DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Eder und Renato Sanches.
Eder und Renato Sanches.Bild: AP/AP

Wie aus den Europameistern geschrumpfte EM-Helden wurden

Ein gutes Jahr nach dem Titelgewinn präsentiert sich Portugal ziemlich bieder. Insbesondere die EM-Helden Eder, Renato Sanches oder João Mario stehen momentan neben den Schuhen.
09.10.2017, 13:40
Markus Brütsch, LIssabon / Aargauer Zeitung

Eder? Was zum Teufel ist bloss aus Eder geworden? Wo ist der Mann, der am Abend des 10. Juli 2016 Portugal zum Europameister und ein ganzes Land glücklich gemacht hat? Eder war als Joker auf den Platz gekommen und hatte in der Verlängerung mit einem haltbaren Schuss aus 23 Metern zum 1:0 ins Netz und die Franzosen ins Mark getroffen.

Eders Tor zum EM-Titel 2016 – und die portugiesischen Reporter drehen durch. Unbedingt mit Ton schauen!Video: streamable

Es ist in Andorra schon spät am Samstagabend. Die Portugiesen haben soeben mit Ach und Krach den Fussballzwerg aus dem Fürstentum mit 2:0 besiegt, als Ederzito Antonio Macedo Lopes, genannt Eder, aus der Kabine tritt und mit leerem Blick zum Teambus schlurft. Vorbei an den vielen Kameras und Mikrofonen. Doch nicht ein einziger Journalist interessiert sich für ihn, keiner mag ihm eine Frage stellen.

Ist das tatsächlich jener Mann, über den nach dem EM-Triumph eine Autobiografie erschien und herzzerreissende Geschichten erzählt wurden von einem Leben in Armut, einer Mutter, die ihn nicht ernähren konnte und ihn deshalb in ein Heim geben musste? Und über einen Vater, der wegen eines Mordes im Gefängnis sitzt.

Eder jubelt nach seinem 1:0 im EM-Final. Weit weg ist die Szene. Jetzt ist er zwar wieder dabei, aber mehr Maskottchen als Schlüsselspieler.
Eder jubelt nach seinem 1:0 im EM-Final. Weit weg ist die Szene. Jetzt ist er zwar wieder dabei, aber mehr Maskottchen als Schlüsselspieler.Bild: AP/AP

Mehr Maskottchen als Joker

An diesem kalten Oktoberabend in den Pyrenäen sind die glückseligen Pariser Momente von 2016 weit weg. Wieder hat der 29-Jährige mit Wurzeln in Guinea-Bissau nicht spielen dürfen. Aus dem gefeierten Helden ist längst ein vergessener geworden. Kein einziger Klub hatte ihm nach der EM einen roten Teppich ausgerollt, und so war er eben bei Lille in der Ligue 1 geblieben. Als in diesem Sommer nun aber mit Marcelo Bielsa ein neuer Trainer kam, war für Eder kein Platz mehr, und er wurde nach Russland an Lokomotive Moskau ausgeliehen.

Bei Lille nicht mehr erwünscht, jetzt versucht EM-Held Eder in Russland seine Karriere neu zu starten.
Bei Lille nicht mehr erwünscht, jetzt versucht EM-Held Eder in Russland seine Karriere neu zu starten.Bild: EPA/EPA

Selbst in der Seleção verblassten seine Meriten schnell. Weil Trainer Fernando Santos nach dem Prinzip «Leistung vor Verdiensten» arbeitet und Eder vermutlich selber für eine Eintagsfliege hält, bot er ihn neun Spiele lang nicht mehr auf. Nach zwei Toren in vier Partien für Moskau lud ihn Santos nun aber wieder ein. Wenn Teamkollege João Mario sagt, man habe ja gesehen, wie wichtig Eder für Portugal sein könne, dann klingt es indes fast so, als sei er froh, ein Maskottchen dabei zu haben. Viel mehr ist Eder momentan nicht.

Auch Jungtalent Renato Sanches versauert

Nicht viel besser ist es dem in Frankreich fast ebenso gefeierten Mittelfeldspieler Renato Sanches ergangen. Wie sind die Bayern doch gelobt worden für ihren Spürsinn; dafür, dass sie den 18-Jährigen schon längst gescoutet und für 35 Millionen Euro von Benfica abgelöst hatten, bevor dieser auf dem grossen Radar erschienen war.

Renato Sanches'  (4.v.r.) Stammplatz bei den Bayern: Mitten auf der Ersatzbank.
Renato Sanches'  (4.v.r.) Stammplatz bei den Bayern: Mitten auf der Ersatzbank.Bild: EPA/DPA

Doch dann hatte Trainer Carlo Ancelotti im jungen Portugiesen nicht jenen Spielmacher gesehen, für den ihn so viele Experten hielten, und Sanches auf der Ersatzbank verwelken lassen. Ob es ihm nun als Leihspieler von Swansea gelingt, in der Premier League seine Karriere neu zu lancieren und in der Nationalmannschaft wieder eine wichtigere Rolle zu spielen?

