Schweiz
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Die Koerpertemperatur wird bei den Soldaten gemessen, anlaesslich des Zusammenzugs der Soldaten des Spitalbataillon 5 die aus verschiedenen Teilen der Schweiz einrücken, am Montag, 16. Maerz 2020 in der Kaserne von Stans. Die Aufgabe der Soldaten ist dann die Unterstützung in den Spitälern wegen dem Coronavirus. (KEYSTONE/Urs Flueeler).

Soldaten des Spitalbataillons rücken ein, um Schweizer Spitäler zu unterstützen. Vor dem Dienst wird ihnen die Körpertemperatur gemessen. Bild: KEYSTONE

Pandemie-Übung 2014: Die Schweiz war gewarnt – aber nicht alle machten ihre Hausaufgaben

Auf dem Papier waren alle Massnahmen gegen eine Pandemie vorhanden, doch nicht alle wurden umgesetzt.

andreas maurer / schweiz am wochenende



Szenario-Skizze: Ein neues Grippevirus, das erstmals in Zentralasien nachgewiesen werden konnte, breitet sich in acht Wochen weltweit aus. Das Virus überträgt sich von Mensch zu Mensch und weist im Vergleich zu Pandemien der letzten Jahrzehnte eine deutlich höhere Letalitätsrate auf.

Die Sätze stammen aus dem Jahr 2014. Damals fand die erste Krisenübung statt, in die alle 26 Kantone involviert waren. Mehrere tausend Personen standen im Einsatz. Organisiert wurde sie vom Sicherheitsverbund Schweiz, den Bund und Kantone 2010 gegründet hatten, um die Zusammenarbeit in einer Krise zu verbessern.

Ein Resultat der Übung von 2014: Die Vorsorgeplanungen der Kantone für eine Pandemie waren nicht auf dem neusten Stand. Die Erfahrungen flossen in den nationalen Pandemieplan ein. Darin sind seit Jahren alle Massnahmen beschrieben, die heute zur Anwendung kommen: von Schulschliessungen bis Veranstaltungsverboten. Festgehalten ist auch, dass die Kantone genügend medizinische Güter für den Pandemiefall lagern sollten. Explizit genannt wurden Schutzmasken und Desinfektionsmittel.

Im Mai 2018 beauftragte Verteidigungsminister Guy Parmelin den ehemaligen Direktor des Bundesamts für Gesundheit, Thomas Zeltner, mit einem Gutachten. Er sollte abklären, wie die Schweiz im Sanitätsbereich für die Bewältigung einer Krise aufgestellt sein sollte. Damit kannte sich Zeltner aus. Früher war er auch Sonderdelegierter der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Andre Duvillard, Delegierter Sicherheitsverbund Schweiz, spricht an einer Medienkonferenz der Taskforce TETRA ueber die Bekaempfung des dschihadistisch motivierten Terrorismus in der Schweiz, am Montag, 2. November 2015 in Bern. In der Taskforce TETRA koordinieren die Schweizer Behoerden Massnahmen gegen Terrorismus und Dschihad-Reisen.  (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Im November 2019 beauftrage Amherd den Delegierten des Sicherheitsverbunds Schweiz, André Duvillard, Lösungsvorschläge herauszuarbeiten. Bild: KEYSTONE

Im Dezember 2018 lieferte Zeltner seinen Bericht ab. Darin steht, dass die Kantone ihre Hausaufgaben nicht gemacht hätten. Sie lagerten in ihren Spitälern nicht wie vom Bund gefordert genügend Medikamente, Medizinprodukte und Labormaterialien für einen Notstand. Zeltner schlug vor, dies in die Leistungsvereinbarungen der Kantone mit den Spitälern aufzunehmen.

Weiter hielt er fest, dass schweizweit rund 70 Spitäler für etwa 20 Milliarden Franken neu gebaut oder umgebaut werden: «Es wäre höchst sinnvoll, im Rahmen dieser Bauprojekte die zusätzlichen Bedürfnisse für Notlagen zu berücksichtigen und in die Auftragserteilung aufzunehmen. Soweit ermittelbar, ist dies zurzeit nicht der Fall.»

Wenige Tage nachdem Zeltner seinen Bericht abgeliefert hatte, gab Parmelin sein Departement an Viola Amherd ab. Auf ihrer Prioritätenliste stand die Kampfjetbeschaffung zuoberst. Als grösste Bedrohung nahm der Bund den IS-Terror wahr. Das Pandemieszenario war aus den Köpfen verschwunden. Fast ein Jahr verstrich.

