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Blick auf Gebaeude der Psychiatrischen Klinik, aufgenommen am Montag, 31. Oktober 2016, in Muensterlingen. Wie der Tages Anzeiger die untersuchende Historikerin Marietta Meier zitiert, sollen die in den 1950er Jahren von Psychiater Roland Kuhn durchgefuehrten Medikamententests an Patienten ein groesseres Ausmass gehabt haben, als zuerst angenommen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Bild: KEYSTONE

Tests, Tote und Tofranil: Psychiatrie am Bodensee führte 3000 «Menschenversuche» durch



An der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen wurden zwischen 1946 und 1980 an mindestens 3000 Patienten Medikamente getestet. Dreh- und Angelpunkt war der Arzt und Klinikdirektor Roland Kuhn (1912-2005). Ein Forschungsbericht gibt Einblick in dieses dunkle Kapitel.

Die Studie wurde am Montag im Thurgauer Staatsarchiv in Frauenfeld vorgestellt. Ein unabhängiges, interdisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung der Professorin Marietta Meier von der Universität Zürich hat das rund 300-seitige Buch verfasst. Der Bericht gibt einen detaillierten Überblick über die Medikamentenversuche.

Roland Kuhn spielte eine massgebliche Rolle bei der Entwicklung des ersten Antidepressivums Tofranil. Seine Tests führte der Arzt zum Teil an einigen wenigen Personen durch, daneben gab es auch gross angelegte Versuchsreihen mit über 1000 Patienten. Kuhn selber erwähnte in seinen Unterlagen etwa 3000 Fälle.

Das Forschungsteam fand Beweise für 67 Substanzen, die in Münsterlingen getestet wurden. Für weitere 50 Stoffe sind Anfragen oder Lieferungen belegt. Gefunden wurden auch zwei Blechschachteln mit 25'000 Dragees mit der Bezeichnung «G 35259, Ketimipramin», einem Antidepressivum, das laut Marietta Meier nie auf den Markt kam.

Es gab auch Todesfälle

Nur selten seien Patientinnen und Patienten genau über die Substanzen aufgeklärt worden und hätten freiwillig an klinischen Versuchen teilgenommen, erklärte Meier. Eine konsequente Kontrolle habe es nicht gegeben, «es gab auch Zwischen- und Todesfälle». Die jeweiligen Todesursachen seien aber unklar.

Neben der Klinik Münsterlingen und den Pharmafirmen war ein breites Netz von Institutionen und Personen in die Versuche einbezogen: stationäre und ambulante Patienten, deren soziales Umfeld, privat praktizierende Ärzte, andere Kliniken und Behörden. Kuhn soll für die Versuche 3.5 Millionen Franken erhalten haben.

Kuhns Forschungsmethode habe spätestens ab Mitte der 1960er Jahre den wissenschaftlichen Standards nicht mehr genügt, sagte Regierungspräsident Jakob Stark an der Medienkonferenz. Trotzdem hätten die Behörden und die Pharmaindustrie Kuhn weiterhin gewähren lassen und ihn für die Versuche bezahlt.

Als besonders irritierend bezeichnete Stark «das schiere Ausmass der Tests» sowie die Tatsache, dass Testpräparate auch Patientinnen und Patienten abgegeben wurden, die nicht zu den Testpersonen gehörten. «Sehr betroffen macht, dass auch besonders vulnerable Patientengruppen wie Kinder, Jugendliche und Schwerst- und Chronischkranke in die Tests miteinbezogen wurden.»

Regierung entschuldigt sich

Die Thurgauer Regierung entschuldigte sich in einer Erklärung «bei allen Betroffenen von Medikamententests in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen zwischen 1940 und 1980». Den Betroffenen werde ein «Zeichen der Erinnerung» auf dem ehemaligen Spitalfriedhof von Münsterlingen gewidmet, heisst es in der Erklärung.

Nicht bestätigt habe sich die anfängliche Mutmassung, auch Kinder und Jugendliche aus Kinderheimen seien planmässig und in grosser Zahl in Münsterlingen für Medikamententests missbraucht worden, erklärte Regierungsrat Walter Schönholzer.

Das Forschungsprojekt im Auftrag des Kantons dauerte dreieinhalb Jahre und kostete rund eine Million Franken. Als Quellen dienten das Archiv der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen seit 1840, der Nachlass von Roland und Verena Kuhn-Gebhart sowie Quellenbestände aus dem Konzernarchiv von Novartis Schweiz. (sda)

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Luzerner Psychiatrie testete Medikamente an Patienten

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9 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Nik G.
23.09.2019 15:39registriert January 2017
Wird immer noch gemacht. Zum Beispiel in Indien wird der Armen Bevölkerung die nicht lesen kann gratis Medikamente verteilt. Ob sie gegen die Krankheit hilft sei dahingestellt. Der Arzt der das macht erhält Geld von Pharmafirmen. Also natürlich nicht von der offiziellen sondern einfach von einer Tochtergesellschaft. Medikamententests sind in 1 Weltländer einfach zu teuer.
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MeinAluhutBrennt
23.09.2019 17:30registriert January 2019
Die Entschädigung für Verdinkinder betrug/beträgt 25'000 Franken (steuerfrei). Vermutlich aus dem Grund dass nicht noch die Ergänzunngsleistungen wegfallen falls mehr "Vermögen" als Total CHF 36'000 vorhanden ist.
Wir sind eines der reichsten Länder der Welt und "vermögen" es nicht den Opfern von Damals eine würdige Summe auszubezahlen?
CHF 200'000 bis 1 Million wäre aus meiner Sicht das absolute Minimum!
Und man sollte endlich mal die Täter von Damals an den Pranger stellen. Ich anerkenne würdig an, dass man sich heute politisch der Thematik annimmt. Es ist aber noch verdammt viel zu Tun!
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eightball
23.09.2019 19:38registriert September 2016
Es interessiert mich sehr, welche Pharmafirmen den da mitgemischt haben. Denn diese haben scheinbar wissentlich die Testpräparate zur Verfügung gestellt und somit mutmasslich involviert. Der Kuhn erhielt 3.5 Mio. Ich gehe davon aus dass die 1 Mio des Steuerzahlers nicht an den Kuhn ging. Also; wer bezahlte ihn?
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