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Madina Azizi erzählt über das Leben als Fussballerin in Afghanistan

Madina Azizi prangerte Missstände im afghanischen Frauenfussball an.
Madina Azizi prangerte Missstände im afghanischen Frauenfussball an. Bild: instagram

«Ich würde jede Minute 60 Mal sterben» – die Geschichte einer afghanischen Fussballerin

Als ehemalige Fussball-Nationalspielerin kämpfte Madina Azizi in ihrem Heimatland Afghanistan für Gleichberechtigung – und machte sich damit viele Feinde. Mit watson sprach sie über ihre Zeit als Fussballerin und ihr neues Leben in der Schweiz.
26.11.2023, 09:1215.12.2023, 09:56
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In Afghanistan, dem verwundeten Land, das vier Jahrzehnte lang nur blutige Konflikte kannte, ist der Krieg vorbei – Frieden herrscht trotzdem nicht. Das Leben im bergigen, von Nahrungsmittelknappheit und Naturkatastrophen gebeutelten Binnenstaat scheint schwieriger denn je. Insbesondere für Frauen, deren Grundrechte seit dem Einmarsch der radikalislamischen Taliban am 15. August 2021 sukzessive eingeschränkt werden.

Das Land war schon vor der Machtübernahme der Islamisten wahrlich keine Bastion der Freiheit. Und doch: Es gab sie, diese hart erkämpften Freiräume, in denen Menschen sein durften, wer sie sein wollten. Einen solchen Freiraum fand Madina Azizi im Fussball. Die 25-Jährige war Teil des afghanischen Frauennationalteams.

Vom Nationalteam ins Exil

Ihren Anfang nahm Azizis Fussballkarriere auf staubigen Strassen im Iran, dem Land, in dem sie mit ihrer afghanischen Familie einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Sie kickte mit ihren Geschwistern und Nachbarskindern – damals konnte Azizi noch nicht ahnen, dass ihr diese unschuldige Leidenschaft für das schöne Spiel eines Tages zum Verhängnis werden würde.

Als die Familie nach Afghanistan zurückkehrte, wurde ein Vertreter des Sportministeriums auf die Ballkünste des Mädchens aufmerksam.

«Er hat mich beim Fussballspielen gesehen und gefragt, ob ich im Nationalteam spielen möchte. Dabei habe ich nur mit einer Wasserflasche gespielt, nur zum Spass. Ich wusste damals gar nicht, dass Frauen in Afghanistan in einem Verein spielen können. Ich sagte ihm, dass mein Vater nicht möchte, dass ich spiele. Da hat er ihn angerufen und mit ihm gesprochen. Danach hat mein Vater zugestimmt. Er hat gesagt: ‹Madina, wenn du Talent hast, sollst du spielen.› Er hat früher auch Fussball gespielt, wenn auch nicht professionell, und ist ein grosser Fussballfan.»
Madina Azizi und das afghanische Frauen-Fussball-Nationalteam
Madina Azizi (Nummer 10) mit dem afghanischen Nationalteam.Bild: instagram

Azizi wurde 2013 also Teil des im Jahr 2007 gegründeten afghanischen Fussball-Nationalteams. Sie merkte schnell, dass im Fussballverband ihres Landes vieles falsch lief. Der Verbandspräsident Keramuddin Karim und andere Funktionäre vergriffen sich an den jungen Spielerinnen.

«Der Verbandspräsident hat Frauen sexuell ausgenutzt. Er hat auch zu mir gesagt: ‹Schlafe mit mir.› Dann hat er die Türe geschlossen, aber zum Glück waren Gäste im Haus und als ich laut wurde, hat er mich gehen lassen.»