Mitten in der Planung wurde das Szenario Realität

Im November 2019 beauftrage Amherd den Delegierten des Sicherheitsverbunds Schweiz, André Duvillard, Lösungsvorschläge für die im Gutachten beschriebenen Probleme auszuarbeiten. Duvillard ist in seinem Berufsleben vielen Krisen begegnet: Er war Delegierter des Roten Kreuzes im Irak, in Israel und im Libanon. Später kommandierte er die Neuenburger Kantonspolizei.

«Die Experten haben sich die richtigen Überlegungen gemacht. Auf dem Papier ist alles vorhanden. Aber nicht alle Hausaufgaben, die dort aufgeführt sind, wurden erledigt.»

André Duivllard

Duvillard hatte Zeit für eine einzige Sitzung mit seiner Projektgruppe, bis das Szenario, auf das er die Schweiz vorbereitete, plötzlich Realität wurde.

Duvillard arbeitet im Home-Office in Colombier am Neuenburgersee und schildert seine Erkenntnisse in einem Telefongespräch. Er sagt: «Heute sieht man: Die Experten haben sich die richtigen Überlegungen gemacht. Auf dem Papier ist alles vorhanden. Aber nicht alle Hausaufgaben, die dort aufgeführt sind, wurden erledigt.»

Auf den Intensivstationen und in den Notlagern zeichnen sich Engpässe ab. Duvillard sagt: «Im Kalten Krieg hatten wir für alles Reserven, vom Brot bis zu Medikamenten. Dann dachte man, dass mit der Globalisierung alles immer sofort geliefert werden kann. Jetzt fehlt es uns plötzlich an einfachen Mitteln wie Ethanol für Desinfektionsmittel und an Schutzmasken.» Zuständig für die Lager wären vor allem die Kantone. Die Gesundheitsdirektoren beschäftigten sich in den vergangenen Jahren mit der Spitalplanung und Krankenkassenprämien. «Eine Krise im Gesundheitswesen war nie ein grosses Thema», sagt Duvillard.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass sich in der Schweiz 26 Kantone um genügend Material und Ressourcen für den Krisenfall bemühen müssen. Duvillard unterstützt einen Lösungsvorschlag, der auf dem Papier schon lange existiert: Die Kantone teilen sich in vier Gesundheitsregionen auf und bereiten sich gemeinsam auf Krisen vor. Duvillard: «In der Westschweiz ist die regionale Zusammenarbeit schon weit, nicht aber in der Deutschschweiz.» Der Rückblick auf die Pandemie planung zeigt also: Die Schweiz hatte die richtigen Pläne erstellt, aber nicht konsequent umgesetzt.

«Eine Krise im Gesundheitswesen war nie ein grosses Thema.»

André Duvillard

Duvillard, der Mann, der die Planung bis Ende Jahr hätte verfeinern sollen, räumt ein, dass auch er die Ausbreitung des Coronavirus unterschätzt habe: «Obwohl ich selber sehr nah an der Pandemieplanung dran war und Erfahrungen mit Krisen im Ausland hatte, ging ich bis im März davon aus, dass die Schweiz auch diesmal verschont werden wird.» Er nahm an der ersten Sitzung des Bundesstabs für Bevölkerungsschutz teil, am 24. Februar, als erste Fälle in Italien auftauchten. Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit, der inzwischen berühmt geworden ist, habe schon an dieser Sitzung betont: «Was heute gilt, gilt vielleicht schon morgen nicht mehr.» Duvillard erinnert sich: «Die meisten gingen aber davon aus, dass wir noch viel Zeit haben werden.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • arty the pug 29.03.2020 09:36
    Highlight Highlight Ich denke es geht nicht nur um Vorräte, sondern die richtigen Massnahmen im richtigen Moment zu treffen. Die Balance zwischen Prävention und Deeskalation ist extrem schwierig. Nicht mal Experten konnten dies Ende FEB einschätzen.. wie willst du das üben!?

    “ Obwohl ich selber sehr nah an der Pandemieplanung dran war und Erfahrungen mit Krisen im Ausland hatte, ging ich bis im März davon aus, dass die Schweiz auch diesmal verschont werden wird.”

    “ Die meisten gingen aber davon aus, dass wir noch viel Zeit haben werden.”

