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Jerry Savage bei seinem ersten Spiel im Vaduzer Rheinpark-Stadion. bild: zvg

Meet Jerry: Der Amerikaner, der um 6 Uhr aufsteht, um im Internet den FC Vaduz spielen zu sehen

«Es gibt auf der ganzen Welt viele grossartige Teams. Aber keines hat mein Herz so erobert wie der FC Vaduz.» Jerry Savage lebt in den USA, aber er schaut jedes Spiel der Liechtensteiner. 



Philadelphia, Sonntagmorgen, die Vögel pfeifen fröhlich. Es ist 6.15 Uhr und Jerry Savage ist schon früh auf. Heute ist schliesslich Matchtag. Also zieht er sich ein rotes T-Shirt an, macht Frühstück und schleicht dann – ruhig, um Ehefrau Nicole nicht aufzuwecken – nach unten, wo er den Computer anwirft. Denn Jerrys Interesse gilt keinem lokalen Team: Er fiebert im Internet mit dem FC Vaduz mit.

Vor zwei Jahren hat er sein Herz an den Underdog der Super League verloren. Der Tontechniker weilte damals beruflich in der Schweiz und weil er Fussballfan ist, besuchte er so viele Matches wie möglich, von Super über Challenge und Promotion League bis hinunter in die 1. Liga, egal wo. «Ich bin durchs Land gereist, so oft ich nur konnte», erzählt der 35-Jährige. Schliesslich habe er nicht gewusst, ob er jemals wieder in die Schweiz reisen könne. Savage hatte Glück: Sein Arbeitgeber schickte ihn seither noch zwei weitere Male nach Zug.

Aber wenn ein Fremder, ein absolut Unvoreingenommener Fussballspiele in Basel, Sion oder St.Gallen, in Luzern, Neuenburg, Zürich oder Winterthur sieht: Weshalb schenkt er seine Liebe dann ausgerechnet Vaduz? Der Gastverein aus dem Fürstentum Liechtenstein dürfte jede Wahl zum unpopulärsten Klub der Super League locker gewinnen.

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Ein Groundhopper, der die Schweiz und ihre Super League lieben gelernt hat. bild: zvg

«Die Vaduzer sangen einfach immer weiter. Und ich fühlte mich wie einer von ihnen»

Des Rätsels Lösung liegt bei einem Bekannten Savages, der jemanden kennt, der den einstigen Vaduz-Spieler Markus Neumayr kennt. Der deutsche Regisseur liess dem US-Fussballfan ein Ticket für das Vaduzer Gastspiel bei GC zukommen. «Es schien mir nach dieser Geste angebracht, Vaduz zu unterstützen», schildert Savage, der sich noch gut an die Partie erinnert. «Vaduz schoss das Führungstor und liess dann nichts mehr anbrennen. Das war ein grossartiger Sieg!» Es war der allererste gegen den Schweizer Rekordmeister.

Jerry Savage, der Glücksbringer? Gut möglich. Er war beim nächsten Spiel einer von 6733 Fans, die gegen den grossen Nachbarn FC St.Gallen für einen neuen Zuschauerrekord im Vaduzer Rheinpark sorgten. «Um mich herum waren lauter St.Gallen-Fans, dabei war ich nicht im Auswärtsblock», erinnert sich Savage. Vaduz holte ein 2:2, das sich wie ein Sieg anfühlte. «Ich war ganz aufgewühlt und voll dabei. Die St.Galler Anhänger waren zwar viel lauter, aber die Vaduzer sangen einfach immer weiter. Und ich fühlte mich wie einer von ihnen.» 

31.Aug.2014; Zuerich; Fussball Super League - Grasshopper Club - FC Vaduz;
Markus Neumayr (Vaduz) gegen Stephane Grichting (GC) (Andy Mueller/freshfocus)

Herbst 2014: Vaduz-Neuymar stellt GC-Routinier Grichting vor Probleme. Bild: Andy Mueller/freshfocus

Nur die Geburt seines Sohnes hielt ihn von seiner Passion ab

Sonntag, 7.30 Uhr, in einem Haus in Philadelphia: Helene Fischer ist wieder mal atemlos. «Ich habe diesen Song bei meinem ersten Vaduz-Spiel gehört. Er wurde ein Ohrwurm, den ich nicht mehr aus dem Kopf bringe. Dass ich ihn abspiele, soll dem Team Glück bringen.» Jetzt sind also nicht einmal mehr die USA sicher vor der deutschen Schlagersängerin!

Die Partien des FC Vaduz schaut sich Savage im Internet an. Auf offiziellem Weg gehe dies leider nicht, bedauert er, doch er fände immer zuverlässige Streams. Bloss ein Spiel hat der Fan, der 6500 Kilometer vom Rheinpark entfernt zuhause ist, nicht zu Ende geschaut. Aus gutem Grund: «In der 65. Minute von Vaduz-Luzern im Mai setzten bei meiner Frau die Wehen ein.»