Die junge Frau wollte nicht schweigen zu den Vorfällen – und wurde daraufhin aus dem Nationalteam verbannt. Aufzugeben war für Azizi und ihre Mitspielerinnen aber keine Option. Sie sammelten Beweise gegen den Verbandschef und erreichten etwas, das in Afghanistan – dem Land, in dem «den Frauen in solchen Situationen ohnehin nicht geglaubt wird», wie Azizi sagt – Seltenheitswert hat: Von der FIFA wurde Karim lebenslänglich gesperrt und mit einer Geldstrafe belegt, in Afghanistan wurde gegen den Funktionär gar ein Haftbefehl ausgestellt. Dass er jemals eine Haftstrafe absitzen werde, glaubt Azizi indes nicht. Dafür sei der Mann «zu reich und zu mächtig», sagt sie.

Nach dem Ausschluss aus dem Nationalteam engagierte sich Azizi im Mädchenfussball. Ihr Ziel: «Sportkultur in ihrem Land etablieren, damit auch Mädchen Sport treiben können.»

Das Adjektiv «frech» hat auf Dari, ein persischer Dialekt, der in Afghanistan gesprochen wird, eine leicht andere Bedeutung als auf Deutsch. Wer frech ist, ist mutig und unermüdlich, sagt, was er denkt. Madina Azizi war schon immer ein «freches Kind», wie sie selbst sagt.

«Ich habe meinen Eltern nicht immer gesagt, wohin ich gehe oder was ich mache, ich war sehr rebellisch. Meine Mutter hatte ständig Angst um mich. Jetzt, wenn ich zurückschaue, muss ich sagen: ‹Ich war verrückt.› Ich habe Dinge gemacht, die Frauen in Afghanistan eigentlich nicht machen sollten, ohne Angst zu haben. Heute verstehe ich meine Mutter.»

Und genau diese «Frechheit» ist einer der Gründe, weshalb die afghanische Flagge über dem Küchentisch in ihrer Wohnung irgendwo in einer Ostschweizer Gemeinde etwas vom wenigen ist, das der 25-Jährigen von ihrer Heimat geblieben ist. Hätte sie damals geschwiegen, als ihre Teamkolleginnen vergewaltigt wurden, hätte sie das Land und ihre Familie vielleicht nicht verlassen müssen.

Madina Azizi (2. v. r.) im Training.
Madina Azizi (2. v. r.) im Training.Bild: Instagram

«Man kann nicht auf eine Veränderung hoffen, ohne etwas dafür zu tun»

Azizis Stimme überschlägt sich, wenn sie über die Ungerechtigkeiten erzählt, mit denen die afghanische Bevölkerung tagtäglich konfrontiert ist. Zum Beispiel ihr Bruder: Er verbrachte sechs Monate in einem Taliban-Gefängnis und laut Azizi nur deshalb, weil er den Ordnungshütern mit seiner westlichen Kleidung «verdächtig» erschien. Als er zurückkam, war er am ganzen Körper gezeichnet von der Zeit im Gefängnis – seither verliert er kein Wort mehr über die Taliban.

Es sind Erlebnisse wie diese, welche die junge Frau zu der Überzeugung gebracht haben, dass es unter den Taliban für ihr Land keine Zukunft gibt – dass andere Länder mit den neuen Machthabern im Dialog stehen, macht Azizi wütend.

«Die Taliban sind eine Terroristengruppe und es gibt tatsächlich westliche Länder, die mit ihnen an den Verhandlungstisch sitzen. Norwegen hat die Taliban zum Beispiel zu einem Gespräch eingeladen*. Wieso? Es sind immer noch Terroristen, die uns umbringen.»
* 2022 trafen sich Vertreter europäischer Staaten und der USA in Norwegen zu Gesprächen mit offiziellen Vertretern der Taliban.

«Wäre ich noch in Afghanistan», sagt sie, «würde ich jede Minute 60 Mal sterben.» Aber Madina Azizi lebt, und solange das der Fall ist, will sie ihr Leben so gestalten, wie sie es für richtig hält – selbst dann, wenn sie sich damit in Gefahr bringt.

«Wir Fussballerinnen haben von der Taliban regelmässig Drohungen erhalten. Wir haben trotzdem weitergespielt, weil es unsere Leidenschaft war und weil es ein Weg war, andere Frauen dazu zu ermutigen, selbstbestimmt zu sein.»