  • Rethinking 29.03.2020 08:52
    Highlight Highlight Tja unsere neuen Kampfjets sind auch immens wichtig. Damit können wir dann auf Spatzen schiessen, ääh auf das Coronavirus...

    Das Geld würde man besser in eine Fliegerabwehr, Transport- und Kampfhelikopter sowie in Drohnen investieren...

    Gerade bei Drohnen könnten wir vom lokalen Knowhow profitieren, die eigene Wirtschaft unterstützen und unsere Abhängigkeit verringern...
  • runner 29.03.2020 08:50
    Highlight Highlight Es macht keinen Sinn, jemandem die Schuld zu geben. Diese Situation war noch nie da, das Wichtigste ist, daraus zu lernen und uns umgehend für eine mögliche zukünftige Pantemie zu wappnen.
    Auf andere Zuliefererstaaten kann man sich nicht verlassen, wir sollten uns niemals abhängig machen vom Ausland.
  • Rethinking 29.03.2020 08:15
    Highlight Highlight Die vier Gesundheitsregionen sind eine gute Idee... Sie sollte jedoch nicht nur für Krisen gelten, sondern auch für normale Zeiten und für alle Gesundheitsthemen...

    Der Kantönligeist scheint mir öfters sehr hinderlich und ineffizient...
  • In vino veritas 29.03.2020 07:57
    Highlight Highlight Warum werden z. B. Masken, Desinfektionsmittel, Medikamente oder Medizinische Apparate nicht zentral durch den Bund beschafft und anschliessend an die Spitäler ausgegeben? So könnten sich doch erstens grosse Preisreduktionen verwirklichen lassen und zweitens könnte der Bund die Lagerhaltung (inkl. Notlager) übernehmen. Man weiss ja mittlerweile, dass es nicht klappt, wenn jeder Kanton sein eigenes Süppchen kocht.
  • DemonCore 29.03.2020 06:25
    Highlight Highlight Meinungen sind wie Arschlöcher. Jeder hat seine. Wer Meinungen über Fakten stellt hat gleich verloren. Als guter Bürger und Mensch sollte die Verve, mit der man einen bestimmten Standpunkt vertritt mit dem gesicherten Wissen zum Thema korrelieren. Ein Grossteil der Leute scheitert bereits an der Orthografie des Wortes 'Krise' und weiss trotzdem alles besser.
  • Masche 28.03.2020 22:18
    Highlight Highlight Was im Artikel nicht steht, sehe ich als einen wichtigen Punkt, der in den Empfehlungen von 2018 von Thomas Zeltner steht: " Schliesslich sollte erwogen werden, den KSD (Koordinierter Sanitätsdienst) aus dem militärischen Teil des VBS herauszunehmen... Dies insbesondere auch im Kontext mit Ressourcenallokations- und Budgetdiskussionen. Es muss vermieden werden, dass der KSD als «Junior Partner» der Armee wahrgenommen wird, der bei Budgetdiskussionen zurück stecken muss vor den Bedürfnissen der Armee".
    • DemonCore 29.03.2020 06:16
      Highlight Highlight Oder man könnte aufhören die Armee zu Tode zu sparen wollen 🤷‍♂️
  • Posersalami 28.03.2020 22:16
    Highlight Highlight MMn. ist das Delegieren an Kantone, Gemeinden oder Spitäler der Kern des Übels.

    Der Pandemieplan ist für die ganze Schweiz, also sollte auch die Lagerhaltung zentral geschehen. Der Bund soll sofort wieder damit anfangen, Material für den Krisenfall einzulagern das für 3-4 Monate genügt!

