Wenn Dominique Aegerter offizielle Medientermine hat, dann mahnt er an einen Buben, der hinter dem Schulhaus vom Lehrer beim Kiffen erwischt worden ist. So sorgsam darauf bedacht, brav zu sein.
Seine energische Teamchefin Milena Körner ist immer dabei und passt auf, dass er nur sagt, was gern gehört wird. Manchmal ergänzt sie die Aussagen. Damit alles ja perfekt rüberkommt.
So ist es auch an diesem Wochenende in Jerez de la Frontera. Im Training ist es wieder nicht so gut gelaufen. Aegerter beginnt das Rennen nach Rang 23 im Qualifying in der 8. Startreihe. Da gibt es Erklärungsbedarf. Sonst kommt womöglich noch Polemik auf.
Teamchefin Körner stellt klar, wie schwierig es eben sei, ein neues Projekt zu entwickeln. Man habe seit Saisonbeginn verschiedene Fahrwerkvarianten durchgetestet. Und nun werde man eine neue Verschalung entwickeln. Die Aerodynamik sei im Hochgeschwindigkeitsbereich ungenügend. Einmal pro Saison darf die Verschalung gewechselt und neu homologiert werden. «Für den Heim-GP in Mugello werden wir bereit sein.»
Die Aerodynamik, also der Luftwiderstand, ist tatsächlich das Hauptproblem. Alle haben ja die exakt genau gleichen Motoren. Verschieden sind nur Fahrwerk und Verschalung (Verkleidung). Also muss hier die Lösung gesucht werden.
Dominique Aegerter reitet die mit Abstand lahmste Ente der ganzen Moto2-WM. Bei den Topspeed-Messungen hatte er in Jerez im Abschlusstraining zum zweiten Mal hintereinander die miserabelsten Werte. Er war mit 239,40 km/ bis zu 10 km/h langsamer als die Konkurrenz. Und Jerez ist keine Hochgeschwindigkeitsstrecke wie Mugello oder Barcelona. Beim letzten GP in Texas keuchte seine Maschine gar bis 16 km/h langsamer über die Piste. Die Schwierigkeiten mit der Verschalung führen auch zu Problemen mit der Motorenkühlung. Wird das Triebwerk zu heiss, lässt die Leistung nach.
Die MV Agusta ist also eine lahme Ente. Aber es gibt mildernde Umstände. MV Agusta ist neu. Das Projekt hat diese Saison begonnen. Die Konkurrenz, schon Jahre dabei, hat viel mehr Erfahrung und kann sich darauf konzentrieren, auf dem Rennplatz zu justieren. Bei MV Agusta muss man hingegen weiterhin studieren, probieren und experimentieren. Was an die Piloten extreme Anforderungen stellt.
Der 29-jährige Aegerter ist einer der wenigen, der inzwischen eine solche Herausforderung meistern kann. Technische Entwicklungsarbeit ist sowieso nicht seine Stärke. Er fährt einfach, was man ihm hinstellt, klagt wenig und behält seine gute Laune. Tom Lüthi würde in der gleichen Situation die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und die Flucht ergreifen.
Diese Unbeschwertheit ist jetzt Dominique Aegerters Vorteil. Was kümmern ihn die Experimente, ob diese oder jene Schwinge, dieser oder jener Umlenkkopf oder dieses oder jenes Teil eingebaut worden ist, ob die Maschine die langsamste im ganzen Feld ist – er ist froh, dass er fahren kann, sagt den Technikern einfach wie es war und lässt sich nicht mehr beirren. Da er nicht italienisch spricht, ist auch keine Polemik in italienischen Fachmedien zu befürchten.
Ein mental robuster, talentierter, gutgelaunter, pflegeleichter Schweizer mit viel Erfahrung im Renngeschäft, der keine Ausreden sucht, einfach Gas gibt – das ist der perfekte Fahrer für das Entwicklungsprojekt MV Agusta. Der zweite Glückfall seit Giacomo Agostini.
Zu Aegerters Beruhigung dürfte auch beitragen, dass die in mehreren Raten zu bezahlenden sechsstellige Summe mit der er sich ins Team einkaufen musste, bereits überwiesen worden ist. Peter Hirschi, ein erfolgreicher Unternehmer aus dem gleichen Dorf und Aegerters treuester Sponsor bestätigte kürzlich: «Wir haben das erledigt.»
Die Saison 2019 ist also gesichert. Und Dominique Aegerter ist inzwischen auf gutem Wege, auch nächste Saison für die Italiener fahren zu können. Teamkollege Stefano Manzi ist zwar hin und wieder auf eine Runde schneller (im Jerez-Training als 19. vor Aegerter). Aber er kippt öfter um und produziert mehr Sturzteile und Reparaturkosten. Er hat diese Saison erst einmal das Ziel gesehen und auf den letzten GP in Texas musste er verzichten.
Womöglich muss Aegerter (bzw. seine Sponsoren) nächste Saison sogar etwas weniger bezahlen. Das Feld der Piloten ist in bezahlte und bezahlende Fahrer aufgeteilt. Nur die Besten wie Tom Lüthi werden von den Teams bezahlt. Die übrigen – und dazu gehört seit 2018 Dominique Aegerter – müssen die Teams bezahlen, damit sie einen Platz in der Moto2-WM haben.
MV Agusta war bis Anfang der 1970er Jahre eine die der ruhmreichste Töffmarken. Obwohl die Motorrad-Produktion nur ein Nebenzweig des italienischen Helikopter-Fabrikanten war. Giacomo Agostini ist auf MV Agusta der erfolgreiche Fahrer der Geschichte geworden – nach wie vor statistisch besser als Valentino Rossi. 1976 feierte er den letzten Sieg (und die letzten WM-Punkte) für MV Agusta. Nun ist die Marke wiederbelebt worden. In der Moto2-WM. Die Maschinen werden im italienischen Forward-Team eingesetzt. Dominique Aegerter hat in Texas soeben mit Rang 14 die ersten WM-Punkte für MV Agusta seit 43 Jahren geholt. WM-Punkte mit der MV Agusta – oder die Kunst, eine lahme Ente zu reiten.