Social Media
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Web-Experte Philippe Wampfler über Social-Media-Burnouts bei Jugendlichen: «Man muss sich rechtfertigen, wenn man einen Monat lang nichts auf Instagram gepostet hat»

Social-Media-Star Essene O'Neill kehrte Instagram den Rücken und prangerte die Oberflächlichkeit in den sozialen Medien an. Ihr Entscheid löste eine Debatte über das Phänomen des Social-Media-Burnouts aus. Medienpädagoge Philippe Wampfler über den Druck, dem Jugendliche im Internet ausgesetzt sind und den Strategien, diesen Druck abzubauen.



Philippe Wampfler, Autor von: Generation

Bild: miguelkratzer/watson

Essena O'Neil hatte Hunderttausende Follower auf Instagram, Snapchat und YouTube – dann beschloss sie von einem auf den anderen Tag, sich vom ganzen Zirkus zu verabschieden. Woher dieser Wandel?
Wampfler:
​Sie hatte wohl tatsächlich genug vom unablässigen Streben nach Aufmerksamkeit. Damit ist sie sicher nicht alleine. Was ich hingegen etwas befremdlich finde, ist, wie sie ihren Abschied inszeniert hat. 

Essena O'Neill: «Why I really quit»

abspielen

YouTube/iKaryn

Hätte sie besser einfach abtreten sollen, kein Wort des Abschieds, keine pathetischen Gesten?
Ja, aber das wäre ihr wahrscheinlich schwer gefallen. Wer einmal ​dieses Level erreicht hat, der kann nicht einfach so mir nichts dir nichts das Licht ausmachen und den Raum verlassen. Da geht etwas verloren, was den Lebensinhalt ausmacht. Vor allem, wenn man keine grossen Bindungen ausserhalb von Social Media mehr pflegt.

Zur Person

Philippe Wampfler ist Lehrer, Kulturwissenschaftler und Experte für Lernen mit neuen Medien. Der Aargauer erforscht und unterrichtet Medienpädagogik. An der Kantonsschule Wettingen unterrichtet er Deutsch und Philosophie. In journalistischen und kulturwissenschaftlichen Publikationen setzt er sich mit Fragen aus dem Schnittbereich von Social Media und Bildung auseinander. (rar)

O'Neill will eine Vorbildfigur für andere Mädchen sein. Ihr Abschied von der «oberflächlichen Social-Media-Welt» soll andere dazu inspirieren, es ihr gleich zu tun. Gelingt das?
Zuerst einmal: Ich glaube tatsächlich, dass einige junge Leute an diesem System verzweifeln. Sich dauern präsentieren zu müssen und auf positive Rückmeldungen zu hoffen – das kann zu einer Sucht werden. Im Grossen wie bei Essena O'Neill oder im Kleinen wie bei Schülern und Schülerinnen meiner Klasse, die sich in die Haare geraten können, weil sie finden, dass Likes unfair verteilt werden.

Essena O'Neill

Bild: instagram/essenao'neill

Also findet ihre Botschaft Zuhörer?
Ja, wenn die Jugendlichen hören, dass auch berühmte Leute Selbstzweifel haben, kann das sehr heilsam sein. Aber gleichzeitig ​hat ihre Botschaft auch einen sehr paradoxen Inhalt: «Hey, schaut mal, es gibt auch andere Möglichkeiten, um berühmt zu werden.»

«Social Media funktioniert wie ein Katalysator: Alles funktioniert schneller, unmittelbarer»

Nach O'Neills Bekanntmachung sprachen viele von einem Social-Media-Burnout. Was ist das eigentlich?
​Nun ja, vielleicht muss man etwas relativieren: Praktisch alle Jugendlichen hatten an irgendeinem Punkt mit mangelndem Selbstwertgefühl zu kämpfen. Das alleine ist keine neue Erscheinung. Teenager definieren sich seit jeher über Merkmale wie Aussehen, Kleidung, Mode, Sprache – wie Erwachsene übrigens auch – und manche haben da halt ein etwas verkrampftes Verhältnis. 

Essena O'Neill

Bild: instagram/essenao'neill

«Ich glaube, die Jugendlichen entwickeln ganz gut eigene Strategien, um den Gefahren im Web zu begegnen»

Aber Social Media verändert das Erwachsenwerden doch, oder?
​Natürlich, nur wirkt es in diesem Punkt eher wie ein Katalysator. Alles funktioniert schneller, unmittelbarer. Wenn man heute einen Instagram-Account hat und einen Monat lang nichts postet, muss man sich rechtfertigen. Das war früher anders.

Wann wird es von einem normalen Adoleszenz-Problem zu einer regelrechten Abhängigkeit?
Dann, wenn die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit eine Eigendynamik annimmt und zum Selbstzweck wird. Man merkt dann zwar, dass es einem nicht gut tut, kann aber nichts dagegen machen. Wenn das die sozialen Beziehungen oder die eigene Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, muss man von einer Sucht reden.

Wie sensibilisiert sind die Jugendlichen auf diese Gefahren?
Ich glaube eigentlich, sie entwickeln ganz gut eigene Strategien, um den Gefahren des Webs zu begegnen. Ein Beispiel: In der Schweiz gibt es immer weniger Jugendliche, die einen öffentlichen Instagram-Account haben. Die meisten bewegen sich innerhalb ihrer eigenen, privaten Sphäre. 

