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Der Islamforscher Andreas Tunger-Zanetti forscht zur Burkadebatte in der Schweiz. Bild: keystone/universität luzern

Interview

«Kaum eine Frau wird nun die Gesichtsverhüllung aufgeben»

Nach dem Ja zum Verhüllungsverbot werde sich kaum etwas ändern, sagt der Islamwissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti. Etwas Erfreuliches konnte er der Debatte aber abgewinnen.



Herr Tunger-Zanetti, die Schweiz hat das Verhüllungsverbot angenommen. Sind Sie überrascht?
Andreas Tunger-Zanetti:
Wir wussten, dass es knapp wird. Allerdings freut mich, dass die Zustimmung tiefer ausfiel, als gedacht. Im Juni prognostizierte Ständerat Thomas Minder, dass das Volk die Vorlage deutlicher annehmen würde, als die Minarett-Initiative im Jahr 2009. Nun ist das Gegenteil eingetroffen: Es waren gut fünf Prozent weniger. Es ist erfreulich, dass sich die Bevölkerung nicht wieder im gleichen Ausmass vom Burka-Gespenst erschrecken liess, das ihr vorgezeichnet wurde.

«Die Niqabträgerinnen werden sich nun überlegen, wie sie mit dem Verbot umgehen wollen.»

Trotzdem will das Volk keine Vollverschleierungen. Werden die Burka- und Niqabträgerinnen nun ihre Hüllen fallen lassen?
Sicher nicht. Das wünschte sich wohl das Initiativ-Komitee, aber so läuft das nicht. Vorläufig verändert sich nichts, bis alle Kantone ihr Ausführungsgesetz erlassen haben. In der Zwischenzeit werden sich die Niqabträgerinnen überlegen, wie sie mit dem Verbot umgehen wollen. Einige werden vielleicht die Schweiz verlassen. Andere, die hier bleiben wollen, organisieren ihren Alltag um, damit sie möglichst wenig nach draussen müssen. Das haben Untersuchungen in Frankreich gezeigt. Einige Frauen nehmen auch bewusst Bussen in Kauf. Aber kaum eine wird die Gesichtsverhüllung aufgeben.

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Andreas Tunger-Zanetti ist Islamwissenschaftler und Autor der Studie «Verhüllung: Die Burkadebatte in der Schweiz». Bild: universität luzern

Was bedeutet der Entscheid allgemein für die Integration von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz?
Es gibt viele Musliminnen, die nie auf die Idee kämen, ihr Gesicht zu verhüllen. Doch die Schweiz hat nun schon die zweite Regelung erlassen, die sich gegen den Islam richtet. Das hinterlässt in Teilen der muslimischen Gesellschaft ein Gefühl des Nicht-willkommen-Seins und der Unsicherheit darüber, was womöglich noch kommt. Das schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Viele Musliminnen und Muslimen seien selber radikal gegen die Verhüllung. Das sagte Emrah Erken vom Forum für einen fortschrittlichen Islam in der SRF-«Arena».
Natürlich, sonst hätte es ja schon bisher wesentlich mehr Niqabträgerinnen geben müssen. Man kann gegen das Tragen einer Burka oder eines Niqab sein und trotzdem ein Verbot ablehnen.

Sie sagen: «Frauen mit Gesichtsverhüllungen haben sich grossmehrheitlich aus eigener Überzeugung dafür entschieden.» Ihre Studie präsentiert dabei allerdings nur eine Niqabträgerin.
Wir haben nie behauptet, die ultimative Studie über Niqabträgerinnen in der Schweiz vorzulegen. Im Gegenteil: Wir analysierten die hiesige Debatte. Diese Debatte stellten wir dann vor den Hintergrund der Realität von rund 30 Niqabträgerinnen in der Schweiz.

... indem Sie eine Niqabträgerin befragt haben?
Da unsere Analyse die erste ihrer Art in der Schweiz ist, schauten wir, was vergleichbare Studien aus dem umliegenden Ausland ergeben hatten. Dazu haben wir Forschungsarbeiten aus Belgien, Frankreich, Dänemark, Grossbritannien und den Niederlanden herangezogen. Diese wollten wir wenigstens an einem Beispiel aus der Schweiz testen.

«Niqabträgerinnen sind verstummt. Sie sagen lieber nichts aus Angst, dass ihre Aussagen verdreht werden.»

Sie kritisieren, dass die öffentliche Verhüllungsdebatte ohne die betroffenen Frauen geführt wurde, während Sie für die Studie auch nur eine gefunden haben. Verstecken sich die Betroffenen?
Wie gesagt: Es war nicht unsere Absicht, mehr als eine Frau mit Niqab für die Studie zu befragen, wir wollten keine Vollstudie machen. Und nein, diese Frauen verstecken sich nicht. Sie gehen nach draussen, bringen etwa ihre Kinder zur Schule oder zum Sport. Aber sie sind sehr zurückhaltend geworden, wenn es darum geht, der Forschung oder den Medien Auskunft zu geben.

Wieso?
Sie denken, ihre Aussagen werden verzerrt. Einige haben entsprechende Erfahrungen gemacht, andere einfach davon gehört. Unter diesen Umständen sind die Frauen verstummt. Sie sagen lieber nichts aus Angst, dass ihre Aussagen verdreht werden. Das ist der Effekt der Debatte zur Verhüllung, die nun schon seit 15 Jahren läuft und den Islam sehr schrill und verzerrt darstellt. Es sollte einer Gesellschaft zu denken geben, wenn sich eine Minderheit aus der Debatte verabschiedet.

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