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ZSC Lions Cheftrainer Rikard Grönborg.
ZSC Lions Cheftrainer Rikard Grönborg.Bild: keystone
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Die ZSC Lions – «eine schrecklich nette Hockey-Familie»

Die ZSC Lions können die hohen Erwartungen nach wie vor nicht erfüllen. Liegt es am Führungsstil von Trainer Rikard Grönborg?
01.12.2021, 02:0501.12.2021, 07:10

Was ist mit den ZSC Lions los? Die teuerste Mannschaft der Ligageschichte muss sich in den zwei Partien in 24 Stunden gegen Tabellenführer Gottéron mit drei von sechs möglichen Punkten begnügen (3:4 n.P/5:4 n.P). Die Zürcher liegen weiterhin 14 Punkte hinter dem Leader auf Rang 6.

Nun gibt es verschiedene Erklärungen, wenn ein Favorit seit Monaten sein enormes Potenzial einfach nicht umzusetzen vermag. Wir können Sportchef Sven Leuenberger kritisieren. Aber damit kommen wir nicht weit. Auf dem Reissbrett hat er ein Meisterteam zusammengestellt. Yannick Weber und Denis Malgin als Fehltransfers zu bezeichnen wäre geradezu boshaft. Die beiden bringen aus der NHL noch mehr Erfahrung, Professionalität, Energie und Talent in die Kabine und auf's Eis.

Zürichs Yannick Weber, links, jubelt mit Team Kollegen nach seinem Tor zum 1:0, im Eishockeyspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem HC Fribourg Gottéron am Dienstag, 30. November 2021.
Zürichs Yannick Weber, links, jubelt mit Team Kollegen nach seinem Tor zum 1:0, im Eishockeyspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem HC Fribourg Gottéron am Dienstag, 30. November 2021.Bild: keystone

Am Torhüter liegt es auch nicht. Ludovic Waeber war in den zwei Partien gegen Gottéron wahrlich kein Lottergoalie. Vielmehr war er vor allem in der zweiten Partie in Zürich klar besser als Reto Berra. Obwohl er die weniger gute Fangquote hatte.

Die Ausländer sind zwar nicht überragend, eignen sich aber nicht zu Sündenböcken. Sie können zwar mit 87 Punkten (29 Tore) mit Langnaus ausländischem Personal (130 Punkte/55 Tore) bei weitem nicht mithalten. Aber sie sind eher hochkarätige Ergänzungsspieler und geniessen bei weitem nicht die taktischen und sonstigen Freiheiten wie ihre Kollegen in Langnau. Im Hallenstadion sind die Schweizer in der Rolle der Leitwölfe.

An der fehlenden Kadertiefe kann es auch nicht liegen. Die ZSC Lions betreiben mit den GCK Lions ein gutes Farmteam und die Nachwuchsabteilung gehört sowieso zu den besten im Land.

Und so kommt es, dass wir auf der Suche nach einer Erklärung beim Trainer landen. Im dritten Jahr unter Rikard Grönborg sind die ZSC Lions so etwas wie eine «schrecklich nette Hockey-Familie» geworden.

Es ist natürlich reine Bosheit, Rikard Grönborg in Anlehnung an die 259 Folgen lange US-Seifenoper («Eine schrecklich nette Familie») als Al Bundy der ZSC Lions zu bezeichnen. Es ist nur eine neckische Parallele: Al Bundy bezieht seine ganze Autorität aus vier Touchdowns, die er in einem einzigen Football-Spiel erzielte. Rikard Grönborgs Ruhm begründen einzig vier WM-Titel, die er in fünf Jahren als schwedischer Verbandstrainer gewonnen hat (WM, U-20 WM).

Es stimmt, die ZSC Lions haben nie einen Titel mit einem schwedischen Trainer gewonnen. Alle Triumphe feierten Nordamerikaner. Aber Rikard Grönborg ist kein klassischer Schwede wie der im Laufe der Saison 2017/18 gefeuerte Hans Wallson. Die ZSC Lions zelebrieren erfrischendes, schnelles, kreatives Energie- und Spektakelhockey. Keine Spur von skandinavischen Schablonen.

Auch der klassische Vorwurf an den Trainer – kein System – trifft nicht zu. Einen Aufstand gegen den Chef gibt es sowieso nicht. Was ist es dann? Warum bleiben die ZSC Lions bereits in der zweiten Saison hintereinander unter den Erwartungen? Warum sind sie mit dem teuersten Sturm der Liga offensiv und im Powerplay weniger gut als der Zweitletzte (Langnau)?