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Söhnchen Max nach der Geburt aus dem Spital abgeholt – und sofort im Stream schauen, wie sich Vaduz schlägt. bild: zvg

Sohn Max ist mittlerweile drei Monate alt, «und er hat noch kein Super-League-Spiel des FC Vaduz verpasst», erzählt der stolze Papa. Max' Mutter schläft meist noch, «aber wenn ich zu laut juble oder über den Schiedsrichter schimpfe, wacht sie auf.»

Savage schaut sich die Spiele nicht nur an, er twittert wichtige Ereignisse davon auch für den Rest der Welt. Vielleicht gibt es ja wirklich noch mehr Menschen, die das interessiert.

«Dani Wyler höre ich gerne zu, auch wenn ich ihn nicht verstehe»

Savage ist zwar überzeugter Vaduz-Anhänger. Doch er sei ganz generell auch ein Fan der Super League. Das Nachmittagsspiel am Sonntag, um 10 Uhr morgens in Philadelphia, lasse er sich nie entgehen. «Ich mag den Kommentator Dani Wyler, auch wenn ich ihn nicht verstehe.» Eine Unfähigkeit, um die ihn bestimmt manch ein Schweizer Fussballfan beneidet …

Zuhause in den USA besucht Savage auch häufig die Spiele des lokalen MLS-Teams Philadelphia Union. Der Klub sei weder reich, noch richtig gross, noch jemals erfolgreich gewesen, schildert der Anhänger. «Viele Leute wissen nicht, wer sie sind und wo sie hingehören. Ich schon. Beim ersten Union-Spiel, das ich besuchte, verliebte ich mich in den Klub und je mehr ich ihn sah, umso stärker wurde diese Liebe.» Es sei so gewesen wie später auch im Fürstentum.

«Es gibt auf der ganzen Welt viele grossartige Teams. Aber keines hat mein Herz so erobert wie der FC Vaduz», schwärmt Savage. Er ist überzeugt: So eine tiefe Verbundenheit zu schaffen, würde Real Madrid, Barcelona oder Manchester United niemals gelingen.

Montreal Impact's Patrice Bernier, right, challenges Philadelphia Union's Tranquillo Barnetta as Montreal's Harry Shipp watches during the second half of an MLS soccer match in Montreal on Saturday, July 23, 2016. (Graham Hughes/The Canadian Press via AP)

Philadelphias Star ist der Ex-Natispieler Tranquillo Barnetta. Bild: AP/The Canadian Press

Vorfreude aufs Heimspiel gegen Meister Basel am Sonntag

Die erste Liebe des Amerikaners war indes Baseball. Als die Phillies 2008 die World Series gewannen – erst das zweite Mal in der 133-jährigen Klubgeschichte – habe er riesige Freudentränen geheult, weil er sich so einen Triumph nie habe vorstellen können. «Ich weiss nicht, ob Vaduz jemals die Super League gewinnen kann. Aber falls sie es schaffen, werde ich genauso weinen vor Freude und nach Liechtenstein reisen, um bei der Party dabei zu sein.»

epa01535404 The Philadelphia Philles celebrate defeating the Tampa Bay Rays in game five to win the 2008 World Series at Citizens Bank Park in Philadelphia, Pennsylvania, USA on 29 October 2008. The Phillies won the series 4-1.  EPA/JUSTIN LANE

2008: Die «Phillies» gewinnen sensationell die World Series. Bild: EPA

Die kurzfristige Zukunft sieht aber als Szenario eher den achten Meistertitel des FC Basel in Serie vor. Die Begegnung zwischen Vaduz und dem Ligakrösus steht am Sonntag auf dem Programm. Jerry Savage fiebert dann wieder frühmorgens vor seinem Computer mit und ist optimistisch. «Im April hat Vaduz gegen Basel ein 0:0 geschafft, das sich wie das beste Unentschieden aller Zeiten angefühlt hat. Wenn Vaduz wieder so etwas erreicht, dann bin ich sehr zufrieden.»

Update

Kurz nach der Publikation dieses Artikels hat Jerry Savage einen neuen Twitter-Follower erhalten: Den FC Vaduz. Sein Kommentar: «Wie Weihnachten im Juli!»

