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Treffender kann ein Bild das Spiel des SC Bern gegen den EV Zug kaum zusammenfassen.
Treffender kann ein Bild das Spiel des SC Bern gegen den EV Zug kaum zusammenfassen.
Bild: keystone
Eismeister Zaugg

SC Bern – zu viel Ajoie, zu wenig Bayern München

Der SC Bern macht sich kleiner, als er ist. Nach den zwei Heimniederlagen gegen Gottéron (3:6) und Zug (3:4) beginnt für den Trainer-Zauberlehrling Johan Lundskog (37) ein Wettlauf mit der Zeit. Und Torhüter Philip Wüthrich darf heute in Davos kein Lottergoalie sein.
11.09.2021, 07:2211.09.2021, 14:30

Bemühen wir uns um allerhöchste Sachlichkeit und Objektivität. Zumal im Hockey vor dem Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag nicht polemisiert werden sollte. Diesen Feiertag begehen wir heuer am 19. September.

Also: Nehmen wir mal an, ein Mann mit viel Verständnis für Mannschaftssport, aber keinerlei Bezug zum Hockey wäre zur Partie gegen Zug eingeladen worden. Beispielsweise der brasilianische Sportminister oder der Vorsitzende des neuseeländischen Rugby-Verbandes. Wie hätte er die Sache beurteilt?

Nun, der hohe Gast hätte Zug sofort als Meister erkannt. Selbstsicher, zeitweise bis in den Graubereich der Arroganz, nutzen die Zuger ihre technische und taktische Überlegenheit aus und führen zwei Drittel lang die Berner vor. Den SCB hätte der neutrale Gast, der nichts von der Vergangenheit, der Macht und Grösse dieses Hockeyunternehmens weiss, als Neuling taxiert.

Die Berner treten auf wie Zauberlehrlinge. Sie sind tief beeindruckt von der spielerischen Herrlichkeit des Meisters und ihre Einschüchterungsversuche in den Zweikämpfen wirken wie das Pfeifen des ängstlichen nächtlichen Heimkehrers im dunklen Wald. Nichts scheint geblieben von der unerschütterlichen Zuversicht der meisterlichen Zeiten. Von der Arroganz, die den SCB einst zum Bayern München des Hockeys gemacht hat.

Der SCB wie ein Neuling. Wie ein Ajoie ohne Mut und Emotionen. Das hat es seit dem Wiederaufstieg von 1986 nie mehr gegeben. Die zwei letzten Jahre der Irrungen und Wirrungen, des verlorenen sportlichen Verstandes haben tiefe Spuren hinterlassen. Noch vor drei Jahren hätte die völlig missglückte Leistung der ersten zwei Drittel zu heftiger Missstimmung auf den Rängen geführt. Nicht wegen des Rückstandes. Aber wegen der passiven, ja ängstlichen Spielweise.

Es gibt einen schönen Mundartausdruck für das Auftreten der Berner in den ersten zwei Dritteln: «Si hei d Miuch abegä u si umgänglicher worde». Will heissen: Sie sind kleinlaut geworden. Die Spieler und das Publikum. Zum zweiten Mal hintereinander kamen weniger als 13'000 (12'700 und 12'571) Zuschauer. Bröckelt der Mythos SCB?

Lange Gesichter bei den Bernern nach der Niederlage gegen den EV Zug.
Lange Gesichter bei den Bernern nach der Niederlage gegen den EV Zug.
Bild: keystone

Erst im letzten Drittel sehen wir den richtigen SCB. Nun, da alles verloren scheint, wirken die Berner wie befreit. Streifen den viel zu grossen Respekt ab. Fordern den Meister heraus. Gewinnen die Zweikämpfe. Machen aus dem 1:4 ein 3:4 und der Titan Zug wankt. Es ist das beste SCB-Drittel der Saison. Das erste, das sie klar dominieren (13:6 Torschüsse). Aber auch das ist typisch: Die Zuger haben das Glück und das Selbstvertrauen, das aus der meisterlichen Arroganz kommt, und bringen das 4:3 über die Zeit. So hat der SCB, als er noch mächtig und meisterlich war, unzählige Male gewonnen.

Wie bescheiden, wie kleinlaut der SCB geworden und immer noch im Niemandsland zwischen Passivität und Powerhockey, zwischen Taktik und Tempo gefangen ist, zeigt uns auch die Statistik. Die Berner sind nun zweimal hintereinander im eigenen Stadion dominiert worden: mit 29:27 Torschüssen von Gottéron und mit 37:31 von Zug. Von sechs Dritteln haben die Berner in dieser Statistik nur zwei gewonnen: das Startdrittel gegen Gottéron (11:10) und das Schlussdrittel gegen Zug (13:6).

Wir sollten solche Zahlen nicht überbewerten. Aber sie sagen halt doch, dass der SCB nicht Herr im Hause war. Was sich auswirkt. Weil die Mannschaft defensiv und taktisch nicht mehr beziehungsweise noch nicht wieder stabil genug ist, um mit schablonisierten Kontern aus der Nachhand zu siegen.

Natürlich gäbe es sogar Grund zur Häme. Wir könnten beispielsweise erwähnen, dass Jesper Olofsson für die Langnauer in einem Spiel (in Lugano) schon gleich viele Tore erzielt hat (2) wie die vier ausländischen SCB-Stürmer zusammengezählt in zwei Partien. Und dass die sportliche SCB-Führung dem Schweden am Ende der letzten Saison keinen neuen Vertrag gegeben hat (er ist als untauglich taxiert worden) und er deshalb jetzt in Langnau stürmt.

