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Langnaus Jules Sturny, zweite-links, schiesst ein Tor (2-1) gegen Berns Tristan Scherwey, links, Berns Beat Gerber, zweite-rechts, und Berns Torhueter Tomi Karhunen, rechts, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den SC Langnau, am Samstag, 14. November 2020, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Langnaus Jules Sturny erzielt den Siegestreffer. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Die Arroganz, die den SC Bern noch Millionen kosten wird

Meister Bern taumelt nach der 1:2-Schmach gegen Langnau orientierungslos in die grösste sportliche Krise seit dem Wiederaufstieg von 1986. Der «billige Marc» riskiert den sportlichen Zerfall einer Mannschaft, die noch immer bei weitem gut genug für die obere Tabellenhälfte ist.



In einer Woche hat der Meister gegen die drei letzten der Tabelle gespielt. Und dreimal verloren. 2:6 gegen Davos, 3:4 n.P (nach einer 3:0-Führung!) in Ambri und nun – als Tiefpunkt – 1:2 gegen Langnau. Es ist der erste Drei-Punkte-Sieg der Langnauer in dieser Saison. Und die fünfte Niederlage in Serie für den SCB.

Don Nachbaur ist der tragische Held der Krise: Kein anderer Trainer hat sich in Bern mit einer so verheerenden Bilanz im Amt halten können. Alle Trainer, die seit 1986 während der Saison gefeuert worden oder zurückgetreten sind – Timo Lahtinen, Lance Nethery, Ueli Schwarz, Riccardo Fuhrer, Alan Haworth, Larry Huras, Antti Törmänen, Guy Boucher, Kari Jalonen – waren sportlich erfolgreicher als Don Nachbaur.

Aber der Kanadier ist noch im Amt. Inzwischen hat der SCB die DNA seines Spiels verloren: die Ordnung, die Disziplin, die Leidenschaft und auch die Dominanz und Wucht seines Captains Simon Moser. Noch nie hatte ich so viel sportliches Mitleid mit einem SCB-Trainer wie mit Don Nachbaur nach dem 1:2 gegen die Langnauer.

SCB Cheftrainer Don Nachbaur spricht mit seinem Spieler, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Ambri-Piotta, am Donnerstag, 1. Oktober 2020, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Don Nachbaur ist noch im Amt. Bild: keystone

Finanzielle Überlegungen überwiegen

In dieser Saison geht es erst einmal darum, das Unternehmen SC Bern wirtschaftlich intakt durch die Krise zu bringen. Das ist ohne Mäzen schwierig. Aber auch Langnau, Ambri, Gottéron, Servette, Davos (diese Saison ohne Spengler Cup), die Lakers oder Biel haben keine Mäzene.

Richtigerweise gibt der SC Bern keinen Franken aus, der nicht ausgegeben werden muss. Deshalb löhnt der SCB nur drei und nicht vier oder gar fünf Ausländer. Deshalb ist kein teurer Trainer angestellt worden und deshalb ist ein Trainerwechsel keine Option. Theoretisch spielt es eigentlich keine Rolle, ob der SCB in der Spitzengruppe oder im Tabellenkeller platziert ist. Es gibt im nächsten Frühjahr keinen Absteiger und wir wissen noch nicht einmal, ob diese Saison überhaupt zu Ende gespielt werden kann.

Die knifflige Ausgangslage ändert nichts daran, dass es darum geht, aus einer schwierigen Situation das Beste zu machen und sportlich ein Maximum herauszuholen. Ein Maximum zu leisten. Das gilt für den SC Bern mehr noch als für die Konkurrenz. Denn der SCB hat mehr Saisonkarten verkauft als jeder andere Klub. 10'500 Saisonkartenbesitzerinnen und –Besitzer, VIP-Logen-Benutzerinnen und -Benutzer haben im Sommer fast 10 Millionen Franken überwiesen. Aber niemand darf ins Stadion. Bleibt es so, dann bedeutet das: Fast 10 Millionen muss der SCB theoretisch am Ende der Saison wieder zurückzahlen. Es wäre das Ende des grössten Hockey-Unternehmens der Schweiz als Spitzenklub.

Wo ist der Stolz?

Der SCB hat eine treue, anhängliche, geduldige, ja nachsichtige Fangemeinde. Die Bernerinnen und Berner lassen den SCB nicht im Stich. Wenn sie sehen (im Farbfernsehen), hören (am Radio) und Lesen (online und auf Papier), dass beim SCB alles menschenmögliche unternommen wird, um auch unter schwierigen Bedingungen sportlich erfolgreich zu sein, dass in jedem Spiel leidenschaftlich, zäh, tapfer, hartnäckig, beharrlich, ausdauernd, diszipliniert, unerschütterlich, mutig, entschlossen, forsch, furchtlos, beherzt und couragiert um den Sieg, um den Ruhm und die Ehre des Standes Bern gekämpft und gerungen wird – dann wird der allergrösste Teil des Geldes nicht zurückgefordert. Dann bringen die Bernerinnen und Berner ein finanzielles Opfer für den SCB. Dann leisten sie freudigen Herzens ihren Beitrag zur Erhaltung dieser 1931 gegründeten Berner Institution.