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33
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33Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • saesch20 30.07.2016 11:26
    Highlight Highlight Super Artikel - darum mag man euch, Watson :D
  • länzu 30.07.2016 09:19
    Highlight Highlight Nun, die vorliebe für Vaduz ist ja schon schräg. Aber, dass er den Schreihals Dani Wyler so mag, ist absolut unverständlich. Zum Glück versteht er den Schritt nicht, welcher dieser rauslässt. Aber schon die Stimme allein .........
  • bangawow 29.07.2016 19:38
    Highlight Highlight Jerry Savage – ein richtiger Wrestlername :). Trotzdem, schöne Story!
    • Sauraus 29.07.2016 23:44
      Highlight Highlight Soory wollte dir kein Blitz geben
  • KnechtRuprecht 29.07.2016 18:13
    Highlight Highlight Genau das macht doch den Fussball aus. Du gehst als kleiner Junge mit dem Vater ins Stadion und verlierst dein Herz an einen Verein. Und du bleibst ein Leben lang treu. Du gehst durch gute und schlechte Zeiten.
    Ganz egal in welcher Liga er sich gerade befindet und wie erfolgreich er ist. Oder ob er halt 7000km entfernt spielt.
    Das ist eine Lebenseinstellung. Diese ganzen Modefans erachte ich einfach als charakterlos.
    Ein schöner Artikel. Danke!
    • Darkside 29.07.2016 18:42
      Highlight Highlight Das erinnert mich an den alten Spruch: Ein Mann wechselt im Leben seinen Job, seine Frauen, eventuell seine Unterhosen, aber niemals seinen Verein! ;-)
    • Schreiberling 29.07.2016 18:49
      Highlight Highlight Frage an Sportfans: ist es erlaubt, seine Liebe zum Verein etwas zu reduzieren, wenn man Sportjournalismus betreiben möchte? 😁
    • KnechtRuprecht 29.07.2016 18:53
      Highlight Highlight Nein.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Darkside 29.07.2016 18:05
    Highlight Highlight Zufriedener Typ, sehr schön!
  • Mooogadelic 29.07.2016 17:39
    Highlight Highlight Sympathischer Typ + Artikel! 👍🏼
  • Pana 29.07.2016 17:33
    Highlight Highlight Bin mir nicht ganz sicher, wie sehr er die Fangesänge bei einem Spiel Vaduz vs St Gallen wirklich einschätzen konnte. ;)
  • Ignorans 29.07.2016 17:28
    Highlight Highlight Cooler Beitrag!
    Wobei ich schon zu ganz anderen Uhrzeiten Sport geschaut habe... NHL playoffs sind z.B. recht mühsam...
    • maxi #sovielfürdieregiongetan 29.07.2016 17:59
      Highlight Highlight Supi dupi...
    • ralck 29.07.2016 20:47
      Highlight Highlight darum gibts bei uns paar mal in der saison nhl-nächte. da startest du um fünf am abend und der letzte match endet um halb sieben am morgen. aber es ist extrem anstrengend, da du während den power- und commercialbreaks immer nur einen schwarzen schirm mit meldung hast... und irgendwänn nimmts di halt efacht. 😴
  • pinex 29.07.2016 17:19
    Highlight Highlight Ach wie rührend
  • renebeispiel 29.07.2016 17:00
    Highlight Highlight Mein Verständnis für Jerry hält sich in Grenzen.
  • Nicosinho 29.07.2016 16:16
    Highlight Highlight haha das ist ja mal ne geile Story!
    sowas macht den kleinen FCV doch gleich etwas sympathischer ;)
  • Gleis3Kasten9 29.07.2016 16:04
    Highlight Highlight Vaduz, der unbeliebteste SL-Verein? Dabei ist GC noch mit dabei? Verwirrend.
    • Gleis3Kasten9 29.07.2016 20:22
      Highlight Highlight Basler, knapp daneben.
    • stef77 29.07.2016 23:24
      Highlight Highlight basel und St. gallen sind absolut unsymathisch
    • Switch_on 30.07.2016 09:34
      Highlight Highlight Ach immer dieser Neid...
  • skibba 29.07.2016 15:38
    Highlight Highlight chapeau, geile story 👍🏽
  • CycloneFence 29.07.2016 15:22
    Highlight Highlight "fussballspiele in winterthur"...Ich glaube da fällt es nicht schwer fan von vaduz zu werden...winterthur hätte man also gut mit bern ersetzen können! #fussballverstandkleingeschrieben
  • TanookiStormtrooper 29.07.2016 15:16
    Highlight Highlight "Dani Wyler höre ich gerne zu, auch wenn ich ihn nicht verstehe." Ich verstehe ihn manchmal auch nicht... 😂
    • NymeriasDream 29.07.2016 15:40
      Highlight Highlight "Eine Unfähigkeit, um die ihn bestimmt manch ein Schweizer Fussballfan beneidet …" Ich häts nicht schöner formulieren können... 😅
    • caschthi 29.07.2016 19:41
      Highlight Highlight @tanooki Dieser einte dislike ist von Dani Wyler ;P

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