Sie unterrichten selber an einer Schule. Was geben Sie Ihren Schülern und Schülerinnen in Sachen Social Media mit auf den Weg?
Ich versuche vor allem, nicht übermässig belehrend zu wirken und nicht ständig den moralischen Zeigefinger zu heben. Ausserdem finde ich es wichtig, keine Nabelschau zu betreiben: Man muss die Dinge auch mal von ausserhalb betrachten und abstrahieren. Und letztlich hilft es, mit diesen Werkzeugen zu arbeiten und zu lernen.

Essena O'Neill und das Ende einer Social-Media-Schimäre

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    Alle Leser-Kommentare
  • Zeit_Genosse 06.11.2015 09:00
    Highlight Highlight Wir dürfen (mit Freude) feststellen, dass in der Schweiz alles etwas beschaulicher und entspannter ist. Durchaus ein Vorzug wenn es um negative Einflüsse aus der digitalen Gesellschaft geht. Wir schliessen zum Glück nicht aus wenigen Exzessen auf alle und hypen das Thema nicht übermässig. Dass die Schweiz bei globalen Gesellschaftstrends eher gemächlich oder gar nicht reagiert mag in diesem Zusammenhang ein Vorteil sein. Auf Begriffe wie Socialmedia-Burnout reagieren wir zum Glück gelassen. Die Schweiz hat die Stärke, dass sie sich nicht so stark von aussen beschleunigen lässt.
  • Madison Pierce 05.11.2015 18:30
    Highlight Highlight "Streben nach Aufmerksamkeit": Gab es doch schon immer. Wir hatten auch unsere Aufmerksamkeitshuren, welche unangemessen besoffen waren (oder es gespielt haben) und einen 10 Jahre älteren Freund hatten. Genau gleich die Jungs: Noch einen frechen Spruch zum Lehrer unter dem Gelächter der Mitschüler, beim Töffli auf den Sattel gestanden, sich im Kampf gegen Ältere bewiesen etc. Mein Grossvater ging wegen einer Wette einen Winter lang mit kurzen Hosen zur Schule... :)

    Nur hatten wir nicht tausende Zuschauer und unsere "Taten" wurden nicht für die Nachwelt archiviert.
  • Heiniger(s) 05.11.2015 17:38
    Highlight Highlight Jetzt hört doch mit dem Theater auf. Ich nutze kein Facebook, kein Instagram und brauche das Internet zur Informationsbeschaffung. Mein "Soziales Netzwerk" entsteht durch gemeinsahme Erlebnisse mit echten Freunden. Noch nie wurde ich durch all den digitalen und werbetechnischen Müll relevant beeinflusst. Und mit 19 Jahren gelte ich wohl per Definition als Jugendlicher.
    • Mafi 05.11.2015 17:45
      Highlight Highlight Genau dasselbe, nur das ich 16 bin. In meiner Informatik Klasse (applis) benutzt fast keiner aktiv facebook/twitter/instagram. Und die dies tun, nutzen es um girls zu stalken, nicht um etwas zu posten.
    • Angelo C. 05.11.2015 20:52
      Highlight Highlight Mein jüngster Sohn ist jetzt 21 und im Allgemeinen alles Andere als ein Langweiler. Doch auch er, der ein iPhone 6 spazieren führt und ein modernes Notebook besitzt, hat schon vor zwei Jahren die Läden dichtgemacht und die Accounts bei Facebook und Instgram ruhen lassen. Es ging ihm auf die Nerven und er wollte nicht - wie viele seiner Kollegen - täglich viel Zeit in diese Verzichtbarkeiten investieren, obwohl er das Internet sonst rege nutzt.
      Er habe auch nicht vor, dort die Hose runterzulassen und sein Privatleben auszubreiten.

      Ein Entschluss zu dem ich ihm schon mehrfach gratulierte 😑!
  • Wandtafel 05.11.2015 17:06
    Highlight Highlight Wer gab dem Typen den Titel „Web-Experte”?
    Zitat:
    «Wenn man heute einen Instagram-Account hat und einen Monat lang nichts postet, muss man sich rechtfertigen. Das war früher anders.»
    Kompletter Bullshit, ich bin 20 Jahre alt und erlebte von MSN, Habbo bis Facebook alles mit und noch nie ist dies aufgetreten. Masslose Übertreibung.
    • Philippe Wampfler (1) 06.11.2015 11:12
      Highlight Highlight Gemeint: Wenn der Kanal in Betrieb ist, entstehen Erwartungen und Normen.
  • STJEREM 05.11.2015 16:52
    Highlight Highlight Ich bin auch in dieser Generation, jedoch benutzte ich nichts ausser WhatsApp. Ich verstehe nicht, wieso man jeden Schritt dokumentieren muss.
  • revilo 05.11.2015 16:51
    Highlight Highlight Sich rechtfertigen weil man nichts mehr gepostet hat? Wie viele müssen das? 0.0001 % ?
    • Philippe Wampfler (1) 06.11.2015 11:13
      Highlight Highlight »sich rechtfertigen« kennt viele Normen. Und Teenager müssen das oft.
  • rasca 05.11.2015 16:41
    Highlight Highlight Man bin ich froh habe ich diese Generation knapp noch verpasst. Scheint ja wirklich ein schwieriges Teenager Leben zu sein, das die heute haben.
    • Gantii 05.11.2015 17:31
      Highlight Highlight das leben ist kaum schwieriger geworden. die probleme haben sich gewandelt und zudem kann jeder gehört werden via fb etc. dadurch kriegen einfach mehr leute von den problemen mit, denke nicht dass die menschen es früher einfacher hatten (kann das nicht beurteilen da ich ja zu "dieser generation" gehöre, wie so gern gesagt wird..)

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