Da schwang Renato Sanches noch oben aus: So feierte Portugal mit dem Jungstar den EM-Titel.
Da schwang Renato Sanches noch oben aus: So feierte Portugal mit dem Jungstar den EM-Titel.Bild: AP/AP

EM-Titel war für die wenigsten ein Lottosechser auf Klubebene

Zum Lottosechser für das Leben auf Klubebene ist das Turnier für die wenigsten Europameister geworden. So spielt von den Finaltitularen Goalie Rui Patricio noch immer bei Sporting Lissabon wie William Carvalho auch; Cédric Soares noch immer bei Southampton und Pepe nicht mehr bei Real Madrid, sondern in der Türkei. Raphael Guerreiros Transfer zu Dortmund war schon vor der EM aufgegleist, Nanis Karriere ist bei Lazio Rom noch nicht wieder in Schwung gekommen und Regisseur João Mario hat bei Inter in dieser Saison erst ein Mal 90 Minuten gespielt.

An der EM 2016 war er in Hochform, im Klub läuft es João Mario seither überhaupt nicht.
An der EM 2016 war er in Hochform, im Klub läuft es João Mario seither überhaupt nicht.Bild: EPA/LUSA

Aber besonders erstaunlich sind die bescheidenen Werdegänge der meisten Europameister nicht, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie sich Portugal an der EM mit drei Unentschieden in die K.o.-Phase gemogelt hatte und auch danach nicht durch beschwingten Angriffsfussball auffiel. Ja, als Schweizer hätte man im Viertelfinal liebend gern die Schweiz statt Polen gegen Portugal spielen sehen – und sich gute Chancen auf den Halbfinal ausgerechnet.

Jetzt auf

Portugal war und ist keine Übermannschaft

Nein, Portugal war 2016 wahrlich keine Übermannschaft und ist es auch heute nicht. Aber es hat Ronaldo. Müssten sie immer ohne ihn spielen, dann wären sie nur ein biederes Durchschnittsteam. Zwar haben sie ohne ihren damals verletzt ausgeschiedenen Star den EM-Final gewonnen, aber in manch anderer Partie ohne ihn, wie vor einem Jahr beim 0:2 in der Schweiz, nicht überzeugt. Gut möglich, dass es Portugal in Andorra nicht mal zum Sieg gereicht hätte, wäre Ronaldo nicht als Retter eingewechselt worden.

Vor diesen Portugiesen muss sich die Schweiz gewiss nicht fürchten. Vor Ronaldo aber schon ein bisschen.

Qualifiziert sich die Schweiz direkt für die WM 2018 in Russland?

Als sie alle noch Helden waren: Portugals EM-Titel 2016

1 / 25
Der EM-Final in Bildern
quelle: x01095 / john sibley
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Fussball-EM: Die Unterschiede zwischen Männer und Frauen

Video: srf
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

14 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Luca Brasi
09.10.2017 14:09registriert November 2015
Ich würde den Mund nicht zu voll nehmen. Bringt schlechtes Karma.
Portugal ist nicht so schlecht wie es dieser Artikel darzustellen versucht.
735
Melden
Zum Kommentar
avatar
Cristiano
09.10.2017 15:01registriert November 2014
Auch ich würde den Mund nicht zu voll nehmen. Klar, man kann das aus dieser Sicht betrachten. Patricio und William spielen "nur" bei Sporting (Die jedoch immer wieder in der CL vertreten sind). Da kommen aber noch weitere Spieler wie Nelson Semedo, André Gomes (FC Barcelona), Bernardo Silva (Man. City), André Silva (Milan), Danilo (FC Porto - wie lange noch). Die Mannschaft als biederes durchschnittsteam zu bezeichnen finde ich nicht angemessen. Angst vor Portugal (und Ronaldo) müsst ihr keine haben. Zeigt Respekt, dann kommt es Morgen oder über die Barrage gut und die Schweiz fährt an die WM!
576
Melden
Zum Kommentar
avatar
René Obi
09.10.2017 15:18registriert Oktober 2015
Portugal ist stark. Also Achtung. Nicht überheblich werden. Ich denke aber dass die Chancen fürs direkte Weiterkommen doch 50% stehen. Ein Unentschieden oder gar ein überraschender Sieg für die Ewigkeit (10 Spiele, 30 Punkte!) ist mit der Schweizer Mannschaft durchaus möglich. Wichtig ist, mit Demut, Konzentration und Mut den Sieg zu suchen. Und irgend ein Mittel zu finden, dass Ronaldo nur ein Tor macht. Weniger wirds kaum. Darum müssen sie eins mehr schiessen als ER. :-)
554
Melden
Zum Kommentar
14
Rekrutierung umgangen – künftiger NHL-Goalie in Russland festgenommen

Ivan Fedotov hat dem Russischen Olympischen Komitee vergangenen Winter in Peking geholfen, die Silbermedaille zu gewinnen. Unlängst hat der 25-jährige Eishockey-Goalie bei den Philadelphia Flyers seinen ersten NHL-Vertrag unterschrieben. Ob Fedotov im Herbst tatsächlich in Nordamerika trainieren und spielen wird, ist aktuell mehr als unsicher.

Zur Story