Oder um es etwas weniger pathetisch zu sagen: Es genügt, wenn der SCB auf und neben dem Eis so stolz und doch bescheiden auftritt wie die SCL Tigers. Oder wie Ambri.

Aber das ist nicht der Fall. Marc Lüthi liegt der SCB am Herzen. Darüber führen wir keine Debatte. Marc Lüthi ist der fähigste Sport-Manager in diesem Land. Auch darüber führen wir keine Debatte. Aber im Sommer und im Herbst ist der SCB-General und -Mitbesitzer einem fundamentalen Irrtum erlegen, der in der Aussenwirkung als Arroganz wahrgenommen wird: Er unterschätzt in Zeiten der Krise die Wichtigkeit des Sportes in einem Sportunternehmen. Er hat die Sportabteilung verlottern lassen. Sie ist im beklagenswertesten Zustand seit dem Wiederaufstieg von 1986.

CEO Marc Luethi, spricht waehrend einer Vorsaison-Medienkonferenz des SC Bern, am Montag, 31. August 2020 in der Postfinance Arena, in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Marc Lüthi ist ein fataler Fehler unterlaufen, der von Aussen als Arroganz wahrgenommen wird. Bild: keystone

Was will der SCB sportlich?

Ja klar, den Erfolg. Und auch klar: Eine Erneuerung ist nach den Jahren des Ruhmes mit drei Titeln in vier Jahren unumgänglich. Aber dafür braucht es einen Plan, eine Strategie, eine Idee, eine Vision und viel, viel Kompetenz. Und all das ist nicht mehr in ausreichendem Mass vorhanden. Ein Wiederaufbau mit jungen Spielern erfordert erstens den Mut, konsequent auf die jungen Spieler zu setzen und ihnen nicht erst Eiszeit zu geben, wenn Polemik aufkommt oder ihre Agenten intervenieren.

Um junge Spieler weiterzuentwickeln, braucht es einen Trainer, der sich mit unserer Mentalität auskennt, fähig ist, ein klares taktisches Konzept einzuschulen, eine entsprechende pädagogische und hockeyfachtechnische Ausbildung, viel Erfahrung und eine starke Persönlichkeit hat und eine natürliche Autorität ausstrahlt (= Charisma). Damit er auch die erfahrenen Leitwölfe aus der Komfortzone zu scheuchen vermag. Nie war der Trainer beim SCB so wichtig wie in dieser heiklen Übergangssaison 2020/21, die zugleich eine einmalige Chance der sportlichen Erneuerung unter besonderen Umständen bietet. Sparen beim Trainer ist in dieser Situation fatal.

Wenn schon das Geld knapp ist, dann wird das Scouting noch wichtiger. Damit jeder Franken richtig investiert wird. Bei keinem anderen Klub der Schweiz ist das Scouting in einem so beklagenswerten Zustand wie beim SCB. Dazu nur ein Beispiel, das grad gut passt (ich will nicht mit einer Aufzählung aller Fehltransfers polemisieren).

Langnaus Jules Sturny, jubelt nach seinem Tor (2-1), beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den SC Langnau, am Samstag, 14. November 2020, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Jules Sturny – oder wie man Scouting richtig macht. Bild: keystone

In Langnau hat Alfred Bohren eine der besten Scouting-Abteilungen der Liga aufgebaut. Die Langnauer haben aus Visp Jules Sturny (24) für weniger als 100'000 Franken geholt. Er hat soeben gegen den SCB den Siegestreffer erzielt. Der SCB hat vom SC Langenthal Simon Sterchi (26) geholt. Er ist noch vor Saisonbeginn, ohne auch nur ein Meisterschaftsspiel bestritten zu haben, nach Visp abgeschoben worden. Er belastet die SCB-Lohnbuchhaltung mit 130'000 Franken.

Noch nie ist eine Meistermannschaft aufgrund von sportlichem Missmanagement so schnell und so dramatisch zerfallen wie das SCB-Meisterteam von 2019.

Das einzige Konzept, das beim SCB konsequent umgesetzt wird: Möglichst wenig Geld für den Sport ausgeben (Konzept «billiger Marc» in Anlehnung an den «billigen Jakob»). Wer sportlich billig sein will, wird sportlich billig. Aber das Volk, das Millionen von Franken auf die SCB-Konten überwiesen hat, wird es nicht billigen und das Geld zurückfordern. Das ist die Arroganz, die ich meine: Zu denken, sportlich möge es diese Saison alles leiden – auch Schlendrian, Nachlässigkeit und Trott – und das Volk merke es nicht.

Es ist eine Arroganz, die, wenn diesem Treiben nicht Einhalt geboten wird, den Titanen SCB noch Millionen kosten wird.

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