Schweiz
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Blick vom Uetliberg auf Zürich. bild: panoramio

Die Stadt der Zukunft: Das nachbarschaftliche Quartier als Alternative zum Ghetto der Reichen

New York, London und Paris, aber auch Zürich, Genf und Basel erstarren im eigenen Erfolg. Zum Glück werden neue Konzepte entwickelt, welche die Stadt der Zukunft wieder lebendig und nachhaltig machen.



Selbst für die NZZ ist Zürich eine langweilige Stadt geworden. Aus der ehemaligen «Geld-Macher-Stadt» sei eine «Geld-Verwalter-Stadt» geworden, klagte jüngst Thomas Sevcik, Mitinhaber des Think-Tanks Arthesia, auf der NZZ-Meinungsseite. Diese Stadt sei kein «Laboratorium für Neues» mehr, sondern immer mehr ein Ghetto für Reiche. 

«Die Experimente und Konflikte finden auch in Zürich längst nicht mehr in den mittlerweile gesäuberten Aussenquartieren statt, sondern in der eigentlichen Agglomeration: Schräge Bars, merkwürdige Konzepte, aber auch beissende gesellschaftliche Realitäten gibt es heute im problembehafteten Schlieren, im multikulturellen Opfikon oder im boomenden Zug», stellt Sevcik fest und konstatiert: 

«Die alte Kernstadt scheint in einer gepflegten Stagnation zu verharren. Die Weltmetropolen sind quasi Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden.»

Tatsächlich hat sich das Image der Städte in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Noch in der 90er Jahren sprach man von A-Städten, und das A stand dabei für: Alkohol, Armut und Asylanten. Der Mittelstand floh in die Agglo, die Städte drohten zu verslumen.

Heute ist das urbane Lebensgefühl wieder chic geworden. Die Städte werden gentrifiziert mit dem Resultat, dass sich die neuen Wohnungen nur noch Reiche, Singles und kinderlose Paare leisten können. Der Mittelstand flieht nicht mehr aus der City, er wird aufs Land verdrängt.

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London. bild: tumblr/sillyluv

Auch in der sich abzeichnenden Luxusstädte-Wüste lassen sich jedoch Oasen ausmachen. In Zürich beispielsweise gibt es Wohngenossenschaften wie Karthago, Kraftwerk und neuerdings die Kalkbreite, die eine andere Form des Zusammenlebens erproben. «Einzelne Vorzeige-Objekte reichen nicht», sagt Hans Widmer, «wir brauchen nachbarschaftliche Quartiere.»

Widmer ist besser bekannt als «P. M.». Unter diesem Pseudonym hat er schon 1983 ein Buch mit dem Titel «bolo’bolo» veröffentlicht. Inzwischen ist er der wohl bekannteste Experte für alternative Wohn- und Lebensformen in der Schweiz

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In «bolo’bolo» ist ein «bolo» eine autonome Gruppe von einigen hundert «ibus» (Menschen), die durch ihr gemeinsames Interesse an einem bestimmten «nima» (etwa: Mentalität) vereint sind. bild: wikipedia

Eine kürzlich veröffentlichte Schrift «Nachbarschaften entwickeln!» wurde von ihm mitverfasst. Darin wird aufgezeigt, dass es möglich ist, mit sozial und ökologisch integrierten Nachbarschaften die Ziele einer 2000-Watt-Gesellschaft zu erreichen und gleichzeitig die Lebensqualität der Menschen zu erhöhen.

Was «Nachbarschaften entwickeln!» konkret bedeutet, will die Bau- und Wohngenossenschaft Nena1 rund um den Limmatplatz in Zürich aufzeigen. Das Konzept beruht auf verschiedenen Modulen. Zuerst kommt die Wohnung. Die Hälfte der Stadtwohnungen wird heute von Einzelpersonen belegt. Sie leben oft in Drei- oder gar Vierzimmerwohnungen. «Wenn es gelingt, diesen Personen attraktive
1-bis-2-Zimmerwohnungen anzubieten, dann kann allein durch Umziehen und Zusammenrücken eine ökologisch effiziente, kostengünstige Verdichtung ohne zusätzliches Bauen verwirklicht werden», heisst es in der Broschüre. 

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500 Menschen wohnen und arbeiten auf dem Ex-Carparkplatz. bild: nena1

Das zweite Modul ist die Nachbarschaft. Sie besteht aus angrenzenden Gebäuden, in denen im Durchschnitt 500 Menschen leben. Die neue Überbauung Kalkbreite ist ein Beispiel dieser Art. In den Gebäuden gibt es nicht nur Wohnungen, sondern auch Restaurants, Gewerbeflächen, Läden, Kindergärten und Dienstleistungsbetriebe. «Solche multifunktionalen Nachbarschaften funktionieren am besten in urbanen Umgebungen», sagt Widmer. 

