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Hochkonzentrierter Coach Patrick Fischer zwischen Schweiz-Spielern und Fans.
Hochkonzentrierter Coach Patrick Fischer zwischen Schweiz-Spielern und Fans. Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

«Guardiola-Hockey» und die Geduld, die nur grosse Teams haben

Drei Spiele, drei Siege, neun Punkte, 16:1 Tore – dabei ist das Team noch gar nicht in Bestform. Die Schweizer haben Österreich in einem Spiel besiegt (4:0), das sie gar nicht verlieren konnten.
15.05.2019, 03:0515.05.2019, 05:55
klaus zaugg, bratislava

Was ist das besondere Merkmal dieser Partie? Die erdrückende Dominanz von 45:18 Torschüssen? Nein.

Die Verlässlichkeit von Reto Berra, der auch sein zweites Spiel (nach dem 9:0 gegen Italien) ohne Gegentreffer hinter sich gebracht hat? Nein.

Die Dramatik und die Spannung? – Der entscheidende Treffer zum 2:0 fiel erst in der 54. Minute. Nein. Die Dramatik und die Spannung waren rein theoretisch-statistischer Natur. Es gab zu keiner Sekunde einen Zweifel am Ausgang dieser Partie. Das besondere Merkmal war die Geduld der Schweizer.

Noch vor drei Jahren hätten sie übereifrig, ungeduldig und hektisch versucht, diesen Gegner zu überrennen («run & gun»). Sie wären mit allergrösster Wahrscheinlichkeit schmählich ausgekontert worden.

Stürmischer Übereifer und Hektik sind Merkmale kleiner Teams. Grosse Teams wissen, dass sie gegen eine Mannschaft wie Österreich nicht verlieren können und bleiben auch dann gelassen und spielen geduldig weiter, wenn die Tore nicht gleich fallen wollen. So wie die Schweizer.

Die Mannschaft von Patrick Fischer hat gegen Österreich «Guardiola-Hockey» zelebriert. Im Unterschied zum Fussball von Pep Guardiola mit etwas längeren Pässen. Aber sonst war es genau diese Philosophie des grossen spanischen Trainers, übertragen auf Eishockey: das Spiel geduldig kontrollieren, den Ball bzw. den Puck «monopolisieren», Hektik vermeiden und schliesslich die entscheidenden Tore doch erzielen (aber nicht erzwingen).

Deshalb spielte es gar keine Rolle, dass es so lange 0:0 blieb (bis 33 Sekunden vor der ersten Pause), dass es so lange nur 1:0 stand (bis zur 54. Minute). Es gab nie auch nur die kleinsten Zweifel am Ausgang dieser Partie.

«Wir haben in der Kabine gesagt, dass keine Frustration aufkommen darf.»
SCB-Spieler Gaëtan Haas.

Die tapferen, von Roger Bader, dem «Ralph Krueger des armen Mannes» gut gecoachten und organisierten Österreicher mühten sich ab wie der Hamster in seinem Rad. Ohne jede Aussicht auf Erfolg. So wie wir das früher auch oft getan haben. Und dann einer verpassten grossen Chance gegen einen Grossen nachtrauerten. Obwohl wir gar keine Chance hatten.

Lukas Haudum (Mitte) wird gleich von mehreren Seiten in die Mangel genommen.
Lukas Haudum (Mitte) wird gleich von mehreren Seiten in die Mangel genommen.Bild: EPA/EPA

Es gibt eine Szene, die uns die neue Gelassenheit der Schweizer beispielhaft zeigt. Bei einem Gerangel vor dem Tor kommen sich Michael Raffl und Gaëtan Haas ins Gehege. Der NHL-Stürmer verabreicht Haas einen gezielten Fausthieb ins Gesicht. Der SCB-Stürmer sieht wohl ein paar Sterne («ich brauchte wohl 30 Sekunden, bis ich wieder klar sehen und denken konnte…»), reagiert aber nicht und fährt einfach davon.

