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Berns Tristan Scherwey in Aktion im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem EV Zug, am Samstag, 2. November 2019 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Kultstürmer Scherwey in Aktion. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Die perfekte Niederlage für den Meister in einem verrückten «Jahrzehnt-Spiel»

Eine perfekte Niederlage: Wenn die SCB-Bürogeneräle nicht gewusst haben sollten, wo es fehlt, so haben ihnen die Zuger in einem der verrücktesten Spiele der letzten Jahre auf dramatische und unterhaltsame Weise die Augen geöffnet.



Der SCB lebt. Leidenschaft, Kampfgeist, Mut, Fleiss und Wille der Spieler sind ungebrochen. Nach 2 Minuten und 33 Sekunden steht es schon 2:0. Zugs Trainer Dan Tangnes nimmt sein Time-Out, um eine durcheinandergeratene Schar junger Männer wieder zu ordnen. Es nützt nichts. Nach 10 Minuten und 23 Sekunden führt der Meister 3:0.

Drei Treffer gegen Leonardo Genoni, den abtrünnigen Helden der letzten zwei SCB-Titel. Ach, wie tut das der SCB-Seele gut! Wellen der Begeisterung brausen durch Europas grössten Hockeytempel. «Schtööt uf, we dr Bärner sit» («Steht auf, wenn ihr Berner seid.»). Eishockey, zelebriert wie wagnerianische Festspiele. Hühnerhaut auch für einen neutralen Zuschauer.

3:0 im eigenen Stadion! Mit dem grossen taktischen Feldherren Kari Jalonen an der Bande! Jetzt kann nichts mehr schief gehen. Hat jemand Krise gesagt? Abends um 20.00 Uhr ist die Welt in Bern wieder in Ordnung.

Kultstürmer Tristan Scherwey hatte ja nach dem 0:5 am Vorabend in Lausanne vor laufenden TV-Kameras gefordert, nun müsse man den Finger aus dem A… nehmen. Wahrlich, so ist es nun geschehen.

Zug ist der perfekte Gegner, um aus der Krise zu kommen. Die Motivation gegen den Finalgegner ist maximal und keiner hat Angst vor einem Team, das in den letzten drei Jahren zweimal im Finale gebodigt worden ist.

Am Ende verliert der SCB wieder. 4:5 nach Penaltys. Die 12. Niederlage im 19. Spiel. Zum Vergleich: In der ersten Saison unter Kari Jalonen (2016/17) verloren die Berner als Titelverteidiger nur 13 von 50 Qualifikationspartien und die 12. Niederlage folgte erst am 12. Januar.

SC Bern Cheftrainer Kari Jalonen auf dem Weg in die Garderobe nach der 5-4 Niederlage in der Verlaengerung im Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SC Rapperswil-Jona Lakers und dem SC Bern am Freitag, 11. Oktober 2019, in Rapperswil. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Feldherr Jalonen. Bild: KEYSTONE

Der Weg in die Niederlage ist spektakulär. Der Vorwurf der Langeweile kann nicht erhoben werden. Noch nie seit Einführung der Playoffs (1986) hat der SCB in der Rolle des Titelverteidigers ein Heimspiel so verloren. Es ist eine intensive, dramatische, aufwühlende Partie mit verrückten Wendungen.

So muss es sein: beste Unterhaltung in der Qualifikation. Disziplin, Ordnung, Schablonismus und Stabilität erst wieder in den Playoffs. Das Problem in Bern ist bloss: Inzwischen ist nicht einmal mehr sicher, ob es für die Playoffs reicht.

Zugs Carl Klingberg erzielt das Tor zum 3-1 gegen Berns Torhueter Niklas Schlegel, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem EV Zug, am Samstag, 2. November 2019 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Klingberg skort zum 3:1. Bild: KEYSTONE

Um das Unfassbare begreiflich zu machen, die zwei wichtigsten Stationen auf der SCB-Irrfahrt in die Niederlage.

In der 26. Minute die Chance, im Powerplay von 3:1 auf 4:1 zu erhöhen. Nach Ablauf der Strafe von Jesse Zgraggen steht es nur noch 3:2.

In der 34. Minute rumpelt Johann Morant SCB-Topskorer Mark Arcobello in die Bande und wird in die Kabine geschickt. Die Chance, auf 4:2 zu erhöhen. Nach Ablauf der Fünfminutenstrafe steht es 3:3.

Der SCB hat inzwischen die löchrigste Abwehr (65 Gegentreffer) und ligaweit am meisten Tore in Überzahl kassiert (4) – so viele wie während der ganzen letzten Saison.

Was läuft schief? Siege und Niederlagen in einem unberechenbaren Spiel zu erklären, ist heikel. Weil so viele Faktoren eine Rolle spielen. Das Ganze ist eine komplexe Angelegenheit. Die Wahrheit vom Samstag kann bereits am Dienstag eine Torheit sein.