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Die neue Kalkbreite-Überbauung. bild: sanvortec

Als alleinstehende Blöcke können solche Nachbarschaften jedoch ihr Nachhaltigkeits-Potenzial noch nicht ausschöpfen. Dazu braucht es das dritte Modul, das Quartier. Es umfasst 20 bis 40 Nachbarschaften, also 10'000 bis 20'000 Bewohner. Das Quartier ist somit gross genug um öffentliche Funktionen wie Schule, Verwaltung, Gesundheitsversorgung zu übernehmen. In jedem Quartier sollte es auch einen grösseren Platz oder Park geben.

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Während die Nachbarschaft eher intim und nur halböffentlich ist, kann das Quartier auch Dienste für das öffentliche Leben tragen.   bild: neustartschweiz

Die Stadt schliesslich ist das vierte Modul. Während das Quartier für den gemütlichen Alltag zuständig ist, dient das Stadtzentrum dem Geschäft und der Kultur. Die in Reichtum erstarrten Städte sind immer weniger in der Lage, diese Funktion auszuüben. Nach Ladenschluss sterben sie aus, weil nur noch Luxusboutiquen und Anwaltspraxen die hohen Mieten aufbringen können. Die Städte brauchen daher eine Generalerneuerung, sie müssen neu gedacht werden.

Am besten beginnt man dabei mit der Nachbarschaft. Es geht dabei um mehr als «schöner wohnen». Eine Nachbarschaft kann kombiniert werden mit anderen Sektoren der Gesellschaft, beispielswiese mit der Landwirtschaft. Um 500 Menschen mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen, reicht eine Agrarfläche von 80 bis 100 Hektaren. Ein grosser, diversifizierter Landwirtschaftsbetrieb kann somit eine Nachbarschaft zu einem guten Teil ernähren. «Die meisten Bauern, die wir anfragen, würden begeistert mitmachen», sagt Widmer.

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Im roten Kreis: Nachbarschaft inklusive Mikrozentrum. Im grünen Kreis: Agrozentrum. bild: neustartschweiz

Die Produkte werden in einem Lebensmitteldepot gelagert, eine aufwändige Verpackung ist unnötig. Wenn verschiedene Nachbarschaften zusammenspannen, wird die Auswahl erhöht und die Transportkosten gesenkt. «Dann stimmen Preis und Ökobilanz», sagt Widmer. Märkte und Bioläden sind zwar malerisch, aber nicht unbedingt nachhaltig. 

Die Genossenschaft Nena1 schlägt vor, rund um den Limmatplatz in Zürich ein nachbarschaftliches Quartier in dieser Form zu verwirklichen. Die Voraussetzungen dazu sind gut. Es bestehen bereits Nachbarblöcke der geschilderten Art, die man zu einem Quartier verbinden könnte. Der Carparkplatz beim Bahnhof und das Areal der Kehrichtverbrennungsanlage an der Josefstrasse, die 2020 abgebaut wird, bieten Platz für weitere Blocksiedlungen.

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700 Menschen ziehen auf dem Areal der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage ein. bild: nena1

In den 70er Jahren gab es verschiedene Versuche, den Traum einer ökologischen Lebensweise auf dem Land oder in abgelegenen Bergtälern zu verwirklichen. Die meisten dieser Experimente sind gescheitert.

«Inzwischen haben wir erkannt, dass wir die Städte neu erfinden und sie sinnvoll mit dem Land verbinden müssen, wenn wir eine sozial und ökologisch zukunftstaugliche Lebensform anstreben wollen.»

