Deshalb überlegte sich Marco Odermatt, auf das Heimrennen in Crans-Montana zu verzichten
Marco Odermatt hat mit den Speedrennen bei Olympia noch eine Rechnung offen. Bei den Winterspielen in China 2022 schied er im Super-G mit Gold vor Augen aus und belegte in der Abfahrt nur Rang 7. Auf der diesjährigen Olympiapiste in Bormio gewann der Schweizer Skistar im Weltcup indes bereits zweimal den Super-G und belegte in der Abfahrt zweimal Platz 2.
Schon am Mittwoch steht in Bormio das erste Training auf dem Programm. Am ersten offiziellen Wettkampftag der Winterspiele fahren die Männer am kommenden Samstag bereits um Abfahrtsgold. Mitfavorit Vincent Kriechmayr, dem es in diesem Winter noch nicht wie gewünscht läuft, macht vor dem Saison-Highlight eine Erholungspause. Der österreichische Routinier verzichtet auf die Abfahrt von Crans-Montana und bereitet sich stattdessen mit einem Trainingsblock auf Olympia vor.
Marco Odermatt winkte im Januar in vier Speedrennen und zwei Riesenslaloms dreimal als Sieger und einmal als Zweiter vom Podest. Für keinen anderen Skirennfahrer war die Arbeitsbelastung in den vergangenen vier Wochen so hoch. Wäre für eine optimale Olympiavorbereitung nicht auch für ihn ein Verzicht auf die Abfahrt vom Sonntag im Wallis sinnvoll gewesen?
Genau dies wurde der Nidwaldner nach dem Nachtrennen in Schladming vom ORF-Reporter gefragt. Und «Odi» verriet, dass ein solches Szenario tatsächlich diskutiert worden sei. Aber der amtierende Olympiasieger im Riesenslalom sagte im österreichischen Fernsehen auch, es sei halt ein Heimrennen und die WM-Hauptprobe.
Auch ein Verzicht auf Schladming wurde diskutiert
Diese Aussage suggeriert, dass Marco Odermatt vor allem dem Veranstalter und dem Publikum zuliebe in Crans-Montana an den Start geht. Vielleicht sogar ein so feiner Kerl ist, dass ihm wichtiger ist, seine Fans und die Walliser WM-Verantwortlichen zufriedenzustellen, als auf seine innere Stimme zu hören. Setzt er aufgrund seines einwandfreien Charakters vielleicht sogar eine Olympiamedaille aufs Spiel?
Dass die Rennen zu Hause sind und viele Menschen auch seinetwegen in Crans-Montana am Pistenrand stehen, hat beim Entscheid mitgespielt. Es war aber nicht der Hauptgrund für den Start. Was viele nicht wissen: Odermatt überlegte sich auch, auf den Riesenslalom in Schladming zu verzichten, verwarf diese Idee aber vorletzte Woche wieder und entschied, dass es für ihn wertvoller sei, im Rennrhythmus zu bleiben, als eine Pause einzulegen.
Aus einem einfachen Grund: Es läuft dem Saison-Dominator aktuell wieder einmal wie geschmiert. Dem 53-fachen Weltcupsieger winken am Ende des Winters die Kristallkugeln für den Gesamtweltcup, die Abfahrts-, Super-G- und Riesenslalom-Wertung. Wer Marco Odermatt gut kennt, weiss, dass diese Auszeichnungen für ihn beinahe den gleichen Stellenwert haben wie eine Medaille bei Olympia.
Svindal erklärt, wie Athletinnen und Athleten ticken
Wie formulierte es Aksel Lund Svindal, der norwegische Trainer von Lindsey Vonn, nach dem heftigen Sturz in der abgebrochenen Abfahrt von Crans-Montana, auf eine entsprechende Frage des Schweizer Fernsehens: «Wir haben diskutiert, ob Lindsey alle Rennen fahren soll. Aber sie fühlt sich gut und ist schnell unterwegs. Als Rennfahrerin ist das Beste, gute Leistungen zu bringen. Solange man die Energie hat, soll man die Rennen fahren. Wenn du Skifahrer bist und Rennen gewinnen kannst, dann macht es Spass. Olympia ist zwar das Grösste, aber Weltcuprennen zu gewinnen, macht auch Spass.» Das würde wohl auch Marco Odermatt auf sich bezogen so stehen lassen.
Der vierfache Weltcup-Gesamtsieger hat bei seinem Entscheid durchaus in sich hinein gehorcht. Der Januar 2026 hat ihn viel weniger Kraft gekostet als noch der Januar 2025. Er fühlt sich aktuell körperlich wie mental frisch. Eine ausgeprägte Stärke des Innerschweizers ist eben auch, sich ständig zu optimieren. Odi hat einen Weg gefunden, sein Energielevel bei zwei Speedrennen in zwei Tagen viel besser zu konservieren.
Rang 1 und 2 in Val Gardena, Rang 1 und 2 zuletzt in Kitzbühel zeugen von dieser Entwicklung. Dazu beigetragen hat auch eine Optimierung der logistischen Rahmenbedingungen wie etwa dem Reiseaufwand. Auch vor Crans-Montana konnte Odermatt so noch kurz zu Hause in Nidwalden abschalten und Energie tanken.
Und nicht zuletzt hat sein Start in Crans-Montana eben doch eine taktische Komponente. Nicht in der Frage des vollen Energietanks für Olympia auf einer Strecke in Bormio, die er seit vielen Jahren kennt. Sondern im Hinblick auf die Heim-WM in einem Jahr. Auf der WM-Strecke im Wallis kann er erst auf die Erfahrungen aus dem vergangenen Winter zurückgreifen.
Und im Gegensatz zu anderen Schweizer Speedfahrern wird Odi aufgrund seines Rennprogramms im Vorfeld der Weltmeisterschaften keine zusätzlichen Trainingstage in Crans-Montana absolvieren können. Also dient seine Visite primär der bestmöglichen Vorbereitung auf die Heim-WM. Marco Odermatt plant weiter voraus, als dass es viele denken würden. (aargauerzeitung.ch)
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