche und vielleicht auch ein paar Tracerinnen und Tracer mehr leisten? Oder angesichts der Tatsache, dass das Spitalwesen derzeit alles andere als überlastet, Armee und Zivilschutz aber weiterhin im Einsatz sind?

Versuchen Sie, die Entscheider zu überzeugen, dass notfalls die Soldaten und Zivilschützer telefonieren sollen. Diese Organisationen haben bewiesen, dass sie nur wenige Tage brauchen, um einsatzbereit zu sein. Und nicht mehrere Jahre, um es nicht zu sein.

Dann können Sie vielleicht auch etwas früher Ihre wohlverdiente Pension geniessen.

Lieber Gruss

Maurice Thiriet

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