Der Kampf, den Azizi und andere Frauen in Afghanistan für mehr Gleichberechtigung geführt haben, war einer gegen Windmühlen. Woher nahm die junge Frau die Energie, ihn trotzdem zu führen?

«In unserem Land hätten wir eigentlich alles, was wir brauchen, aber wir können es nicht nutzen. Das macht mich wütend. Aber man kann nicht auf eine Veränderung hoffen, ohne etwas dafür zu tun. Irgendjemand muss ja für die Menschen in Afghanistan kämpfen.»

Neuanfang in der Schweiz

Selbst für die furchtlose Madina Azizi wurde das Leben in Afghanistan irgendwann zu gefährlich. Sie erhielt noch vor dem Einmarsch der Taliban in Kabul ein Visum, um in die Schweiz einzureisen. Hier angekommen, lernte die umtriebige Frau zum ersten Mal in aller Deutlichkeit, was Langeweile und Einsamkeit bedeuten.

«Am Anfang, als ich in die Schweiz kam, hatte ich so viel freie Zeit, dass ich fast in eine Depression fiel. Ich kannte die Regeln nicht, hatte Angst vor der Zukunft, fühlte mich einsam.»

Diese schwierigen Zeiten sind zum Glück vorbei. Heute macht Azizi eine Detailhandelslehre beim Coop. Die studierte Agronomin spricht fliessend Deutsch – dass in der Schweiz Dialekt gesprochen, aber Hochdeutsch geschrieben wird, bereitet ihr jedoch Mühe. Manchmal, so erzählt sie, schreibe sie auf Schweizerdeutsch, ohne es zu merken.

Aber die 25-Jährige hat sich bereits an vieles gewöhnt, das ihr zuerst fremd erschienen war. Zum Beispiel, dass man nicht über eine Wiese laufen darf, wenn das Gras hoch ist. Oder dass den wachsamen Augen der Nachbarn in der Schweiz nichts entgeht.

Auf die Frage, was man am Asylwesen in der Schweiz verbessern könnte, fällt der wortgewandten Frau einiges ein:

«Es wäre schön, wenn man länger Deutsch lernen könnte. Und ich fände es gut, wenn Leute mit einer Ausbildung auch in diesem Gebiet eingesetzt werden könnten.»
Madina Azizi
Madina Azizi lebt heute in der Schweiz.Bild: instagram

Azizi fühlt sich sicher in ihrer neuen Welt. Aber der Ideologie, der sie mit der Flucht in die Schweiz entkommen zu sein glaubte, begegnet sie auch hier, tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Wie es sein kann, dass sie auch hier noch auf Menschen trifft, welche die neuen Machtverhältnisse in Afghanistan gutheissen, kann sie nicht verstehen.

«Es geht nicht, dass Afghanen, welche die Taliban unterstützen, hier in Europa leben. Jeden Tag sterben Frauen wegen dieser Ideologie und diese Leute geniessen hier in einem freien Land das Leben, das geht nicht. Wäre ich bei der Migrationsbehörde, wäre ich strenger.»

Für Azizi hat es sich also noch lange nicht ausgekämpft. Mit anderen Afghaninnen setzt sie sich dafür ein, dass Mitglieder der Taliban, die sich in Europa aufhalten, wieder nach Afghanistan zurückgeschickt werden. Azizi macht deutlich, dass es ihr dabei nicht um Religionen oder Volkszugehörigkeiten, sondern einzig und allein um die Ideologie geht.

«Ich habe kein Problem, wenn ich in der Schweiz Paschtunen* treffe. Für mich spielt es keine Rolle, welche Ethnie oder Religion ein Mensch hat.»
*Viele Mitglieder der Taliban zählen sich zu der Volksgruppe der Paschtunen.

«Seit die Taliban da ist, ist alles wieder beim Alten»

Der Einzug der Taliban in Kabul war zugleich das Ende des Frauenfussballs in Afghanistan. Einige Frauen, die zum Zeitpunkt der Machtübernahme im Nationalteam gespielt hatten, erhielten ein Visum für Australien. Nun kämpfen sie dafür, dass die FIFA das afghanische Exil-Nationalteam als solches anerkennt. Der Dachverband des Fussballs hüllt sich jedoch in Schweigen. Auch wenn die Nationalmannschaft anerkannt würde, mitspielen möchte Azizi nicht mehr.

