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Biel – oder wenn alles schief geht, was schief gehen kann

Biels Luca Hischier, rechts, im Duell mit Fribourgs Andreas Borgman im Eishockey Qualifikationsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem HC Fribourg Gotteron, am Freitag, 23. Februar 202 ...
Luca Hischier knallt im Spiel gegen Fribourg gegen die Bande.Bild: keystone
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Biel – oder wenn alles schief geht, was schief gehen kann

24.02.2024, 15:1224.02.2024, 17:04
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Hat je ein Klub mit so viel Geduld und Langmut den Zorn der Hockey-Götter ertragen wie Biel in der laufenden Saison? Wahrscheinlich nicht. Nun hat eine kuriose Panne die Niederlage gegen Gottéron (2:5) beschleunigt und für den Schlussspurt gilt: Schafft der Vorjahresfinalist nicht wenigstens das Play-In, dann steht nächste Saison wohl ein neuer Trainer an der Bande.

Die Entscheidung fällt im denkbar unglücklichsten Moment: Lucas Wallmark trifft zwölf Sekunden vor der zweiten Pause im Powerplay zum 1:4. Christian Dubés grosse Hockey-Maschine funktioniert. Biels zweite Strafe wird zum zweiten Powerplay-Treffer genützt. Die Lage wird im Schlussdrittel hoffnungslos sein.

War das 1:4 regulär?

Der ehemalige Kultschiedsrichter Roland Stalder («Rumpel-Roli», weil er immer grosszügig laufen liess) ist Schiedsrichter-Inspizient. In der zweiten Pause kommt Biels Video-Coach Thomas Zamboni (mit dem Zamboni-Erfinder Frank J. Zamboni nicht verwandt) mit dem Laptop zu Roland Stalder und zeigt ihm die laufenden Bilder zu diesem entscheidenden vierten Treffer.

Die beiden unterhalten sich freundlich und sind sich einig: Hätte Cheftrainer Petri Matikainen eine Nachprüfung verlangt («Coaches Challenge»), dann wäre das 1:4 mit ziemlicher Sicherheit annulliert worden: Die Bilder zeigen nämlich, dass Torschütze Lucas Wallmark unbedrängt im Torraum steht: Torhüterbehinderung.

EHC Biels Trainer Petri Matikainen im Eishockeyspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem EHC Biel, am Freitag, 26. Januar 2024 in der Swiss Life Arena in Zuerich. (KEYSTONE/Manuel Geiss ...
Petri Matikainen nahm die «Coaches Challenge» beim 1:4 nicht.Bild: keystone

Beim Stande von 1:3 wäre das Flämmchen der Hoffnung noch nicht ganz erloschen. Wer weiss, was im Schlussdrittel noch möglich gewesen wäre. Immerhin wird ja Damien Brunner in der 55. Minute noch ein zweiter Treffer gelingen. Aber es ist halt «nur» das 2:4. Wäre es das 2:3 gewesen – es hätte in der ausverkauften (!) Arena noch ordentlich gerockt.

Dass dann Benoit Jecker in der letzten Minute das 2:5 ins leere Tor gelingt, ist ja klar: Bei Biel geht eben alles schief, was schief gehen kann.

Gegensprechanlage ausgefallen

Nun ist die Frage: Warum hat Thomas Zamboni seinen Cheftrainer nicht über das informiert, was er auf dem Laptop gesehen hat? Jedes Team hat bei jedem Spiel oben auf der Tribüne mindestens ein Mann, der per Laptop Zugriff auf alle TV-Bilder hat und per Sprechfunk mit der Spielerbank unten verbunden ist. 45 Sekunden Zeit bleibt, um Einspruch zu erheben.

«Das kann ich so nicht beantworten», sagt Thomas Zamboni freundlich auf die Frage, warum er denn Petri Matikainen per Funk nicht zur «Coaches Challenge» aufgefordert habe. Also fragt der Chronist bei ein paar Helfern und Helfershelfern der Bieler Matchorganisation nach und erfährt: Der Zamboni habe sehr wohl funken wollen.

Aber aus unerklärlichen Gründen sei die Gegensprechanlage akkurat in diesem Augenblick ausgefallen. Man habe noch versucht, Materialwart Pascal Stoller per Hosentelefon zu erreichen. Der muss das Gerät offenbar bei sich getragen haben. Aber auch das habe nicht geklappt («Päsgu, äs Telefon!»). Bei Biel geht offenbar diese Saison schief, was schief gehen kann.

Bleibt noch eine Frage: Hätten die Schiedsrichter im Falle eines Einspruches das 1:4 tatsächlich annulliert? Thomas Zamboni und Roland Stalder sind sich auf der Tribüne zwar einig und die laufenden Bilder sind auch eindeutig: Lucas Wallmark behindert den Goalie zwar nicht, steht aber unbedrängt im Torraum. Theoretisch ist das die Voraussetzungen, um den Treffer zu annullieren. Aber in der Praxis neigen die Schiedsrichter aktuell dazu, in solchen Fällen tolerant zu sein und Gnade vor der Theorie walten zu lassen.

Da bei Biel grad alles schief geht, was schief gehen kann, ist die Wahrscheinlichkeit maximal, dass der Treffer doch gezählt hätte und Biel nebst dem 1:4 obendrauf auch noch eine Zweiminutenstrafe kassiert hätte.

Kampf um Play-In

Das ahnte wohl auch Sportchef Martin Steinegger. Er ist sonst in solchen Situationen durchaus ein Mann des Zornes. Aber nun sagt er leise resignierend: «Heute war Gottéron einfach besser…» Biel muss in den letzten vier Partien – Lakers (a), Davos (h), Lugano (h) und Servette (a) – zwei Punkte Reserve auf Langnau verteidigen, um wenigstens das Play-In zu schaffen. Das wird so knapp, dass nicht alles schief gehen darf, was schief gehen kann.

Fliegt Biel auch noch aus dem Play-In, dann wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nächste Saison ein neuer Trainer an der Bande stehen. Petri Matikainen hätte dann wenigstens eine gute Ausrede und könnte mit Fug und Recht sagen, er sei bei einem Klub gescheitert, bei dem alles schief gegangen ist, was schief gehen konnte.

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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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traumtänzer
24.02.2024 11:59registriert März 2015
Ja es stimmt vieles nicht bei Biel! Wir Fans müssen wieder einmal hart durch! Es schmerzt die gleiche Mannschsft von letzter Saison so zu sehen!
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