    Dinge mit Ablaufdatum als Pflichtkonsum an geeignete Stellen ausgeben und regelmässig auffüllen. Wir wissen, wie das geht!
  • Zeit_Genosse 28.03.2020 20:33
    Highlight Highlight Danke watson wie ihr diesen guten Bericht von „Schweiz am Wochenende“ aufschaltet. Ist bei all dem Panik-Journalism auf den Gratismedien erfrischend.
  • Huckleberry 28.03.2020 20:25
    Highlight Highlight So hart es für Betroffene im Moment ist, diese Pandemie ist das beste was der Menschheit geschehen konnte.
    Irgendwann wird sich ein richtiger Killervirus ausbreiten, wie z. B. die Pest einer war! Im auftaue den Permafrost
    z.B. lauern ganz andere Kaliber.
    Dank Coronavirus werden wir darauf vorbereitet sein und in der Lage sein, die richtigen Massnahmen schnell zu treffen.
    • DemonCore 29.03.2020 06:14
      Highlight Highlight Pest wird durch ein Bakterium verursacht, nicht durch einen "richtigen Killervirus".
  • kubaumgartner@gmail.com 28.03.2020 20:16
    Highlight Highlight Diese Mängel sind nach Beendigung der Krise schonungslos aufzuarbeiten ! Aber nicht jetzt ! Jetzt muss die Krise bewältigt werden, und diese ständige Schuldsuche und Schuldzuweisung gewisser Medien stört nur die rasche und erfolgreiche Krisenbewältigung.
  • Kessler Hansjörg 28.03.2020 20:11
    Highlight Highlight "Jedem der zu diesem Bericht hier einen Kommentar abgibt traue und glaube ich nicht." - Ja, Ja Lusche.
    Benutzer Bild
  • Heini Hemmi 28.03.2020 19:55
    Highlight Highlight Warum um alles in der Welt muss man sich auf einen nationalen bzw. globalen Gesundheitsnotstand kantonal bzw. regional vorbereiten?! Es hat ja auch nicht jeder Kanton seine eigene F/A-18. Föderalismus in Ehren, aber hier ist Zentralismus gefragt. Eine Pandemie kommt statistisch gesehen alle paar Jahrzehnte vor, mit der zunehmenden Überbevölkerung sogar noch öfter. Wir täten gut daran, uns adäquat zu wappnen, und zwar nicht jeder Kanton für sich.
    • 7immi 28.03.2020 22:37
      Highlight Highlight @heini
      es macht schon Sinn, dass Spitäler und andere wichtige Betriebe einen gewissenen eigenen Vorrat haben, der über den Normalverbrauch hinausgeht. So entlastet man die Logistik. Was nützen zentrale Lager, wenn mans nicht verteilen kann? Es braucht beides, Zentrale und Kantonale Vorsorge!
  • MartinZH 28.03.2020 19:41
    Highlight Highlight Die Welt hätte Bill Gates besser zuhören sollen, als er 2015 und 2017 vor einer Pandemie warnte:

    His TED Talk from 2015 titled “The next outbreak? We’re not ready” is being shared widely online in recent weeks given the impact of COVID-19 around the world.

    “If anything kills over 10 million people in the next few decades, it’s likely to be a highly infectious virus rather than a war,” Gates said during the Ted Talk. “Not missiles, but microbes.”

    Two years later, he said the same thing at an event in Davos: “It’s pretty surprising how little preparedness there is for it,” Gates said in 2017.
    Play Icon
    • ikbcse 28.03.2020 19:52
      Highlight Highlight :)
      Benutzer Bild
    • Garp 28.03.2020 19:52
      Highlight Highlight Jeder der sich mal etwas mit dem Thema befasst hat, wusste Bescheid.
      Bill Gates sagte da nichts Neues.
      Die Schweiz und die Politiker haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht.
    • Raphael Stein 28.03.2020 21:35
      Highlight Highlight Bill Gates verfolgt seine eigene Strategie. Dem zuzuhören ist Selbstaufgabe.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Stargoli 28.03.2020 19:34
    Highlight Highlight Ein Fall für Captain Hindsight!
    Benutzer Bild
  • Zauggovia 28.03.2020 19:14
    Highlight Highlight Die Schweiz (und wohl auch viele andere Länder) braucht immer einen Schuss vor den Bug um Massnahmen zu ergreifen. Viele solche Szenarien sind von den Armee- und Kantonsstäben ausgearbeitet und durchgespielt worden (Pandemien, terroristische Angriffe, langandauernder Stromausfall etc.), jedoch hat sich in den Köpfen der Politik und der Bevölkerung eine Art ewiger Frieden und Wohlstand breit gemacht, sodass diese Szenarien als unrealistisch abgetan werden. Evtl. führt die jetzige Krise zu einem Überdenken.
    • Chääschueche 28.03.2020 20:32
      Highlight Highlight Das braucht der Mensch. Inklusive dir.

      Oder hast du dich vor 4 Wochen schon in Selbstisolation begeben?
    • redeye70 28.03.2020 23:54
      Highlight Highlight Und das krasse ist, dass diese Pandemie nur einen Vorgeschmack auf die bevorstehenden ökologischen Krisen geben.

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