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Totes Pferd am Sechseläuten – «Wir prüfen rechtliche Schritte gegen den verantwortlichen Zünfter»

Nach dem Tod eines Pferdes bei der Böögg-Verbrennung am Sechseläuten will die Stiftung Tier im Recht die Umstände des Vorfalls detailliert abklären.  



Zwei Pferdeunfälle, ein totes Pferd: Die Bilanz des Sechseläuten-Montags ist aus tierschützerischer Sicht vernichtend. 

Michelle Richner, rechtswissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung Tier im Recht (TIR), erklärt, weshalb der Einsatz von Pferden an Volksfestanlässen nach dem Gesetz unter Umständen den Tatbestand der Tierquälerei erfüllen kann.

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Michelle Richner, Tierschutzrecht-Expertin der Stiftung Tier im Recht.  zvg

Frau Richner, ist der Einsatz von Pferden an Volksfestanlässen sinnvoll?
Es ist nicht an mir das zu beurteilen, ob er sinnvoll ist oder nicht. Ich würde sagen, eher nicht, weil die Tiere ja eher dekorative und unterhaltende Funktionen erfüllen, für die sie nicht da sind. Aus tierschutzrechtlicher Sicht sind die Einsätze von Pferden an Fasnacht, Sechseläuten und dergleichen oft als Tierquälerei zu beurteilen. 

Warum? 
Weil das Tierschutzgesetz die unnötige Überanstrengung von Tieren als Tierquälerei qualifiziert und unter Strafe stellt. 

Was heisst Überanstrengen? Wie definiert man die Überanstrengung bei einem Pferd?
Wenn man dem Tier Leistungen abverlangt, die es nicht in der Lage ist, zu erbringen und die seine Leistungsfähigkeit übersteigen.  

«Ich glaube, dass der plötzliche Herztod eines Pferdes, wie er sich gestern ereignet hat, nicht aus heiterem Himmel kommt.»

Aber dann ist ja das Sechseläuten nicht unbedingt eine Überanstrengung. Sie müssen ja nur höchstens eine halbe Stunde im Kreis galoppieren.  
Alleine die Tatsache, dass den Tieren Medikamente verabreicht werden, zeigt, dass die Pferde auf natürlicher Basis nicht in der Lage wären, die Situation zu meistern. Und ich glaube, dass der plötzliche Herztod eines Pferdes, wie er sich gestern ereignet hat, nicht aus heiterem Himmel kommt. 

Was für Medikamente werden da verabreicht?
Domosedan oder Sedalin, das sind Beruhigungsmittel, die es in Gel-Form gibt und deswegen einfach zu verabreichen sind. Wegen der Einnahme über die Schleimhäute haben diese Gels eine lange Wirkungsdauer von bis zu drei Stunden. Es ist aber nicht so, dass alle Pferde unter allen Umständen mit solchen Sedativa ruhig gestellt werden müssen. Es gibt auch unter den Pferden wie bei den Menschen ängstlichere und weniger ängstliche. 

Michelle Richner, Stiftung Tier im Recht

Die 32-jährige promovierte Juristin ist bei der Stiftung Tier im Recht (TIR) verantwortlich für die Betreuung der Straffälle-Datenbank und jeweils Mitverfasserin der jährlichen Auswertungen der Schweizer Tierschutzstrafpraxis. Zudem hat sie als Co-Autorin am Heimtier-Ratgeber «Tier im Recht transparent» (2008) und am Kommentar «Schweizer Tierschutzstrafrecht in Theorie und Praxis» (2011) mitgearbeitet. 

TIR ist eine gemeinnützige Stiftung, die sich seit 1995 für die Interessen der Tiere einsetzt. Präsident von Tier im Recht war bis 2007 Antoine F. Goetschl, der danach bis 2011 als Zürcher Tieranwalt arbeitete. Das Mandat ist danach nicht mehr verlängert worden. 

Trotzdem, wirklich überanstrengt sind die ja nicht.
Körperlich allenfalls nicht, sicher aber mental. Die Tiere sind gestresst, man braucht kein Tierarzt zu sein, um das zu sehen. Die Pferde stehen Ängste aus, die ihnen nicht zugemutet werden dürfen. Das Tierschutzgesetz ist da relativ klar. Die Überanstrengung ist eine emotionale. Eine Negativ-Überanstrengung quasi. Es gibt aber auch die umgekehrte Situation etwa im Renn- oder Polosport, wo Pferde mit Aufputschmitteln versorgt werden, damit sie eine höhere Aggressivität und körperliche Leistungsbereitschaft an den Tag legen können. 

Wie äussern sich solche Stresszustände bei den Pferden? 
In einer höheren Atemfrequenz, verstärktem Schwitzen, aufgeblähten Nüstern und extremer Unruhe. 

Wenn diese Zustände den Tatbestand der Tierquälerei erfüllen, wenn sie vom Menschen herbei geführt werden, warum unternehmen Sie dann nichts? 
Wir sagen nicht, dass wir nichts unternehmen. Der Pferdehalter ist verantwortlich dafür, dass dem Pferd nichts passiert. Wir prüfen rechtliche Schritte gegen den verantwortlichen Zünfter, aber wir sind nicht sicher, wie aussichtsreich eine Strafanzeige wäre. Das Tierschutzgesetz ist dasjenige mit dem wahrscheinlich grössten Vollzugsnotstand in der Schweiz. Es wird leider noch immer nicht überall konsequent genug durchgesetzt. 

«Wenn am Ende des Tages dann noch das Reiten kommt, dann sitzen wohl einige dieser Hobby-Reiter auch nicht mehr ganz nüchtern auf dem Pferd.»

Was bleibt als Alternative? 
Die Sensibilisierung der Zünfter. Bei einem Grossteil derjenigen, die um das Sechseläuten-Feuer reiten, handelt es sich zum Teil um Leute, die nicht regelmässig reiten oder solche die die Pferde auch nicht gut kennen, da sie diese nur geliehen haben. Würden Ross und Reiter in einem langjährigen Vertrauensverhältnis zueinander stehen, wäre der Ritt um den Bögg für die Pferde eine entspanntere Angelegenheit. Dazu kommt, dass an diesen Festen ja nicht wenig getrunken wird. Wenn am Ende des Tages dann noch das Reiten kommt, dann sitzen wohl einige dieser Hobby-Reiter auch nicht mehr ganz nüchtern auf dem Pferd. 

Und was wollen Sie dagegen unternehmen? Den Zünftern das Saufen verbieten? 
Sicher nicht. Aber man könnte die Stresssituation für die Pferde sicher ein Stück weit verringern, wenn geübte Reiter mit Pferden, die sie gut kennen, um das Feuer reiten würden. Ob das dann Zünfter sind, oder die Reiter nur deren Kostüme tragen ist ja für das Erscheinungsbild des Anlasses und die Aufrechterhaltung dieser ohnehin fragwürdigen Tradition einerlei.  

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