Sport
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epa04850333 A fan dressed in a 'Superman' outfit cheers on the peleton during the 13th stage of the 102nd edition of the Tour de France 2015 cycling race, over 198.5km between Muret and Rodez, France, 17 July 2015.  EPA/YOAN VALAT

Welchen Supermännern und -frauen können wir überhaupt noch trauen? Ein Fan an der Tour de France.
Bild: YOAN VALAT/EPA/KEYSTONE

Kommentar

Die innere Zerrissenheit von uns Sportfans, die die Schnauze voll haben müssten – und doch fleissig weiterschauen

Doping hier, Wettbetrug da, Korruption überall. Die Fans müssten längst genug haben vom Sport. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wieso eigentlich?



Franz Beckenbauer hat russische Leichtathletinnen gedopt, damit Katar die Schwimm-WM 2018 erhält. Oder so ähnlich. Wer blickt denn noch durch bei all den Meldungen der letzten Tage über Dopingmissbrauch und Korruption?

Eigentlich ist es ja so schön, ein Sportfan zu sein. Man geht ins Stadion oder schaltet den Fernseher ein, weil man nie weiss, wie es ausgeht. Man verlässt die Arena entzückt oder enttäuscht, schaltet den Fernseher wutentbrannt aus oder schreibt den Kollegen begeisterte WhatsApp-Nachrichten. Wir schauen alles (solange es uns die Partnerin erlaubt): Den «Doppelpass» zum Aufstehen, dann einen GP von Tom Lüthi, dann den Start in der Formel 1, dann drücken wir Roger Federer die Daumen, dann gibt's Fussball. So sieht ein perfekter Sonntag aus.

Wie gut nur, dass der Mensch ein Meister der Selbsttäuschung ist! Denn es ist wie beim Quengelregal an der Ladenkasse: Wir wissen alle, dass die Schoggistängel und Bonbons nicht gesund sind und dennoch greifen wir regelmässig zu.

People stand at the checkout line in a supermarket in Jerusalem January 6, 2015. With memories still fresh of the Holy Land's worst storm in 50 years last winter, Israelis and Palestinians stocked up on supplies for a forecast heavy snowfall on Tuesday. REUTERS/Ronen Zvulun (JERUSALEM - Tags: ENVIRONMENT SOCIETY FOOD BUSINESS)

Typische Situation an der Kasse: Wir haben alles, was wir brauchen und nehmen dann doch noch ein Twix oder Gummibärli.
Bild: RONEN ZVULUN/REUTERS

Wir belügen uns auch selber, wenn wir die Tour de France oder die Leichtathletik-WM schauen und dabei an einen sauberen Sport glauben. Wider besseren Wissens blenden wir den Fakt aus, dass uns gedopte Sportler faszinieren. Wir schreien Zeter und Mordio, wenn korrupte FIFA-Funktionäre die Fussball-WM ins Wüstenland Katar vergeben – und wir werden 2022 trotzdem alle einschalten oder gar dorthin fliegen, um uns die Spiele anzuschauen.

Drei Plagen haben den Sport im Griff: Das Doping, die Korruption und der Betrug.​

Es tut mir leid für die sehr vielen ehrlichen Akteure: Aber für keinen einzigen Profisportler würde ich die Hand ins Feuer legen, dass er nicht gedopt ist. Denn in jeder Sportart kann Doping verschiedener Art einen Nutzen haben. Nicht nur in Ausdauer-Disziplinen verschafft man sich so Vorteile, das gilt auch für den Fussball, für das Tennis, selbst für das Billard.

