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Das «Ambri-Experiment» und die Frage: Ist Lugano verrückt geworden?

Lugano's new Head Coach, U20 coach Luca Gianinazzi, during the preliminary round game of the National League 2022/23 between HC Lugano and HC Davos at the ice stadium Corner Arena, Saturday, Octo ...
Luca Gianinazzi hat Chris McSorley an Luganos Bande ersetzt.Bild: keystone
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Das «Ambri-Experiment» und die Frage: Ist Lugano verrückt geworden?

Nach dem alten, «grossen» Chris McSorley (60) nun der junge, «kleine» Luca Gianinazzi (29). Nie zuvor hat es in unserem Hockey von einem Tag auf den anderen einen extremeren Kurswechsel gegeben. Bekommt Luganos neuer Trainer die Zeit, um im Amt zu wachsen, bis er gross genug ist, um ein Team wie Lugano zu coachen?
11.10.2022, 11:3611.10.2022, 12:55
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Lugano kopiert Ambri und macht einen ehemaligen Spieler aus den eigenen Reihen zum neuen Cheftrainer: das «Ambri-Experiment».

Aber die einzige Parallele zu Ambris Luca Cereda: Auch Luganos neuer Trainer ist ein ehemaliger Spieler aus den eigenen Reihen. Aber ein paar Nummern kleiner: 66 Spiele und null Tore in der zweithöchsten Liga (Thurgau, Rockets) sowie vier Spiele und null Tore in der NLA (Lugano). Luca Cereda war Nationalspieler, NHL-Erstrundendraft und Meister mit Bern. Und als er 2017 Ambri übernimmt, ist er 36 und hat sich bereits neun Jahre als Trainer von Ambris Nachwuchs und als Assistent beim U18- und U20-Nationalteam bewährt. Er führte Chiasso/Biasca in die NLB (wo die Mannschaft zu den Ticino Rockets mutiert) und coachte dieses Team auch in der ersten Saison in der zweithöchsten Liga.

Luca Gianinazzis Erfahrung als Cheftrainer: fünf Jahre bei Luganos Junioren. Bereits mit 29 übernimmt er nun die erste Mannschaft. Er ist der jüngste und unerfahrenste Schweizer Trainer in der neueren Geschichte der höchsten Liga.

Wenn es nach Sportchef Hnat Domenichelli geht, ist Luca Gianinazzi keineswegs ein «Nottrainer». Sondern eine Dauerlösung: «Er ist nicht nur für den Rest der Saison unser Trainer. Er wird auch nächste Saison an der Bande stehen.»

Der neue Lugano-Trainer habe vorerst einen unbefristeten, kündbaren Arbeitsvertrag. Die Ausgestaltung des Kontraktes als Cheftrainer erfolge in den nächsten Wochen.

Ist Lugano verrückt geworden? Diese Frage ist – natürlich – polemisch. Aber nicht ganz unbegründet. Denn der Kurswechsel ist der extremste der Klubgeschichte, wohl sogar der neueren helvetischen Hockeyhistorie: von Chris McSorley, vom vermeintlich charismatischsten Bandengeneral mit einer immensen Erfahrung von einem Tag auf den anderen zu einem Zauberlehrling ohne jede Erfahrung in diesem Job als Dauerlösung.

Der Casserolier, der beim Pfannenwaschen ein wenig dem Chef beim Kochen über die Schultern geguckt hat, wird im Grand Hotel über Nacht zum Chef de Cuisine. Um für die Hochzeitsgesellschaft eines lokalen Geldbarons ein Festmahl zu kreieren. Verrückt, oder?

Lugano's Head Coach Chris Mcsorley, during the preliminary round game of the National League 2022/23 between HC Lugano against ZSC Lions at the ice stadium Corner Arrena, Tuesday, September 20, 2 ...
In Lugano gescheitert: Chris McSorley.Bild: keystone

Nicht einmal Chris McSorley war gross genug, um grösser zu sein als die Spieler. Deshalb ist er gescheitert. Deshalb ist die entscheidende Frage: Kann Luca Gianinazzi im Amt wachsen, bis er grösser ist als die Spieler, bis er ein erfolgreicher Lugano-Trainer sein kann?

Auf den ersten Blick ist die Antwort: Unmöglich! Dieses verrückte Experiment wird scheitern. Weil die Spieler ja die gleichen geblieben sind. Mark Arcobello zum Beispiel, einer der Aufständischen gegen Chris McSorley, wird sich nun kaum dauerhaft für einen Zauberlehrling bis über die Schmerzgrenzen hinaus quälen. Die Spieler waren, sind und bleiben grösser, mächtiger als der Trainer.

Nun gehört es zu Luganos Charme, dass beim Amtsantritt eines Trainers der Himmel voller Geigen hängt und auf diesen Geigen ohne Unterlass Psalmen, Arien und Hosiannas gegeigt werden. Nirgendwo sind Vorschlusslorbeeren wohlfeiler als in Lugano und nirgendwo verwelken sie so rasch.

Diese Emotionalität gehört zu Lugano und ist einer der Gründe, warum dieses Hockeyunternehmen zu den faszinierendsten in Europa gehört. Und warum der Job des Trainers hier einer der schwierigsten in der ganzen Hockeywelt ist. Und ausgerechnet ein Zauberlehrling soll nun dort erfolgreich sein, wo seit 2006 die vermeintlich Besten und Teuersten aus aller Herren Länder gescheitert sind?