Auch wenn das anschliessende Powerplay nicht zum 2:0 genützt werde kann – diese Gelassenheit ist eine ganz besondere, matchentscheidende Qualität der Schweizer. Und der SCB-Stürmer antwortet auf die Frage, ob wegen der vielen verpassten Chancen nicht Frustration aufgekommen sei: «Wir haben in der Kabine gesagt, dass keine Frustration aufkommen darf.» Am Ende sind die Tore in den letzten sieben Minuten doch wie reife Früchte gefallen.

Drei Siege gegen Italien (9:0), Lettland (3:1) und nun Österreich (4:0). Mit drei Siegen sind wir zuletzt 2010 unter Sean Simpson in Deutschland (3:1 Lettland, 3:0 Italien, 4:1 Kanada) und 2013 in Stockholm (3:2 Schweden, 3:2 n.P. Kanada, 5:2 Tschechien) ins Turnier gestattet. 2010 scheiterten wir im Viertelfinale gegen Deutschland (0:1) und 2013 im Finale gegen Schweden (1:5).

Der Start ist also – wie erwartet – geglückt. Dabei sind noch gar nicht alle Spieler in Bestform. Natürlich ist Roman Josi unser bester Verteidiger. Aber wir haben beispielsweise den wahren, dominanten, charismatischen, grossen Roman Josi noch gar nicht gesehen. Den werden wir erst sehen, wenn es gegen die Grossen geht.

Nico Hischier gegen Österreich in Aktion.
Nico Hischier gegen Österreich in Aktion. Bild: KEYSTONE

Ein roter Faden zieht sich durch alle drei Partien. Wenn die Kunst und die Spielintelligenz von Nico Hischier und Kevin Fiala aufblitzen, fällt die Entscheidung.

Nico Hischier hat den entscheidenden Treffer zum 2:1 gegen Lettland erzielt und in seiner unnachahmlichen Art für Kevin Fiala zum 1:0 und für Philipp Kuraschew zum 3:0 gegen Österreich «aufgelegt.» Mit ihm und Kevin Fiala haben wir zwei Spieler, die in jeder Partie dazu in der Lage sind, die Differenz zu machen.

Wenn die Entwicklung der Mannschaft so weiter geht, wird sie ihre Bestform am Donnerstag in einer Woche fürs wichtigste Spiel – fürs Viertelfinale – erreichen. Und dann wird sie gegen jeden Gegner eine Siegeschance von mindestens 50 Prozent haben.

Bereits zeichnet sich ab, dass Patrick Fischer eigentlich nur einen heiklen Personalentscheid zu fällen hat: mit Reto Berra oder Leonardo Genoni ins Viertelfinale? Beide sind in Bestform. Wahrscheinlich wird der Nationaltrainer eine Münze werfen.

Reto Berra ist wie sein Goaliekollege Leonardo Genoni derzeit in Bestform.
Reto Berra ist wie sein Goaliekollege Leonardo Genoni derzeit in Bestform. Bild: KEYSTONE

Ein Spieler der Österreicher interessiert uns. Stürmer Peter Schneider. In der österreichischen Operettenliga wird er als Habsburgs Antwort auf Alex Owetschkin verehrt. Aber an dieser WM ist er bisher eine offensive (kein Skorerpunkt) und auch sonstige Nullnummer (minus 4-Bilanz). Seine Kollegen aus unserer höchsten Liga – Ambris Dominic Zwerger und Fabio Hofer – haben immerhin schon je einen Assist gebucht und bloss eine minus 1- bzw. minus 2-Bilanz.

Es gibt für Biels neuen ausländischen Stürmer (mit Zweijahresvertrag) eine schlechte und eine gute Nachricht. Die schlechte Nachricht: in dieser Form ist er in unserer höchsten Liga chancenlos und wird schon im Oktober ausgemustert. Die gute Nachricht: kein anderes Hockeyunternehmen ist mit seinem ausländischen Personal so geduldig wie der EHC Biel und kein Trainer so freundlich mit seinen Spielern wie Biels Antti Törmänen.

P.S. Die Schweiz wird auch gegen Norwegen (Mittwoch, 16.15 Uhr) nicht verlieren.

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Nico Hischiers Teammates packen über ihn aus

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