Aber was ist überhaupt Doping? Die nüchterne Antwort: Gedopt ist, wer mit einer höheren Menge eines Stoffes im Körper erwischt wird, als erlaubt ist.

epa05018131 (FILE) A file picture dated 08 August 2004 shows urine samples prepared for testing on the blood-booster EPO in the Swiss Laboratory for Analysis of Doping (LAD) in Lausanne, Switzerland. A World Anti-Doping Agency (WADA) commission on 09 November 2015 recommended athletics governing body IAAF suspend Russia from competition as it reported on its investigation into systematic doping in the country.  EPA/FABRICE COFFRINI

Urinproben im Lausanner Doping-Labor: Die Jäger tappen stets einen Schritt hinterher.
Bild: EPA/KEYSTONE FILE

Doch es gibt auch eine philosophische Betrachtungsweise: Doping ist alles, was den Körper abgesehen von physischem Training stärker macht. Also streng genommen schon ein Regenerations-Shake nach einem anstrengenden Wettkampf. Denn damit überlisten wir den Körper, wir helfen ihm. Wie wenn wir uns Epo spritzen, damit wir leistungsfähiger werden.

Jeder Sportler, der sich nicht an die Grenzwerte bringt, ist im Nachteil. Weshalb er zu allen Mitteln greift, die ihm zur Verfügung stehen. Wer sich dumm anstellt und die Grenzen überschreitet, wird vielleicht erwischt. Dieses Risiko muss ein Sportler eingehen, ob er will oder nicht.

Es ist die grosse Frage vieler Sportarten, wie man des Dopingproblems Herr werden kann. Man dreht sich dabei seit Jahren in einem Kreis, aus dem es anscheinend keinen Ausweg gibt. Härtere Strafen? Bringen als Abschreckung offenbar nichts, denn es wird immer weiter gedopt. Alte Tests nach Jahren nochmals testen? Bringt dem Sport nichts, der dann höchstens Negativ-Publicity erhält und einen Zweiten, der plötzlich Sieger ist. Der aber weder das Gefühl des Triumphs erleben darf, noch höhere Sponsoren-Einnahmen hat. Gerade in Randsportarten macht es einen gewaltigen Unterschied, ob du Olympiasieger bist oder «nur» Silber oder Bronze gewonnen hast.

FILE - In this Aug. 11, 2012 file photo Russia's Mariya Savinova celebrates as she crosses the finish line ahead of South Africa's Caster Semenya during the athletics in the Olympic Stadium at the 2012 Summer Olympics, London. (AP Photo/Anja Niedringhaus, file)

Die Russin Maria Sawinowa gewinnt Olympiagold 2012 in London – angeblich gedopt. Wird sie disqualifiziert, könnte drei Jahre später die Südafrikanerin Caster Semenya Gold erben.
Bild: Anja Niedringhaus/AP/KEYSTONE

Kann es als Lösung also nur die radikale geben, jene der Freigabe sämtlicher Dopingmittel? Nein. Wir wollen keine Roboter sehen und wir wollen keine Sportler, die als 23-Jährige schon viermal die Tour de France gewonnen haben und dann mit 24 tot vom Velo fallen. Wir wollen an eine Chancengleichheit glauben. Selbst im Wissen darum, dass es die ohnehin nicht gibt. Ein 2,15 m grosser Mann wird potenziell immer der bessere Basketballspieler sein als ein 1,60 m kleiner Zwasli. Wer 100 kg auf die Waage bringt, wird beim Schwingen immer besser aufgehoben sein als beim Skispringen. Aber es soll wenigstens jeder dort seine faire Chance erhalten, wo es ihm sein Körper gestattet. Sein Körper, den er durch Training gestählt hat, nicht mit Pillen und Spritzen.