Immerhin gibt es einen politischen Grund, Luca Gianinazzi ein bisschen Zeit zu lassen: Er ist mehr noch als damals Patrick Fischer (der Nationalcoach hatte als Spieler eine Vergangenheit mit Lugano) ein Trainer aus den eigenen Reihen. Er ist der erste Trainer, der als Spieler in Lugano ausgebildet worden ist und noch nie bei einem anderen Klub gearbeitet hat. Der erste Chef an der Bande, der bis in die tiefsten Poren von Luganos Geist – und nur Luganos Geist! – durchdrungen ist.

Hnat Domenichelli, GM-Head Of Sports & Competitions, an der Vorsaison-Medienkonferenz des HC Lugano auf dem Schiff "Lugano", am Mittwoch, 4. September 2019, in Lugano. 
(KEYSTONE/Ti-Pres ...
Hat Lugano-Sportchef Hnat Domenichelli eine Rolex auf dem Trainerwühltisch gefunden?Bild: KEYSTONE/Ti-Press

Was für ein Triumph für Luganos Hockeykultur, wenn sich Luca Gianinazzi durchsetzt! Seht her, wir können es eben doch besser! Nur weil wir immer wieder auf «fremde Hockey-Irrlehren» hereingefallen sind, konnten wir nicht mehr erfolgreich sein! Unsere Hockeykultur ist die beste! Forza Lugano! Grande Lugano!

Aus hockey- und lokalpolitischen Gründen geniesst der neue Trainer also erst einmal das Wohlwollen aller, auch der Chronistinnen und Chronisten im Tessin, für die doch gilt: Wir polemisieren, also sind wir! Und so wie hinter dem «Experiment Chris McSorley» steht nun hinter dem «Ambri-Experiment» mehr als nur eine Tageslaune. Sondern eine Idee: Lasst uns unser eigenes Lugano bauen! Mit eigenen Leuten! Dahinter steht eine Absicht, die niemand öffentlich preisgeben darf: Machen wir es doch mal so wie Ambri. Das «Ambri-Experiment» eben.

Sagen wir es für einmal etwas pathetisch: Selbst die Edelsten der Edlen waren bis heute nicht dazu in der Lage, die Welt, so wie sie ist, von einem Tag auf den anderen zum Guten zu verändern. Vom Selbstverständnis und der Aussenwahrnehmung her ist Lugano dem grossen Erfolg verpflichtet. Auch das gehört zur Faszination Luganos. Wir sind «grande», also sind wir. Anders geht es gar nicht.

Der Erfolg ist die einzige Möglichkeit, um sich vom Erzrivalen Ambri zu unterscheiden. Denn Ambri steht für die ewigen, romantischen und melancholischen, vom Erfolg unabhängigen Werte des Spiels: Leidenschaft, Treue, Leiden. Damit kann Lugano einfach nicht konkurrieren. Ambri – und nur Ambri – kann aus Niederlagen und Krisen Kraft schöpfen. Lugano nur aus Siegen und Titeln. Lugano kann zwar Ambris Konzept kopieren. Aber Lugano kann nicht werden wie Ambri.

Lugano's player Calvin Thuerkauf, during the preliminary round game of National League A (NLA) Swiss Championship 2022/23 between, HC Ambri Piotta against HC Lugano at the Gottardo Arena in Ambri ...
Lugano versucht ausgerechnet das Modell vom Erzrivalen Ambri zu kopieren.Bild: keystone

Aus den Zauberlehrlingen Patrick Fischer, Christian Wohlwend oder Dan Tangnes sind, jeder auf seine Weise, gute oder gar grosse Trainer geworden. Patrick Fischer hat sogar schon während seiner Aktivzeit eine äusserst lesenswerte Autobiografie geschrieben. Wird Luca Gianinazzi wie Patrick Fischer, Christian Wohlwend oder gar Dan Tangnes? Das wäre die Hockeystory des 21. Jahrhunderts. Der Titel der Autobiographie wäre auch klar: «Dio dell'Hockey.»

Und wenn es nicht funktioniert? Auch das ist kein Problem. Dann kommt in Lugano eben der nächste Trainer. So wie im Vatikan auf einen Papst der nächste folgt. Lugano kann sich, wenn es denn will, jeden Tag einen Trainerwechsel leisten. Lugano hat mit der Familie Mantegazza ein unerschütterliches wirtschaftliches Fundament. Lugano kann sich jeden Irrtum, jede Verrücktheit, jede Irrationalität, jedes Experiment leisten.

Auch das gehört zur Faszination Lugano. Ach, was wäre unser Hockey ohne Lugano! Lugano ist nicht verrückt geworden. Lugano ist sich bloss treu geblieben.

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quelle: keystone / ennio leanza
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18 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Nummy33
11.10.2022 12:25registriert April 2022
geben wir ihm eine Chance, schlechter als der Saisonstart ist fast nicht möglich…
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emptynetter
11.10.2022 12:47registriert April 2014
Ist doch schön, dass die tagesaktuellen Ereignisse in unseren Ligen dem Eismeister immer wieder Stoff liefern für neue Geschichten. So gesehen darf Lugano möglichst gar nie zu Ruhe kommen.
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James R
11.10.2022 12:00registriert Februar 2014
Keine Ahnung ob dieses Experiment gelingen kann. Aber etwas ist klar: Es gibt kein Konzept, keine Strategie und keinen Masterplan in Lugano.
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