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Meister Langenthal und die Magie der goldenen Durchschnittlichkeit

Langenthals Spieler den Swiss League Schweizer Meistertitel, nach dem vierten Playoff Finalspiel der Swiss League, zwischen dem SC Langenthal und dem HC La Chaux de Fonds, am Mittwoch 3. April 2019 au ...
Langenthals Spieler feiern den Swiss-League-Meistertitel im Jahr 2019.Bild: KEYSTONE
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Meister Langenthal und die Magie der goldenen Durchschnittlichkeit

Titelverteidiger SC Langenthal feierte heute Sonntag seinen 75. Geburtstag. Der durchschnittlichste Hockeyklub der Schweiz und ein wenig ein Flachland-Ambri.
14.02.2021, 02:3414.02.2021, 12:07

Kann uns ein Sportunternehmen eine Stadt, eine Region erklÀren? Ja, der SC Langenthal kann es. Und nur wenige personifizieren die ganz besondere Magie der Durchschnittlichkeit des SC Langenthal so gut wie 
 Jaro Tuma.

Nun mögen sich einige fragen: Jaro Tuma? Er war nur anderthalb Jahre lang Trainer des SC Langental. Er stand in der Saison 1983/84 an der Bande und wurde in der nachfolgenden Spielzeit entlassen.

Bloss eine Episode also in der 75 Jahre wÀhrenden Geschichte. Aber er ist der Faszination des Oberaargaus erlegen, mit seiner Familie geblieben und hat hier seine zweite Heimat gefunden.

Er war ein sehr guter Spieler und unter anderen UmstĂ€nden hĂ€tte er eine Weltkarriere gemacht. Mit seinem Bruder nĂŒtzt er wĂ€hrend des Kalten Krieges 1968 eine Auslandreise mit Sparta Prag in Holland zum Sprung in die Freiheit, kehrt nicht mehr nach Prag zurĂŒck, wird ein Star in Holland und Deutschland, in Bayern heimisch und kommt im Herbst 1983 als Trainer nach Langenthal. «Ich habe zuerst gedacht: Mein Gott, was mache ich bloss hier?» Er habe sich an die Berge und Blumen und die Lebensfreude in Bayern gewöhnt. Aber Langenthal, das graue, neblige, langweilige, durchschnittliche?

Und doch ist er geblieben und arbeitet noch mit 71 Jahren erfolgreich als Spieleragent. Wobei: Das Wort Agent passt nicht zu diesem kultivierten, klugen Mann. Schon eher Berater. Oder vÀterlicher Freund.

Selbst der weitgereiste Jaro Tuma ist der Magie – oder besser: der Romantik – der Langenthaler Hockeykultur, der Langenthaler Durchschnittlichkeit erlegen: familiĂ€rer Zusammenhalt ĂŒber die Generationen hinweg. Nicht verdorben vom grossen sportlichen Ruhm und zu viel Geld. Jeden Tag eine wirtschaftliche und sportliche Herausforderung. Ein wenig wie ein Flachland-Ambri.

Langenthal ist eine der durchschnittlichsten Ortschaften der Schweiz. 54 Kilometer östlich von Bern, 75 Kilometer westlich von ZĂŒrich. Lange Zeit im Selbstlob das grösste Dorf der Schweiz und erst seit 1997 offiziell eine Stadt. Mit inzwischen etwas mehr als 16'000 Einwohner.

Nach wie vor werden Konsumprodukte vor der MarkteinfĂŒhrung auch in Langenthal getestet. Wenn es in Langenthal «funktioniert», dort, wo die durchschnittlichsten, typischsten Schweizerinnen und Schweizer leben, dann funktioniert es im ganzen Land.

Wie es sich gehört, wird hier Fussball und Hockey gespielt. Wie es sich in einer durchschnittlichen Stadt gehört, weit oben, aber eben nicht ganz oben. Der FC Langenthal stieg zweimal fĂŒr eine Saison in die NLB auf (1959, 1969) und kickt heute in der 1. Liga Classic.

Der SC Langenthal ist mit drei Titeln in der zweithöchsten Liga (2012, 2017, 2019) ruhmreicher, steht fĂŒr eine goldene Durchschnittlichkeit und feiert heute mit dem Spiel gegen Olten seinen 75. Geburtstag. Nicht zu alt. Das Hockey in Langnau, Bern und Biel ist Ă€lter. Aber auch nicht zu jung. Ajoie und Zug sind jĂŒnger. Auch hier: Durchschnitt.