Es gibt keine Lösung für das Dopingproblem. Längst hat dieses auch den Breitensport im Griff. Bei Radrennen, die für Hobbyfahrer gedacht sind, bleiben die Sieger in der Dopingkontrolle hängen. Selbst bei einer Volksveranstaltung wie dem Engadin Skimarathon wird viel mehr gedopt, als man sich vorstellt. Hier geht es nicht um Geld und Olympiamedaillen, aber um Ruhm und Ehre, und vor allem darum, schneller als die Kollegen zu sein. Schon vor zehn Jahren ergab eine Stichprobe, dass jeder fünfte Hobby-Langläufer am Engadiner ein Asthmamittel eingenommen hatte, um seine Lungenkapazität zu vergrössern.

epa04116708 Thousands of sportsmen and -women are on their way from Maloya to S-Chanf in south Eastern Switzerland as they participate in the annual Engadin skiing marathon, 09 March 2014.  EPA/NICOLA PITARO

Der Engadin Skimarathon: Eine Apotheke auf schmalen Latten?
Bild: EPA/KEYSTONE

Selbst abseits von Wettkämpfen dopen sich Breitensportler. Eine Schmerztablette, um auf der Pässefahrt mit dem Rennvelo länger durchzuhalten? Zack, runtergeschluckt, kein Problem. Aber eigentlich bireweich. Denn wenn uns der Körper Schmerz signalisiert, dann wohl deshalb, weil er uns ein Zeichen geben will, dass nun genug ist. Wir ignorieren das Zeichen und verschieben die Grenze.

Zweite Baustelle: Korruption. In den meisten Fällen geht es darum, dass sich Funktionäre bestechen lassen. Wie in der Politik, wie in der Wirtschaft, wie in der Verwaltung; machen wir uns doch nichts vor! Ob eine Fussball-WM in Russland oder England stattfindet: 99,99 Prozent der Zuschauer sehen die Spiele ohnehin am Bildschirm. Da spielt es letztlich nur eine marginale Rolle, wo sie ausgetragen werden. Ob in den Begleitsendungen im TV fröhlich tanzende Südafrikaner oder fröhlich tanzende Brasilianer gezeigt werden: Wen kümmert's?

Die Korruption muss den Sportfan weniger beschäftigen als das Doping. Denn sie hat keinen oder kaum einen direkten Einfluss auf die Resultate. Ein Geschwür ist sie dennoch. Schliesslich sollte jeder Bewerber für einen Anlass sich berechtigte Hoffnungen auf die Austragung machen dürfen, nicht bloss jener mit den grössten Ölreserven.

Alle Weltmeisterschaften in Katar

Bleibt der Betrug als dritte Seuche, die ausgerottet gehört. Schiedsrichter, die gekauft werden und einen Penalty sehen, wo es keinen Penalty gibt. Goalies, die gekauft werden und mit unschuldiger Miene, aber innerlich grinsend, zwei faule Eier kassieren. Solange mit einem Klick auf jedes Zweitligaspiel in Andorra gewettet werden kann, solange wird die Wettmafia nichts unversucht lassen, Partien zu ihren Gunsten zu verschieben.

Es gibt die Geschichte des finnischen Erstligisten aus Rovaniemi, der ohne es zu wissen in die Fänge eines Wettpaten aus Singapur geriet. Er nahm mit mehreren Spielern Kontakt auf und bezahlte sie dafür, zu verlieren. Der Klub und seine Fans glaubten an Pech, doch in Tat und Wahrheit war alles eine abgekartete Sache.

Wie beim Doping, wie bei der Korruption, so auch beim Betrug: Man hat als Sportfan nicht den Eindruck, dass sich bald etwas ändern wird.

Wir haben demnach zwei Optionen: Aussteigen oder weiterschauen. Weil die erste Option keine ist, bleibt nur die zweite. Wir sollten einfach etwas gelassener werden und uns bewusst sein, was Sport ist: Eine Unterhaltung der Massen. Wir sollten den Sport deshalb weniger verbissen verfolgen, eher wie einen Kinofilm. Da wissen wir auch schon vor der ersten Werbung, dass James Bond am Ende gewinnen wird. Und trotzdem fiebern wir mit 007 mit und freuen uns stets von neuem auf seine Abenteuer.

Tour de France: Die aussergewöhnlichsten Fans 2015

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