«Nur bekannte Spielerinnen wurden aus Afghanistan evakuiert, viele Fussballerinnen hatten dieses Glück nicht. Ich will nur in einem Team spielen, in dem alle gleich behandelt werden. Aber im Nationalteam wurden Spielerinnen, die in anderen Ländern aufgewachsen sind, zum Beispiel in Europa, viel besser behandelt als Spielerinnen, die in Afghanistan wohnten. Ich will eine Trainerin, die unser Talent sieht und nicht unsere Herkunft.»
Fussball-Nationalteam Frauen Afghanistan
Madina mit der Nummer sieben feiert einen Sieg mit dem Nationalteam.Bild: instagram

Azizi hat ihre Fussballschuhe in der Schweiz an den Nagel gehängt. Nachdem sie sich das dritte Mal das Kreuzband gerissen hatte, beschloss sie, dass in ihrem Leben jetzt andere Dinge Priorität haben, ihre Lehre zum Beispiel. Es wirkt fast so, als würde Azizi erst dann wieder einen Fussballplatz betreten, wenn auch ihre Landsfrauen diese Freiheit zurückerhalten. Aber bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg.

«Der Frauensport in Afghanistan ist tot. Eigentlich gibt es für Frauen gar kein Leben mehr.»

Und trotzdem: Wenn sie von Fussball und den Erinnerungen erzählt, die sie damit verbindet, wird einem einmal mehr bewusst, welch grosse Bedeutung dieser Sport für so manches Leben hat.

«Bei uns zu Hause haben wir immer Sonnenblumenkerne gegessen und Fussball geschaut. Mein Bruder hat mir mit so viel Begeisterung von Rooney, van Nistelrooy und Schewtschenko erzählt, dass ich Lust bekommen habe, die Fussballwelt auch zu entdecken. Später habe ich dann Cristiano Ronaldo im Fernsehen gesehen und gewusst: So will ich auch spielen.»

Zusammen mit anderen Frauen hat Madina unmittelbar nach der Machtübernahme der Taliban versucht, Fussballerinnen aus Afghanistan zu evakuieren. In rund drei Dutzend Fällen ist ihnen das gelungen.

Madina Azizi hat das Träumen nicht verlernt.

«Ich wünsche mir, dass wir alle für das Wachstum der Menschheit kämpfen, nicht für Religion, Hautfarbe, Sprache und Ethnie, denn das sind Waffen zur Zerstörung der Menschheit.»

Aber sie kann die Realität auch nicht einfach ignorieren.

«Ich habe mit meinem Einsatz nichts erreicht – seit die Taliban da sind, ist alles wieder beim Alten.»
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18 Kommentare
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Händlmair
26.11.2023 10:25registriert Oktober 2017
„Ich wünsche mir, dass wir alle für das Wachstum der Menschheit kämpfen, nicht für Religion, Hautfarbe, Sprache und Ethnie, denn das sind Waffen zur Zerstörung der Menschheit.»

Sie spricht mir so was aus dem Herzen. Was für eine mutige und starke Frau.
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Mme P
26.11.2023 10:40registriert Juni 2020
Tolle Reportage, dir betroffen macht. Viel Erfolg und alles Glück der Welt, Madina!
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Doppelpass
26.11.2023 11:07registriert Februar 2014
Beeindruckend!
Die Frau ist ein Vorbild. Ich wünsche ihr viel Erfolg bei der Lehre und dass sie ihre beruflichen und persönlichen Ziele erreicht.
Ich wünsche ihr, dass sie miterleben darf, wie sich die Situationen in ihrem Heimatland irgendwann doch zum positiven wenden.
Vielleicht findet sie auch wieder den Zugang zu ihrer Leidenschaft, dem Fussball. Vielleicht als Trainerin oder wichtig Funktionärin in einem Verein oder Verband?
Viel Kraft und Glück!
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