Tierleid per Mausklick: Das schmutzige Geschäft hinter süssen Welpenbildern
Braunkappe und Button heissen die Meerschweinchen, Röhrling, Schüppling und Russula die Katze, Enoki und Nameko die Hunde. Monatlich überlegen sich die Tierpflegenden des Zürcher Tierschutz ein neues, orginelles Namensthema für die Tiere: Früchte, Pasta, Himmelsphänomene – oder eben Pilze.
Das Tierheim, das liebevoll «Tierhaus» genannt wird, beherbergt unter anderem Hunde, Katzen, Vögel, Nager und auch einige Exoten wie Geckos, Achatschnecken oder Schlangen. Die Tiere kamen auf verschiedensten Wegen hierhin: abgegeben von Halterinnen und Haltern, entzogen vom Veterinäramt oder als Findeltier, das ausgesetzt wurde oder entlaufen ist.
«Oft landen Hunde aus skrupellosem Welpenhandel früher oder später in unserer Obhut», sagt Nadja Brodmann, Zoologin und Co-Geschäftsleiterin des Zürcher Tierschutz. Dabei werden Welpen vor allem in Osteuropa unter prekären Bedingungen massenhaft gezüchtet, über Online-Plattformen zum Kauf angeboten und illegal in andere Länder transportiert. Viele der Welpen kommen aufgrund miserabler Hygiene und fehlender Impfungen mit Parasiten und Krankheiten belastet in die Schweiz. Oder die Welpen sind aufgrund schlimmer Erlebnisse so schwer traumatisiert, dass sie Verhaltensstörungen entwickeln.
«Während der Corona-Pandemie boomten die illegalen Importe von Welpen. Etliche waren sehr jung und schwer krank, sie landeten direkt im Tierspital», so Brodmann. Meist litten sie unter Parvovirose, einer schweren, oft tödlichen Virusinfektion, die heftigen Durchfall, Erbrechen, hohes Fieber und starke Apathie verursacht. Ungeimpfte Hunde sind besonders anfällig für die Krankheit – und Welpen erst recht, da ihr Immunsystem noch nicht vollständig entwickelt ist. Betroffene Hunde benötigen intensive medizinische Betreuung, die sehr kostenintensiv ist: Die Behandlung beläuft sich schnell auf mehrere Tausend Franken. «Viele Besitzerinnen und Besitzer können oder wollen diese Kosten nicht tragen.»
Besonders in den ersten zwei Jahren nach der Corona-Pandemie war dann der Zürcher Tierschutz stark gefordert: «Die zu Beginn süssen Welpen wurden in der Pubertät anstrengend oder die Leute wollten sich einfach nicht mehr die nötige Zeit nehmen für die Vierbeiner.»
Schicksal eines illegal importierten Hundes
Süsse Hundebilder in sozialen Netzwerken täuschen oft über die grausame Realität hinweg. Ein neuer Sensibilisierungsfilm der Tierschutzorganisation macht auf das Problem aufmerksam. Er erzählt den Fall des flauschig-süssen Malteserwelpens Idefix, der aus dem Ausland in die Schweiz bestellt wurde. Beim ersten Tierarztbesuch stellte sich heraus, dass Idefix über keinen vorgeschriebenen Tollwutschutz verfügt.
Ohne den Schutz schreibt das Gesetz drei Möglichkeiten vor: Rückkehr ins Herkunftsland, Einschläferung oder 120 Tage Quarantäne.
Idefix wird beschlagnahmt und kommt in Quarantäne – er wird seine bisherige Halterin nie wiedersehen. Der Zürcher Tierschutz wird eine neue Familie für ihn suchen. Doch zunächst steht Idefix eine schwierige Zeit bevor.
Quarantäneplätze sind rar, kostspielig und erfordern geschultes Personal. Idefix findet Unterschlupf in der geräumigen Quarantänestation des gemeinnützigen Vereins. Das Tierpflege-Team kümmert sich bestmöglich und sehr liebevoll um den kleinen Idefix. Dennoch ist die Isolation belastend: Niemand darf ohne Vollschutzanzug zu ihm, wodurch eine gewisse Distanz entsteht. Spielen mit anderen Hunden? Nicht erlaubt. Spaziergänge in der Natur? Nicht möglich.