Hans Widmer

Mehr Infos unter: neustartschweiz.ch  und nena1.ch 

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12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Luki 14.06.2015 16:44
    Highlight Highlight Die Zersiedelungsinitiative der Jungen Grünen schafft Möglichkeiten für verdichtetes Bauen + nachhaltige Quartiere. Alle, die diesem Artikel zustimmen also unterschreiben.
  • Schneider Alex 14.06.2015 07:22
    Highlight Highlight Und wer immer noch die bünzlige Sehnsucht nach etwas Grün um seine Wohnung hat, dem empfehlen wir "urban gardening".
    • Hinterländer 14.06.2015 09:18
      Highlight Highlight urban gardening ist gar nicht so verkehrt. wer auf dem dach eines supermarkts oder einer fabrik ein gewächshaus oder eine fischzucht betreibt, braucht sich nicht um die bodenpreise zu kümmern und der liegenschaftsbesitzer kommt erst noch zu einem neuen und potenten mieter. wahrscheinlich verwechseln sie die professionelle nutzung brachliegender flächen auf dächern mit den versuchen der hobbygärtnerinnen und -gärtnern, die auf ihrem balkon ein paar tomaten und zucchini hochziehen.
    • Schneider Alex 15.06.2015 06:54
      Highlight Highlight Nein. Ich glaube einfach nicht, dass das bisschen Grün im verdichteten Wohnumfeld das Ende aller Wohnträume der Bevölkerung ist.
    • Hinterländer 15.06.2015 12:01
      Highlight Highlight Muss es ja auch nicht. Ob allerdings ein Fussballfeld grosses, asphaltiertes Flachdach auf einer Lagerhalle oder auf einem Wohnblock den Wohntraum erfüllt, möchte ich bezweifeln. Da ist mir Urban Gardening schon lieber.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Monti_Gh 13.06.2015 21:33
    Highlight Highlight Tolle Idee! werde mitmachen!
  • whatthepuck 13.06.2015 15:59
    Highlight Highlight Das Paper ist herzig gestaltet. Aber der Planungsalltag sieht anders aus. Wenn sich ein paar Idealisten in einer grösseren Stadt zusammenfinden, reicht es vielleicht gerade dafür, einen Häuserblock so zu gestalten. Ein ganzes Quartier, einen ganzen Stadtteil, eine ganze Stadt und dann weitere Städte im ganzen Land so zu entwickeln, das wird bei den bestehenden Eigentümerverhältnissen und -interessen wohl eine Utopie bleiben.

    Städte bewusst unattraktiv zu machen ist wohl auch der falsche Weg. Aber es muss nicht alles bewusst entwickelt werden; es braucht Raum zum Atmen und für Eigendynamik.
  • Angelo C. 13.06.2015 14:40
    Highlight Highlight Grundsätzlich bedenkenswert, was aus diesem Löpfe-Artikel hervorgeht, auch wenn man gewisse Widersprüche ausmachen kann. Einerseits wird erwähnt, dass sich nur noch kinderlose Paare, Reiche und Singles eine Stadtwohnung finanzieren können, andererseits wird später moniert, dass die Städte nach Ladenschluss abends eh leer und ausgestorben seien, weil sich nur noch Luxusboutiqen und Anwaltskanzleien dort befinden. Wer befindet sich nun also wirklich dort 😑? Die Kalkbreite finde ich ein ebenso mutiger wie aktuell noch experimenteller Schritt, man wird m.E. erst in einigen Jahren über die sich ergebenden Erfolgsaussichten urteilen können. Dass Parks zu solchen Grossüberbauungen alternativer Art gehören, ist sicher richtig, dies zumindest solange sie sich nicht so präsentieren, wie sich jener bizarre Platz in Neu-Oerlikon, den ich als lieblos und kalt empfinde. Einig gehe ich aber mit den Vorstellungen Löpfes, dass man sich geistig mit neuen Wohnformen und zukunftsorientierten Städteentwicklungen auseinandersetzen sollte.
  • Amboss 13.06.2015 14:28
    Highlight Highlight Ist ja alles schön und gut. Nur werden auch diese Bewohner älter und das Leben verschwindet aus der Stadt. Wer sich doch so eine Wohnung ergattert hat, der zieht erst aus, wenn er ins Altenheim muss.
    Muss die Lösung nicht sein, die Stadt bewusst unattraktiv zu machen? Alles andere bringt nix. Um eine dreckige Durchfahrtsstrasse siedeln sich kleine Geschäfte, Kreative etc... an.
  • Karl33 13.06.2015 12:21
    Highlight Highlight Das sind ja schöne Visionen, aber den Kern des Problems erwähnen sie nicht: Dass nämlich aus Land und Boden hohe Renditen generiert werden dürfen und sollen. Ohne Leistung der Besitzer notabene, die Leistung erbringt ja der Staat und die Stadt mit dem zur Verfügung stellen der Infrastruktur.
    An der Stockerstrasse wird grad eine grossen Liegenschaft umgebaut, die von einem ausländischen Fund besitzt wird. Wenn nicht nur inländische Spekulanten, sondern dank bürgerlicher Hilfe neuerdings auch ausländische Investoren unsere Städte besitzen und planen, wird das nie was mit solchen Visionen.

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