Patrick Fischer – der Ruf als Lichtgestalt unseres Hockeys ist vorerst ruiniert
Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer hatte öffentlich vor den unter allerstrengsten Covid-Auflagen durchgeführten Olympischen Winterspielen 2022 in Peking erklärt, er habe sich impfen lassen und alles sei in Ordnung. Hätte er sich nicht impfen lassen, hätte er die Nationalmannschaft beim Olympischen Turnier 2022 nicht betreuen können.
Nun wird vier Jahre später enthüllt: Er hat sich nicht impfen lassen und das COVID-Zertifikat gefälscht (Urkundenfälschung). Dafür ist er bereits bestraft worden. Es geht nur um ein kleines Dokument – und doch ist es ein moralischer Erdrutsch. Die ganze Angelegenheit hat allerdings mehrere Ebenen.
Erstens: Solche Skandal-Geschichten eignen sich zwar vorzüglich zur Empörung, gehen aber in einer breiten Öffentlichkeit schnell wieder vergessen. Es werden tagtäglich so viele «Säue» durchs Mediendorf getrieben wie nie zuvor in der Geschichte. Wer den Sturm vorüberziehen lässt, kann bald in Ruhe weiterleben. Patrick Fischer kann also mit der Gnade der Vergesslichkeit rechnen.
Zweitens: Wer öffentlich einen Fehltritt bekennt, Asche über sein Haupt streut, Reue und Einsicht zeigt und Besserung gelobt, kann mit einer öffentlichen Begnadigung und viel Sympathie rechnen. Aber hier gibt es für Patrick Fischer ein Problem: Er hat nicht freiwillig seine Sünde bekannt. Nur weil der Fall sonst vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen (SRF) – dem wichtigsten TV-Partner des Verbandes! – aufgedeckt worden wäre, hat er in einer Flucht nach vorne am Montagabend ein Geständnis abgelegt. Seiner Reue fehlt die echte Einsicht. Es ist eine taktische Reue.
Drittens: Patrick Fischer ist eine Lichtgestalt unseres Hockeys. Charismatisch, glaubwürdig, bescheiden, eloquent, erfolgreich und ein brillanter Kommunikator. Als Nationaltrainer ist er auch der wichtigste Botschafter unseres Hockeys und wird weit über die Hockeyszene hinaus respektiert. Soeben ist er auch sportartenübergreifend zum Trainer des Jahres erkoren worden. Dieses Image als «Lichtgestalt» ist vorerst ruiniert.
Das ganze Programm von TV24, 3+ und oneplus findest du hier.
Viertens: Ein wichtiger Teil seines Erfolges ist die Durchsetzung des Teamgedankens. Das Ego vor der Garderobetüre abgeben. Alles fürs Team. Gleiche Regeln für alle. Mit der Verbannung von Lian Bichsel aus dem Nationalteam bis zum Ende dieser Saison hat er für Aufsehen und heftige Diskussionen gesorgt. Der NHL-Verteidiger hatte einst einem Aufgebot ins Junioren-Nationalteam nicht Folge geleistet. Deshalb hat ihn der Bannstrahl von Patrick Fischer getroffen.
Patrick Fischer, der Mann der klaren Worte, der Hohepriester der Werte, der unermüdliche Prediger von Ehrlichkeit, Disziplin und Integrität. Ein Nationaltrainer, der seine Spieler nicht nur nach Formkurven beurteilt, sondern auch nach Charakter. Einer, der gerne den moralischen Kompass justiert, wenn er das Gefühl hat, die Nadel könnte auch nur einen Millimeter zittern. Und er hat dieses Image gelebt und zelebriert.
Und nun das. Um in der Hockeysprache zu bleiben: ein Eigentor.
Fünftens: Das Problem ist nicht die Impffrage an sich. Darüber lässt sich streiten, und das ist schon zur Genüge getan worden. Das Problem ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Handlung. Zwischen Predigt und Praxis. Zwischen dem, was gesagt, und dem, was getan worden ist. Wenn der, der Orientierung geben soll, selbst die Abkürzung nimmt, wird aus Führung plötzlich Fassade. Seine Autobiografie ist ein Bestseller. Der Titel «Game Time – Zwei Welten. Ein Weg». Wer zynisch ist, sagt nun: «Game Time – Eine Welt. Zwei Wege.» Sein Motto «Trau dich, deine Wahrheit zu leben» bekommt einen anderen Sinn.
Sechstens: Aus sportlicher Sicht gibt es eine zentrale Frage: Wird diese ganze Geschichte einen Einfluss auf unsere Nationalmannschaft bei der Eishockey-WM in Zürich und Fribourg haben, die am 14. Mai beginnt? Oder ist die Sache bis dahin vergessen und vergeben?
Diese Frage kann noch nicht beantwortet werden. Entscheidend ist nicht die öffentliche Empörung, die wieder abklingen wird. Entscheidend ist, wie Patrick Fischer diese ganze Angelegenheit nach innen, in der Kabine seinen Spielern erklären und «verkaufen» kann. Die härteste Währung bei seinem Führungsstil ist Glaubwürdigkeit. Sie ist nicht verhandelbar, nicht dehnbar, nicht situationselastisch. Wer sie verspielt, hat nicht einfach einen schlechten Tag eingezogen. Er hat das Fundament angebohrt, auf dem seine Autorität steht.
Patrick Fischer ist mit drei WM-Finals der erfolgreichste Nationaltrainer unserer Geschichte. Nach der WM gibt er nach gut zehn Jahren sein Amt ab. Die Nachfolge tritt Jan Cadieux an, zurzeit sein Assistent. 2026 ist also seine letzte WM. Sie ist nun mit Abstand die grösste Herausforderung seiner Karriere. Auf und neben dem Eis.