An welchem Tag der Klub gegrĂŒndet worden ist, weiss niemand mehr. Nur das Jahr 1946 steht fest. Weshalb diese Saison die Abend-Heimspiele nicht um 19.45 Uhr wie sonst, sondern ganz offiziell um 19.46 Uhr beginnen. Marketing halt.

Weil die Kultur des Klubs stark durch die Derbys gegen Olten geprĂ€gt wird, hat der Vorstand entschieden, aus werbetechnischen GrĂŒnden den 14. Februar 1946 zum Geburtstag zu erklĂ€ren. Damit am 14. Februar 2021 mit dem Derby ab 17.30 Uhr gegen Olten das 75-Jahre-JubilĂ€um gefeiert werden kann. So gesehen hat Spielplan-General Willi Vögtlin also Geschichte geschrieben.

Auch das ist guter Durchschnitt: ein wenig an der Geschichte schrauben, aber nicht zu viel. Beim Tag darf man schon mogeln. Beim Jahr aber nicht.

Der SC Langenthal, seit 2002 eine Aktiengesellschaft, war noch nie gut genug fĂŒr den Auftritt auf der ganz grossen BĂŒhne der höchsten Spielklasse. Und wird es auch nie sein. Die Magie reicht nicht aus, um in der Stadt so viel politischen Einfluss zu erlangen, dass in nĂŒtzlicher Zeit – wie in Langnau – die StimmbĂŒrger zweistellige MillionenbeitrĂ€ge mit «DDR-Mehrheiten» von ĂŒber 70 Prozent fĂŒr einen neuen Sporttempel durchwinken.

Geisterspiel beim Swiss Ice Hockey Cup 1/8 Final, zwischen dem SC Langenthal und den EV Zug am Sonntag 25. Oktober 2020 in der Eishalle Schoren in Langenthal. (KEYSTONE /Marcel Bieri)
Die Eishalle Schoren in Langenthal muss reichen – einen Sporttempel wie in Langnau findet hier keine Mehrheiten.Bild: keystone

Aber der SC Langenthal ist zu gut, die Hockeyleidenschaft ist zu gross, um zu resignieren und sich mit der AnonymitÀt der Amateurligen zufrieden zu geben.

Der SC Langenthal behauptet sich im Jahr seines 75. Geburtstages mit grossem Erfolg in der zweitobersten Liga. WÀhrend andere Klubs mit viel besseren Voraussetzungen lÀngst in der AnonymitÀt entschwunden sind: Villars, Arosa, Basel, Thun, Chur, St.Moritz oder Luzern. Um nur ein paar zu nennen.

Beharrlichkeit, Klugheit, Bescheidenheit, manchmal auch BauernschlĂ€ue – das sind prĂ€gende Eigenschaften der Oberaargauer und der Hockey-Langenthaler. Was ĂŒberschaubar, machbar, vernĂŒnftig ist – ja, gerne.

Aber die grossen WĂŒrfe, die grossen Risiken, die grossen öffentlichen Investitionen in den Sport oder in Sportanlagen – dann doch lieber nicht.

So kommt es, dass der SC Langenthal im Schoren, in der «schĂ€bigsten» aber nach dem Verschwinden der Valascia auch kultigsten Arena unseres Profihockeys spielt. Von einer neuen Arena sind die Langenthaler weiter weg als von der Aufnahme in die NHL. Aber seit Jahren wird viel Geld aus öffentlichen Kassen fĂŒr Projekte, Studien, Arbeitsgruppen, Analysen und sonstigen Schabernack «verpulvert».

So kommt es, dass im Oberaargau bis heute in der Stadt, die einst ein Dorf war, kein Fussball- oder Hockeystadion steht, das den AnsprĂŒchen der höchsten Liga im 21. Jahrhundert entspricht und es ist nie gelungen, im Fussball oder Eishockey in die höchste Liga aufzusteigen.

Der SC Langenthal wĂ€re sportlich dazu dreimal reif gewesen (2012, 2017 und 2019), hatte jedoch weder die wirtschaftlichen noch die infrastrukturellen Voraussetzungen fĂŒr die höchste Liga.