Für Rikard Grönborg läuft es nicht so wie gewünscht.
Für Rikard Grönborg läuft es nicht so wie gewünscht.Bild: keystone

Wenn wir nach hockeytechnischen Gründen suchen, kommen wir nicht weiter. Das Problem – oder besser: die Besonderheit – der ZSC Lions dürfte im Führungsstil ihres Chefs liegen. Es ist eine Ironie des Hockey-Schicksals, dass Rikard Grönborg durch die Absage der Playoffs im Frühjahr 2020 in seiner ersten Saison im Hallenstadion als Qualifikationssieger höchstwahrscheinlich um den Gewinn der Meisterschaft gebracht worden ist. Letzte Saison liess seine Magie schon ein wenig nach. Er verlor den Cupfinal auf eigenem Eis gegen den SCB, in den Playoffs war im Halbfinal Lichterlöschen und in der Champions Hockey League ist auch diese Saison schon wieder alles vorbei. Das ist gemessen an seiner Reputation und seinen Ambitionen (er möchte in die NHL) eine miserable Bilanz.

So wenig Rikard Grönborg taktisch als typischer Schwede gilt, so sehr ist er es in seinem Wesen und Wirken. An Charisma gebricht es ihm nicht. Er füllt jeden Raum, den er betritt und er trägt seine Ansichten überzeugend vor. Im Zentrum seiner Ausführungen stehen Prinzipien, die für alle gelten und er vergleicht eine Mannschaft gerne als grosse Familie. Ein wenig mahnt der ZSC-Cheftrainer an einen strengen, aber verständnisvollen Lehrer in einer Rudolf Steiner-Schule. Aber hochkarätig besetzte Hockeyteams ähneln eher einer Interessengemeinschaft von Jungmillionären, die sich konkurrenzieren und einer straffen Führung bedürfen. Familie? Das ist ein bisschen gar romantisch.

Setzt Rikard Grönborg also zu sehr auf die Eigenverantwortung der Spieler? Was mit der schwedischen Nationalmannschaft funktionieren kann, muss kein Erfolgsrezept im Hallenstadion sein. Erstaunlich, wie viele Nachlässigkeiten sich selbst so routinierte Leitwölfe wie Yannick Weber leisten. Aber es wird wohl sein, wie in einer Familie: Hauptsache, wir haben darüber geredet. Die ZSC Lions als «schrecklich nette Hockey-Familie.»

Wenn Rikard Grönborg mit einer der bestbesetzten Mannschaften ausserhalb der NHL und der KHL im Titelkampf wieder versagen sollte, dann ist er halt doch ein wenig ein «Al Bundy des Hockeys». Ruhmreich mit den schwedischen Nationalteams. Aber als Klubtrainer mit Profiteams schon fast kläglich gescheitert.

Ist der im Vergleich zu den meisterlichen Bandengenerälen Bob Hartley, Marc Crawford und Hans Kossmann eher leise, tolerante, weiche Führungsstil des Schweden der richtige, um aus den Zürchern bissige, meisterliche Löwen zu machen? In Zürich ist es in der Anonymität der grössten Stadt der Schweiz ohnehin schwieriger, einen Teamgeist zu wecken als in Orten wie Ambri, Davos oder Fribourg. Müsste im Hallenstadion nicht öfters und unhöflicher getobt werden?

Aber die eher weichere Tour kann funktionieren. Weil die Playoffs eigentlich den emotionalen Extra-Kick bringen müssten, der diesem hochkarätigen Ensemble bisher so oft gefehlt hat. Also den Trainer nicht feuern und gerade rechtzeitig vor den Playoffs durch einen hitzköpfigen nordamerikanischen Schmirgelpapier-Psychologen ersetzen? Nein, diese beiden höchst kurzweiligen Partien gegen Gottéron haben bezeigt: Eine Trainerentlassung macht absolut keinen Sinn. Oder, wer es polemischer mag: noch zu wenig Sinn. Und eine Versuchung, der man einfach nicht widerstehen kann wie Arno Del Curto es im Januar 2019 war, gibt es nicht mehr.

Aber wenn die ZSC Lions mit dieser Mannschaft nicht wenigstens in den Final kommen, dann wird Sportchef Sven Leuenberger bei der Saison-Schlussanalyse zu Geschäftsführer Peter Zahner sagen: «Peter, wir hätten den Trainer halt doch in der Weihnachtspause feuern sollen.» Hinterher ist man eben immer schlauer.

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