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22.10.2016; Altach; Fussball Bundesliga - SCR Altach - FC Admira Wacker Moedling; Die Spieler des SCR Altach jubeln mit dem Torschuetzen Nikola Dovedan und Dimitri Oberlin (3.v.l.) nach dem 2:0 (Peter Rinderer/Expa/freshfocus)

33 Tore durften die Altacher bislang bejubeln, neun schoss der Schweizer Dimitri Oberlin (Dritter von links). Bild: Peter Rinderer/freshfocus

Fussballzwerg Altach und Shootingstar Oberlin basteln weiter am Wunder

Dank einem 3:1-Heimsieg gegen Rekordmeister Rapid Wien überwintert der SCR Altach als Bundesliga-Leader. Die Vorarlberger sind drauf und dran, Geschichte zu schreiben und der junge Schweizer Dimitri Oberlin schreibt fleissig mit – solange man ihn noch lässt.



«Utopisch ist der Meistertitel nicht», hält Werner Grabherr fest. Der 31-Jährige ist Interimstrainer beim SCR Altach. Eine Funktion, die man zur Winterpause eher bei einem Abstiegskandidaten erwarten würde und nicht bei einem Titelaspiranten. Aber die Anekdote passt wunderbar zur Geschichte dieser Mannschaft, deren Schnabelholz-Stadion direkt am Rhein liegt, einen Steinwurf von der Schweizer Grenze entfernt.

Grabherr trainiert die Vorarlberger übergangsweise, seit Mitte November das grosse Rapid Wien den Altacher Trainer Damir Canadi in die Hauptstadt lotste. Jenes Rapid Wien, das gestern zum Abschluss der Herbstrunde mit 1:3 in Altach verlor und bei dem viel Arbeit auf den neuen Sportchef Fredy Bickel (vorher beim FC Zürich und bei YB) zukommt. Im elften Heimspiel der Saison war es Altachs neunter Sieg, dazu kommen zwei Unentschieden. Eine äusserst beeindruckende Bilanz.

Football Soccer - Borussia Dortmund v Sunderland - Pre Season Friendly - Cashpoint Arena, Altach, Austria - 5/8/16
General view before the match
Action Images via Reuters / Arnd Wiegmann
Livepic

Das Schnabelholz-Stadion ist in dieser Saison eine Festung. Bild: Arnd Wiegmann/REUTERS

Neun Schweizer Tore

Von einem «Riesenerfolg für uns als Mannschaft und den Verein» spricht Abwehrchef Philipp Netzer, gestern zweifacher Torschütze. Der Routinier ist als Vorarlberger in einem Bundesland aufgewachsen, aus dem noch nie in der Geschichte ein Team österreichischer Meister wurde. Schafft Altach diese historische Premiere? Noch sei der Titel in der Mannschaft kein Thema, sagt Netzer. Was die Fans freilich nicht daran hindert, sich an Leicester Citys sensationellen Triumph in der letzten Premier-League-Saison zu erinnern …

Zum Altacher Ensemble gehört mit Dimitri Oberlin auch ein Schweizer. Der 19-jährige Stürmer stand in jeder Partie (und zumeist von Anfang an) auf dem Platz, in 20 Einsätzen erzielte Oberlin neun Tore. Gegen Rapid traf er zwar nicht, doch der U21-Natispieler glänzte mit einem herrlichen Absatz-Pass, mit dem er den Treffer zu Altachs 2:0-Führung einleitete.

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Wunderschön, wie Oberlin das Tor von Dovedan mit einem «Fersler» einleitet. Video: YouTube/DQZ

Ein weiterer Schweizer im Kader

Oberlin, in Kamerun auf die Welt gekommen und in der Romandie aufgewachsen, wechselte im Sommer 2015 aus dem Nachwuchs des FC Zürich zu Serienmeister Red Bull Salzburg. Dort pendelte er zwischen Bundesliga und dem Farmteam Liefering. Nach einer Saison mit drei Toren und dem Meistertitel liehen die Salzburger Oberlin an Altach aus, wo er seither auftrumpft.

Pfeift ihn Red Bull nun zurück? Gemäss Christoph Freund, der Sportliche Leiter der Salzburger, ist das möglich. «Die Chance besteht theoretisch, dass er im Winter zurückgeholt wird», sagte Freund zum TV-Sender «Sky». Man werde sich mit Oberlin zusammensetzen und besprechen, was die nächsten Schritte für ihn sein könnten.

Nur eine marginale Rolle nimmt der zweite Schweizer im Kader ein, Gabriel Lüchinger. Der 24-Jährige stammt aus Altstätten, das direkt gegenüber von Altach auf der St.Galler Seite des Rheins liegt. Mittelfeldspieler Lüchinger schaffte weder beim FC St.Gallen, noch in Wil oder bei GC den Durchbruch. In dieser Saison absolvierte der Cousin von Sions Nicolas Lüchinger für Altach zwei Bundesliga-Partien, ansonsten spielt er in der Regionalliga West.