Heute springt Idefix wieder fröhlich umher. Doch das Tierpflege-Team und seine neue Halterin mussten viel Geduld aufbringen. Ein Glücksfall. Denn nicht alle Tiere erholen sich nach einer Quarantäne: Manche entwickeln schwere Verhaltensstörungen, wenn es dem Pflegepersonal am nötigen Knowhow fehlt.
Diese können aber auch schon früher entstehen: Aufgrund tierquälerischer Haltung, früher Trennung von der Mutter oder strapaziöser Transporte können Angststörungen, Aggressionen oder chronischer Stress entstehen. Ausserdem sind Tiere aus unseriösem Handel anfälliger für Krankheiten, da Welpen über die Muttermilch Antikörper erhalten – dieser natürliche Schutz fällt bei früher Trennung weg.
Doch mit dem Ende der Corona-Pandemie ist das Problem nicht verschwunden. Der legale Hundehandel ist zwar rückläufig: Während 2021 fast 38’000 Hunde in die Schweiz importiert wurden, waren es im vergangenen Jahr rund 23’000. Gleichzeitig ist auch die Zahl der in der Schweiz geborenen Welpen gesunken, sagt Brodmann. «Weiterhin kommen drei von zehn Welpen aus dem Ausland.» Hunde aus dem illegalen Import tauchen in der Statistik nicht auf – die Dunkelziffer dürfte hoch sein.
Hunde, die ohne Mikrochip oder gültige Tollwutimpfung in die Schweiz eingeführt werden, müssen von Tierärztinnen und Tierärzten den zuständigen Behörden gemeldet werden. «In der Praxis wird diese Meldepflicht nicht immer vollständig eingehalten, wie uns Fälle aus dem Tierheim zeigen», sagt die Tierschutz-Expertin.
Handel mit Qualzucht
«Begehrten Rassen werden mitunter willkürlich in grossen osteuropäischen Zuchtfabriken oder kleinen Hinterhofzuchten vermehrt, es wird nicht nach Gendefekten selektiert und teilweise Inzucht betrieben», so Brodmann. So entstehen kranke Tiere mit extremen Merkmalen – etwa die kurze Schnauze und die grossen Augen bei Möpsen, Französischen Bulldoggen und ähnlichen Rassen. Diese Qualzucht führt oft zu ernsthaften Gesundheitsproblemen wie Atemnot, Augenverletzungen, Hitzestress und körperlichen Einschränkungen.
Mit dem Film erhofft sich der Zürcher Tierschutz, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen: «Das Angebot an Welpen im Internet ist riesig. Viele Menschen sind überfordert, wenn es darum geht, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden. Hier wollen wir mit unseren Tipps helfen.»
Gemeinsam mit dem Zürcher Tierspital hat der Verein die Broschüre «Augen auf beim Welpenkauf!» verfasst. Zusätzlich hat der Zürcher Tierschutz eine «Checkliste für den Hundekauf» erstellt. Darin wird in fünf Schritten erklärt, wie sich seriöse Angebote von unseriösen unterscheiden lassen. Die Checkliste funktioniert ähnlich wie eine Einkaufsliste, auf der die Hunde-Interessierten die wichtigsten Punkte abhaken können, die beim Hundekauf zu beachten sind.
Bei meinem Rundgang durch das Tierhaus lerne ich den verspielten Hund Nameko kennen. Er ist vom Veterinäramt beschlagnahmt worden. Viel ist nicht bekannt über ihn, ausser dass seine Herkunft im Ausland liegt und er für die Zucht eingesetzt werden sollte. Bei seiner Ankunft im Zürcher Tierschutz war er stark verfilzt und litt unter einer Infektion. Vorsicht ist also auch beim Kauf eines Welpens in der Schweiz geboten.
