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Dominique Aegerter

Kann Dominique Aegerter Weltmeister werden? Diese drei Zutaten fehlen ihm noch

Dominique Aegerter feiert seinen zweiten Rang in Jerez.
Dominique Aegerter feiert seinen zweiten Rang in Jerez.Bild: AP/AP

Kann Dominique Aegerter Weltmeister werden? Diese drei Zutaten fehlen ihm noch

Bis heute hat noch kein Schweizer den WM-Titel in der zweitwichtigsten Töff-WM gewonnen. Dominique Aegerter ist der erste, der realistische Chancen hat.
05.05.2014, 12:4316.12.2022, 09:39
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Es ist recht abenteuerlich, im Zusammenhang mit einem Töffpiloten über den WM-Titel zu fabulieren, der noch nie ein Rennen auf höchstem Niveau gewonnen hat. Aber bei Dominique Aegerter macht es doch Sinn.

In der Motorrad-WM – die es seit 1949 gibt – haben Schweizer bisher nur in den «kleinen» Klassen (50 ccm, 80 ccm, 125 ccm) und bei den Seitenwagen WM-Titel herausgefahren. Bei den «grossen» (einst 250 ccm, 350 ccm und 500 ccm) haben sie zwar Rennen gewonnen. Aber nie einen Titel geholt. Nicht, weil es den Helden von einst an Mut und Talent fehlte. Das Problem war hier immer auch das Material: Kein Schweizer war höher als bei den 125ern je die Nummer-1-Position bei einem grossen Töffhersteller.

Der bisher letzte Schweizer Töffweltmeister: Tom Lüthi (l.) holte den Titel 2005 in der 125er Klasse. Hier ist er bei einem Fotoshooting nach der Saison mit Valentino Rossi.
Der bisher letzte Schweizer Töffweltmeister: Tom Lüthi (l.) holte den Titel 2005 in der 125er Klasse. Hier ist er bei einem Fotoshooting nach der Saison mit Valentino Rossi.Bild: KEYSTONE

Die Schweiz ist nicht mehr zu klein

Der Markt Schweiz ist zu klein. Zu klein, um ein Werksteam in der «Königsklasse» zu finanzieren, zu klein aber auch, um einen Schweizer aus Werbegründen für den nationalen Markt zum Werksfahrer zu machen.

Dieses Problem gibt es heute in der Moto2-WM (die Nachfolgeklasse der 250er) nicht mehr. Nun wird mit Einheitsmaschinen gefahren (gleiche Motoren, gleiche Reifen) und selbst im «Markt Schweiz» ist es möglich, ein titeltaugliches Team zu finanzieren.

Dominique Aegerter jubelt über seinen zweiten Platz in Jerez. Freut er sich bald über den ersten Sieg?
Dominique Aegerter jubelt über seinen zweiten Platz in Jerez. Freut er sich bald über den ersten Sieg?Bild: Getty Images Europe

Nun zählen also die ursprünglichen Faktoren. Talent, Mut, Konstanz, Persönlichkeit, taktische Schlauheit ... und Glück. Wenn wir also wissen wollen, ob Dominique Aegerter Weltmeister werden kann, müssen wir erst einmal diese Faktoren berücksichtigen.

Diese 13 Faktoren sprechen für Aegerter

Tatsächlich erfüllt der Emmentaler fast alle Faktoren:

  • Er ist topfit, er gilt sogar als einer der besttrainierten Fahrer überhaupt, MotoGP-Klasse inklusive.
  • Er hat eine hohe Konzentrationsfähigkeit: dieses Versinken in einer anderen Welt, wenn das Helmvisier runtergeklappt ist.
  • Er hat die ideale Postur (169 cm/74 kg) und ist kräftig und physisch robust genug, um Rennen durchzustehen.
  • Er hat einen guten Renninstinkt: Er kann Situationen intuitiv richtig einschätzen.
  • Er fährt konstant wie kein anderer seiner Konkurrenten. Seit dem Einstieg in die Moto2-WM 2010 ist er kein einziges Mal im Rennen durch Sturz ausgefallen. Nun hat er diese Konstanz auf Siegerpodesthöhe entwickelt.
  • Er ist ein «Renntier»: im Rennen in der Regel schneller als im Training und aggressiv genug, um alle Zweikämpfe zu bestehen.
  • Er kann bei allem Angriffsgeist das Risiko gut abschätzen.
  • Er kann auch mit einem nicht optimal abgestimmten Bike sehr schnell fahren.
  • Er hat ein intaktes persönliches Umfeld mit starkem Rückhalt in der Familie.
  • Er hat mit 23 das perfekte Alter: Er ist einer der «wilden jungen Generation» und hat die besten sieben Jahre noch vor sich.
  • Er hat mit dem Westschweizer Unternehmer Olivier Métraux (Bild unten r.) einen Mäzen und Sponsor, der ihn vom Stress der wirtschaftlichen Sorgen befreit. Olivier Métraux hat von seinem Vater Michel die Rennleidenschaft übernommen und ist ein Glücksfall: Er kennt den Rennsport, verfügt über die notwendigen finanziellen Mittel und hält sich vornehm zurück. Der Gentleman ist so etwas wie der Walter Frey (Mäzen der ZSC Lions) des Schweizer Töffrennsportes.
  • Er hat um sich gute Berater. Sein Manager Robert Siegrist kennt Sport (als ehemaliger Judo-Nationaltrainer) und als Zürcher Anwalt die juristischen Seiten des Business.
  • Er ist mit seinem Wesen und Wirken dazu in der Lage, sein Team zusammenzuhalten. Ein Fahrer ist darauf angewiesen, dass er seine Mannschaft (Mechaniker, Techniker, Manager, Helfer) dazu bringt, mit Leidenschaft auf ein Ziel hinzuarbeiten. Arbeiten auf Befehl hilft nicht weiter. Arbeiten aus Begeisterung für den Fahrer ist der Schlüssel – und diese Begeisterung bringt Dominique Aegerter ins Ziel.
Champagner-Dusche nach dem zweiten Rang in Jerez.
Champagner-Dusche nach dem zweiten Rang in Jerez.Bild: Waldemar Da Rin

Diese drei Punkte fehlen Aegerter zum Titel

Also alle Voraussetzungen, um Weltmeister zu werden. Was fehlt noch?

  • Dominique Aegerter muss noch regelmässig siegen lernen. Für den Sieg braucht es das perfekte Wochenende. Es ist der ganz kleine, doch letzte Schritt, den ein Fahrer und sein Team machen müssen. Der letzte kleine Schritt, der einen guten Fahrer vom Status eines Champions trennt.
  • Das Leben als Star hat soeben angefangen. Dominique Aegerter beherrscht jetzt zum ersten Mal die Schlagzeilen, dominiert die Medienpräsenz und stellt Tom Lüthi in den Schatten. Solche öffentliche Präsenz muss einer erst verarbeiten. Die Chancen stehen allerdings gut, dass er mit seinem unkomplizierten Selbstvertrauen und seinem familiären Umfeld diese Herausforderung meistern wird.
  • Schliesslich und endlich braucht es im Motorsport immer auch Glück. In keinem anderen Sport ist der Erfolg so zerbrechlich wie im Motorradrennsport. Weil so viele Faktoren eine Rolle spielen, die ein Fahrer auch dann nicht beeinflussen kann, wenn er alles richtig macht: Dazu gehören Gegner, die ihn in einen Unfall verwickeln können oder technische Defekte – Dominique Aegerter hat beim Saisonauftakt in Katar einen Spitzenplatz wegen eines Motorenschadens verloren.
Eine wichtige Person im Umfeld von Aegerter: Manager Robert Siegrist.
Eine wichtige Person im Umfeld von Aegerter: Manager Robert Siegrist.Bild: Waldemar Da Rin

Das MotoGP-Angebot ist nur noch eine Frage der Zeit

Wenn wir alles berücksichtigen, dann sehen wir: Ja, Dominique Aegerter kann Weltmeister werden. Mit der Betonung auf kann. Er hat alle Voraussetzungen. Aber es gibt weitere fünf bis sechs Fahrer, die jetzt und in den nächsten Jahren diese Voraussetzungen eben auch mitbringen. Womit wir dann wieder beim Thema Glück sind: Champions sind jene, die auch das Glück auf ihre Seiten locken.

Sicher ist hingegen jetzt bereits etwas: Dominique Aegerter wird im Laufe der nächsten zwei Jahre ein Angebot zum Aufstieg in die MotoGP-Klasse bekommen.

Zum Team Technomag Car Expert von Aegerter gehört mit Robin Mulhauser auch ein zweiter Schweizer.
Zum Team Technomag Car Expert von Aegerter gehört mit Robin Mulhauser auch ein zweiter Schweizer.Bild: Gold&Goose
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