Aber solche Häme ist so früh in der Saison völlig unangebracht. Wer gar Schadenfreude zeigt, der sei gewarnt und dem sei gesagt: Der SCB ist immer noch der SCB. Das haben wir im letzten Drittel gegen Zug gesehen. Punkt.

Es obliegt dem schwedischen Trainer, seine richtigen Vorstellungen so schnell wie möglich umzusetzen.
Es obliegt dem schwedischen Trainer, seine richtigen Vorstellungen so schnell wie möglich umzusetzen.
Bild: keystone

Und so hat nun für Trainer Johan Lundskog ein Wettlauf gegen die Zeit begonnen. Der SCB war zwar gegen Zug zwei Drittel lang miserabel. Aber hoffnungsvoll miserabel und miserabel mit System. Die Ansätze zurück zu einem aktiven, gut strukturierten Spiel sind klar zu erkennen. Aber eben erst im Ansatz. Erst phasenweise. Es obliegt dem schwedischen Trainer, seine richtigen Vorstellungen so schnell wie möglich umzusetzen.

Beat Gerber (39) bringt es nach seinem 1168. Spiel (Rekord) auf den Punkt, wenn er sagt, es brauche eine Lern- und Angewöhnungszeit. Und Trainer Johan Lundskog macht nicht den Fehler, irgendwelche Entschuldigungen zu suchen. Vielmehr steht er nach dem Spiel hin, verrät keinerlei Zeichen der Verunsicherung. Sein Auftritt ist so perfekt, dass er ins Lehrbuch gehört. Er spricht Sätze, wahr und klar, wie in Stein gemeisselt. Als käme er gerade von einem Rhetorik-Kurs. Er habe erst im letzten Drittel den richtigen SCB gesehen. Und auf die Frage, ob er in der zweiten Pause getobt habe, erklärt er einfach, man habe das gesagt, was nötig gewesen sei.

Beim SCB gibt es noch ein Problem, über das wir erst – wenn immer noch nötig – allenfalls nach dem Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag polemisieren werden: die Torhüterfrage.

Im ersten Spiel gegen Gottéron war Philip Wüthrich mit einer Fangquote von 88,57 Prozent nur ein gewöhnlicher Goalie. Nun war Daniel Manzato mit 86,89 Prozent gegen Zug auch nur Durchschnitt.

So kann es nicht weitergehen. Heute bekommt in Davos wieder Philip Wüthrich eine Chance und bald einmal wird sich einer der beiden letzten Männer zur Nummer 1 entwickeln müssen.

Untersportchef Andrew Ebbet sagt, die Einsätze in den drei ersten Partien – Philip Wüthrich gegen Gottéron, Daniel Manzato gegen Zug und heute wiederum Philip Wüthrich in Davos – seien schon vor Saisonstart geplant worden.

Noch ist unklar, wer die Nummer 1 in Berns Tor sein soll.
Noch ist unklar, wer die Nummer 1 in Berns Tor sein soll.
Bild: keystone

Aber Planwirtschaft funktioniert bei der Goaliefrage nicht über einen längeren Zeitraum. Auch das ist ein Wettrennen mit der Zeit für Johan Lundskog: Er wird sich für einen Torhüter als Nummer 1 entscheiden müssen. Oder besser: Einer der beiden Goalies sollte seinen Trainer davon überzeugen, dass er die Nummer 1 ist.

Was die Sache brisant macht: Daniel Manzato ist 37. Gleich alt wie sein Trainer. Er hat eine lange Vergangenheit und seine Zukunft hinter sich. Philip Wüthrich ist 23 und hat fast keine Vergangenheit und eine lange Zukunft vor sich.

Alle sagen beim SCB, Philip Wüthrich sei der Mann der Zukunft. Auf ihn setze man. Er sei die künftige Nummer 1. Vielleicht sogar der nächste Leonardo Genoni.

In der Politik und manchmal auch im richtigen Leben können wir schöne Worte brauchen und etwas ganz anderes denken und wir kommen damit durch.

Aber so funktioniert es bei der SCB-Goaliefrage nicht: Wenn der SCB an Philip Wüthrich glaubt, dann wird er noch in diesem Herbst die Nummer 1. Dann setzt ihn der Trainer auch dann ein, wenn er mal eine schwache Partie hatte. Sonst merken alle, dass niemand Philip Wüthrich zutraut, die Nummer 1 zu werden. Obwohl es natürlich niemand zu sagen wagt.

Der SCB hat nach wie vor alles, um wieder zu werden wie Bayern München. Aber mit jeder Niederlage wird der SCB ein wenig kleiner, ein wenig mehr wie ein emotions- und mutloses Ajoie und der Weg zurück zur alten Grösse wird lang, länger und länger. Bereits hat ein kundiger SCB-Anhänger nach der Partie den Chronisten darum gebeten, nicht schon die Frage zu stellen, ob Johan Lundskog einen Wintermantel brauche. Nein, das tut der Chronist sicher nicht. Das wäre barer Unsinn.

Aber am 17. September kommen die SCL Tigers nach Bern. Den Match darf Johan Lundskog nicht verlieren. Zwei Tage später steht nämlich der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag auf dem Kalender. Und nach diesem Tag dürfen wir polemisieren.

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