Aber beim SCB ist es für einmal gar nicht so schwierig, eine Erklärung zu finden. Es ist sozusagen die perfekte Niederlage für den Meister. Weil sie die SCB-Schwächen offenbart. Die Namen der Torschützen und die Penalty-Entscheidung sagen uns eigentlich alles.

Zu den Namen der Torschützen: Einen Treffer für Zug erzielt der Nachwuchsspieler Sven Leuenberger (20). Die drei weiteren Carl Klingberg (2) und Jan Kovar. Carl Klingberg versenkt auch noch den ersten Penalty.

Zugs Carl Klingberg erzielt ein Tor im Penaltyschiessen gegen Berns Torhueter Niklas Schlegel, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem EV Zug, am Samstag, 2. November 2019 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Klingberg skort erneut. Bild: KEYSTONE

Sven Leuenberger bekommt bei Zug 15:30 Minuten Eiszeit. Beim SCB ist unter Kari Jalonen nicht einmal an den Einsatz eines 20-jährigen Talents zu denken. Abgesehen davon: In der gesamten Organisation des 50-Millionen-Hockeykonzerns ist zurzeit kein 20-jähriger Spieler zu finden, der gegen Zug hätte antreten und eine Rolle spielen können. Der SCB spart die zwei Millionen für ein Farmteam.

Die drei SCB-Ausländer bleiben torlos.

Zum Penaltyschiessen: Zugs Leonardo Genoni stoppt drei der vier Versuche der Berner. Berns Niklas Schlegel nur einen von vier der Zuger.

Diese Partie ist also durch die besseren Ausländer, einen Nachwuchsspieler und den charismatischeren Goalie entschieden worden. Statistisch war Niklas Schlegel (87,50 % Fangquote) nämlich besser als Leonardo Genoni (86,21 %). Aber die Zuger glauben, einen guten Torhüter zu haben. Den Berner fehlt dieser Glaube. Kein Schelm, wer fragt: Wann kommt ein ausländischer Goalie?

Berns Goalie Niklas Schlegel holt die Scheibe aus dem Tor im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem HC Lugano, am Freitag, 18. Oktober 2019, in der PostFinance Arena in Bern. (KERYSTONE/Peter Schneider).

Schlegel holt den Puck aus dem Tor. Bild: KEYSTONE

Die sportliche Führung kann viele Faktoren nicht beeinflussen: beispielsweise die Faktoren Glück und Pech bei Pfostenschüssen oder wenn sonst nur Zentimeter, ja Millimeter fehlen. Und Verletzungspech hat etwas mit den Launen der Hockeygötter, aber nichts mit der Kompetenz der sportlichen Führung zu tun.

Allerdings obliegt es der sportlichen Führung, gute ausländische Spieler zu rekrutieren. Dafür hat sie monatelang Zeit und in Bern auch genug Geld. Sie kann sogar ins Ausland reisen, um die Kandidaten vor Ort zu beobachten und allerlei Erkundigungen einzuziehen. Die Rekrutierung der ausländischen Spieler ist also einer der wenigen beeinflussbaren Faktoren.

Keine Polemik. Nur Fakten: Die in dieser Saison eingesetzten SCB-Ausländer finden wir in der Liga-Skorerliste auf den Positionen 4 (Arcobello), 30 (Ebbett), 40 (Mursak), 210 (Koivisto) und 267 (MacDonald). Ausser Mark Arcobello haben alle auch noch Minus-Bilanzen.

Dass der SCB zur defensiv schwächsten Mannschaft der Liga geworden ist, dass der SCB in einem Heimspiel eine 3:0-Führung nicht mehr über die Zeit retten kann, dass der SCB in einer Partie zwei Treffer in Überzahl kassiert und in elf Minuten Powerplay kein Tor erzielt, hat auch etwas mit dem ungenügenden ausländischen Personal zu tun.

Die SCB-Krise ist zu einem schönen Teil hausgemacht. So lange Kari Jalonen nicht mindestens drei gute und einen brauchbaren ausländischen Spieler zur Verfügung hat, brauchen wir die Trainerfrage nicht mehr zu stellen. Die kommt noch früh genug.

Nach wie vor bleiben fünf Monate Zeit und 31 Spiele zur Korrektur. Gelingt die Wende und schliesslich gar die Titelverteidigung oder doch wenigstens eine Final-Qualifikation, so soll aus jedem Wort in dieser Analyse ein Fünfliber in der SCB-Kasse werden. Denn die Qualität des Sportchefs zeigt sich daran, ob er aus einer Krise die richtigen Schlüsse zieht.

Gelingt diese Wende nicht mehr, verliert Kari Jalonen seinen Job und es ist Zeit für neues Personal in der sportlichen SCB-Führungsetage.

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