So reagieren die FIFA-Verantwortlichen auf Kritik am Balogun-Entscheid
Der Vorgang hat die Welt des Fussballs bis ins Mark erschüttert: Als am späten Sonntagabend bekannt wurde, dass der Weltfussballverband FIFA die Sperre nach der Roten Karte gegen Folarin Balogun zur Bewährung aussetzt, waren Spieler, Trainer, Experten und Fans weltweit fassungslos. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump mit FIFA-Boss Gianni Infantino telefoniert und sich dafür eingesetzt, dass die Rotsperre des US-Stars überprüft werden solle. So kam es dann auch. Die FIFA-Disziplinarkommission verschonte Balogun.
Ein beispielloses Prozedere. Der Staatschef eines WM-Gastgeberlandes interveniert beim Chef des Weltfussballverbands, um eine eigentlich glasklare Entscheidung – nämlich die Sperre von einem Spiel für Balogun – zurückzunehmen. «Das stellt alles infrage», sagte etwa Jürgen Klopp unmittelbar nach Bekanntwerden des Vorgangs. «Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel», verwies der TV-Experte mit Blick auf Trump und Infantino.
Am späten Montagabend bezog die FIFA-Disziplinarkommission Stellung zu der umstrittenen Entscheidung. In einer Mitteilung ihres Vorsitzenden verweist sie darauf, dass es sich nicht um eine Suspendierung der Roten Karte gegen den US-Spieler handele, sondern lediglich um die Aussetzung der eigentlich fälligen Sperre von einem Spiel zur Bewährung. So weit, so bekannt.
«Unter Berücksichtigung aller Umstände»
Zudem wird in dem Statement angemerkt, dass es ähnliche Entscheidungen bereits in der WM-Qualifikation gegeben habe. Dies sei nach Artikel 27 des FIFA-Disziplinar-Codes rechtlich zulässig. Zwar räumt die FIFA in der Mitteilung ein, dass ein Platzverweis automatisch eine Sperre von einem Spiel nach sich zieht, allerdings gebe es eben Ausnahmen nach besagtem Artikel 27, wenn besondere Umstände vorliegen.
Dann folgt die Begründung des FIFA-Gremiums für den Schritt: «Die besagte Aussetzung dieses Automatismus wurde unter Berücksichtigung aller konkreten Umstände des Vorfalls und der vorliegenden Beweise beschlossen.»
Welche besonderen Umstände im Falle Baloguns vorliegen sollen, teilte sie nicht mit. Interessant ist jedoch der folgende Satz: «Die FIFA-Disziplinarkommission hat das Recht, die Umsetzung von Disziplinarmassnahmen auszusetzen, sofern diese nicht die Manipulation von Spielen betreffen – was hier natürlich nicht der Fall war.»
Balogun war seinem Gegenspieler im WM-Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina mit gestreckter Sohle auf den Knöchel gestiegen. Ein klares Foul – und eine berechtigte Rote Karte, die eigentlich eine Sperre nach sich zieht. Wie es auch die anderen elf mit Rot verwarnten Spieler bei dieser WM erlebten.
Kritiker werfen dem Weltfussballverband daher vor, mit der Entscheidung unzulässig in den Wettbewerb eingegriffen zu haben. Insbesondere der belgische Verband sieht sich durch die überraschende FIFA-Entscheidung klar benachteiligt und legte bereits Einspruch ein – dieser wurde abgewiesen. Inzwischen fordern auch andere Fussballverbände die Revision bestimmter Entscheidungen während der WM, so etwa der französische und womöglich auch der englische Verband.
Vorsitzender der Kommission aus den VAE
Das FIFA-Statement liest sich – ungewöhnlich genug für Mitteilungen dieser Art – nicht wie sonst üblich als trockener Kommentar zu einer sportjuristischen Entscheidung, sondern wie eine Reaktion auf die internationale Berichterstattung und die empörten Reaktionen aus der Welt des Fussballs. So wird in der Mitteilung mehrfach das Recht der FIFA betont, Entscheidungen wie die besagte Ein-Spiel-Sperre zurücknehmen zu dürfen.
Im letzten Absatz geht das Statement auf die laufende Debatte um den Vorgang ein. So sei eine solche Entscheidung «im modernen Fussball nichts Neues». In allen Spitzenligen sei dies «eine gängige Disziplinarmassnahme, doch hat dies noch nie Bedenken hinsichtlich der Überschreitung einer ‹roten Linie› hervorgerufen.» Insgesamt, so heisst es am Ende, handelt es sich laut der Disziplinarkommission bei der Bewährungsstrafe für Balogun um eine «sehr ausgewogene Entscheidung».
Vorsitzender der FIFA-Disziplinarkommission ist derzeit Mohammad Al-Kamali (VAE), ein Fussballfunktionär aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. In dem Gremium sitzen ausserdem Entscheidungsträger aus Tonga, Singapur, Tahiti oder Vietnam.
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