Der Altacher Weg

Wer mit einem deutlich schmaleren Budget als die Konkurrenz haushalten muss, der muss besser arbeiten als diese. Diese Weisheit jedes erfolgreichen Underdogs trifft auch auf Altach zu. Der Klub setzt auf Talente wie Oberlin, er ist aber auch eine zweite oder dritte Chance für ältere Spieler, die kein anderer Klub mehr wollte.

Goalie Andreas Lukse ist so ein Beispiel. Ein Talent im Rapid-Nachwuchs, aber dann ausser Rang und Traktanden gefallen. Bevor er 2011 nach Lustenau ging, dachte er über das frühzeitige Ende der Fussballkarriere nach. Nun, mit 29 Jahren, absolvierte Lukse im letzten Monat gegen die Slowakei sein erstes Länderspiel. Bereits kursieren Gerüchte, Rapid wolle das einst verkannte Talent nach Wien-Hütteldorf zurückholen.

16.06.2014; Dornbirn; Fussball - SCR Altach - Grasshopper Club Zuerich;
Andreas Lukse (Altach) (Andy Mueller/freshfocus)

Goalie Lukse weist den Weg. Bild: Andy Mueller/freshfocus

02.07.2016; Vandans; Fussball - SC Altach - FC Zuerich;
Louis Ngwat Mahop (Altach) Cedric Brunner (Zuerich) 
(Andy Mueller/freshfocus)

Ngwat-Mahop in einem Testspiel gegen Zürich. Bild: freshfocus

Mittelfeldspieler Louis Ngwat-Mahop aus Kamerun war einst ein riesiges Talent bei Bayern München, kam als 19-Jähriger unter Ottmar Hitzfeld zu einem Bundesliga-Einsatz. Dann stellte sich heraus, dass er mit einem gefälschten französischen Pass spielte, um das Ausländerkontingent nicht zu belasten.

Die Bayern waren sauer, Ngwat-Mahops Zeit in München damit vorbei. Via Salzburg, Thessaloniki und Karlsruhe landete er 2012 in Altach. Dort ist er ein Star, vielseitig im Mittelfeld einsetzbar und mit heute 29 Jahren im besten Alter. Ihn halten zu können, wird eine Herausforderung sein.

Schafft Altach das Wunder und wird österreichischer Meister?

«Wir müssen die Mannschaft im Winter weiterentwickeln»

Kapitän Philipp Netzer sagt, dass sich das Team den Wintermeistertitel von Spiel zu Spiel erarbeitet habe. «Wir haben nichts geschenkt bekommen, wir können stolz sein.» Nun hoffen der 31-Jährige und seine Kollegen, dass mit der Pause im Spielbetrieb kein Bruch kommt: «Im Frühjahr werden wir hoffentlich mit der gleichen Stärke zurückkommen.» Netzer weiss: «Es wird eng werden und die Saison geht noch sehr lange.»

Hier liegt Altach

Interimstrainer Werner Grabherr, der gleichzeitig auch der Marketing-Verantwortliche des Klubs ist, wird wegen fehlender Trainerlizenz ins zweite Glied zurückkehren, aber so weiterhin mitverantwortlich tätig sein. «Wir müssen die Mannschaft im Winter weiterentwickeln, um noch schwerer zu schlagen zu sein», fordert er. Altach spielte bislang zumeist in einem defensiv stabilen 3-5-2-System. Der neue Trainer müsse ein Arbeiter sein, «der sich nicht zufrieden geben darf, Woche für Woche die Mannschaft weiterentwickeln muss».

Altach wie Leicester City?

Gegen Rapid Wien kamen 7229 Zuschauer ins Stadion – mehr Menschen, als Altach Einwohner (6515) hat. Und noch eine beeindruckende Zahl: Mit 42 Punkten hat der Cashpoint Sportclub Rheindorf Altach (so der offizielle Name) zur Winterpause bereits zwei Zähler mehr geholt als in der gesamten letzten Saison.

Sämtliche Meistertitel in Österreich verteilen sich auf bloss fünf Städte: Wien, Linz, Innsbruck, Salzburg und Graz. Alleine schon deshalb ist Altach fussballerische Provinz. Hinzu kommt die Randlage, denn den Österreicher juckt es nicht gross, was hinter dem Arlberg, im Bundesland Vorarlberg, vor sich geht.

Wo endet dieser Höhenflug? Leicester City nahm in England lange niemand richtig ernst. Es endete damit, dass der Underdog sensationell den Titel holte. Sie sollten also gewarnt sein, Österreichs Grossklubs in Wien, Salzburg und Graz.

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