Ja, 2019 waren sich die Langenthaler ihrer Durchschnittlichkeit so klug bewusst, dass sie nach dem Gewinn der Swiss League freiwillig auf die Liga-Qualifikation gegen die Lakers, auf das «Stechen» um den letzten Platz in der höchsten Liga verzichtet haben.

Die Gefahr eines Aufstieges war einfach zu gross. Wegen dieses Verzichtes ist der SC Langenthal mit einem dreijÀhrigen Aufstiegsverbot belegt worden.

Wieso es kein neues Stadion gibt

Die Durchschnittlichkeit hat etwas mit der Lage zu tun. Langenthal ist das wirtschaftliche Zentrum des Oberaargaus. Eine geographisch nicht eindeutig wahrnehmbare Region oder Sportlandschaft ohne natĂŒrliche Grenzen im Herzen der Schweiz.

Im 21. Jahrhundert halten viele den Oberaargau fĂŒr einen rĂŒckstĂ€ndigen Teil des Kantons Aargau und wundern sich, dass in der Gegend nicht mehr weisse Socken getragen werden und Opel Manta gefahren wird.

Der Oberaargau war noch nie eine Region mit einer ganz besonderen IdentitÀt, mit einem «Nationalstolz» wie das Emmental oder das Berner Oberland.

Das hat eine viel stĂ€rkere Auswirkung auf den SC Langenthal als gemeinhin angenommen wird. Der regionale, sozusagen «interkommunale» Stolz ist die Voraussetzung fĂŒr die Finanzierung von ganz grossen Infrastrukturen oder Klubs in der höchsten Fussball- oder Hockeyliga.

Der SC Langnau (heute SCL Tigers) ist die «Nationalmannschaft» der Emmentaler, der FC Thun jene der Berner OberlÀnder. Der SC Langenthal oder der FC Langenthal werden nie die «Nationalmannschaft» des Oberaargaus sein. Und so ist es auch nicht möglich, eine Arena zu bauen, an der sich mehrere Gemeinden beteiligten.

Was bleibt?

Der Oberaargauer ist auch im Sport nicht Oberaargauer. Er ist Langenthaler, Huttwiler, Lotzwiler, Wiedlisbacher oder Roggwiler. Es gibt im Einzugsgebiet des SC Langenthal mehr SCB- und Langnau-Fans als SCL-AnhÀnger.

Der SC Langenthal wird nie ganz oben Meister werden wie die gleich alten Langnauer. Aber der SC Langenthal wird auch nie untergehen.

Die Magie der goldenen Durchschnittlichkeit wird den Langenthalern weitere 75 gute Jahre dort bescheren, wo ihr Platz ist und wo sie sich wohl fĂŒhlen: gleich in der ersten Reihe hinter den ganz Grossen und Grossartigen im Land.

So bleibt ihnen der ewig wÀhrende Stress erspart, der ihre Erzrivalen aus Olten bei der erfolglosen Jagd nach dem schon im letzten Jahrhundert verlorenem NL-Ruhm umtreibt.

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13 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Be-obachter
14.02.2021 07:01registriert Juli 2020
Super beobachtet und beschrieben! Ich bin im Oberaargau aufgewachsen und war in den fĂŒhen Achtzigerjahren selbst ein wenig SCL-Fan, ganz sinngemĂ€ss aber nicht zu stark, ohne gelb-blauen Schal aber glaub mit einem Kleber auf dem Töffli. Beim Lesen das Artikel habe ich viel geschmunzelt und mental mitgenickt.
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Ricardo Tubbs
14.02.2021 07:42registriert MĂ€rz 2019
gratulation nach langenthal von einem olten fan. bewundere immer was die mit nichts erreichen, nicht so wie mein verein!
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Zingarro96
14.02.2021 10:35registriert Februar 2018
Danke fĂŒr den Bericht. Ich als Langenthal hab mich dadrin schon sehr gefundenđŸ€—
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13
GC ist Schweizer Meister – behauptet zumindest Google
Der Grasshopper Club ZĂŒrich hat es geschafft. Dank eines spĂ€ten Penaltys in der VerlĂ€ngerung des Barrage-RĂŒckspiels gegen den FC Aarau schaffen die ZĂŒrcher den Klassenerhalt in der Super League. Die Erleichterung ist riesig, nach dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Urs Schnyder jubeln die Hoppers, als hĂ€tten sie gerade die Meisterschaft gewonnen.
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