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epa06464620 Roger Federer of Switzerland in action during his fourth round match against Marton Fucsovics of Hungary at the Australian Open Grand Slam tennis tournament in Melbourne, Australia, 22 January 2018.  EPA/NARENDRA SHRESTHA

Bild: EPA/EPA

«Wir brauchen dich jetzt, Roger, bleibe gesund, bleibe gesund!»

Es ist klar, dass Roger Federer nach dem Ausscheiden von Nadal die besten Karten in der Hand hat. Dies bedeutet der Kampf Roger Federer gegen den Rest.

Simon Häring / Nordwestschweiz



Mühevoll schleppte sich Rafael Nadal (31) kurz vor Mitternacht durch die Gänge der Rod Laver Arena. Geplagt von Schmerzen am Oberschenkel. «Das ist ein schwieriger Moment», sagte der Vorjahresfinalist kurz vor Mitternacht. Kurz zuvor hatte Nadal im fünften Satz des Viertelfinals gegen den Kroaten Marin Cilic aufgegeben.

Spain's Rafael Nadal receives treatment from a trainer during his quarterfinal against Croatia's Marin Cilic at the Australian Open tennis championships in Melbourne, Australia, Tuesday, Jan. 23, 2018. (AP Photo/Dita Alangkara)

Rafael Nadal am Boden: Der Spanier musste verletzt aufgeben. Bild: AP/AP

Nun ist es nicht so, dass es dieses Aus Nadals auch noch gebraucht hätte, um Titelverteidiger Roger Federer (36) definitiv als einzig denkbaren Sieger der Australian Open zu deklarieren. Die Karten werden nicht neu gemischt, sie sind klarer verteilt denn je: Roger Federer gegen den Rest. Es ist ein Spiel mit gezinkten Karten.

Man hat bei diesem Turnier mit vielen gerechnet: mit dem Deutschen Alexander Zverev, dem Bulgaren Grigor Dimitrov, dem Belgier David Goffin, dem Australier Nick Kyrgios oder Dominic Thiem, dem Österreicher. Stattdessen steht einer wie Kyle Edmund in den Halbfinals.

Es zeigt, wie porös der Männer-Zirkus an der Spitze plötzlich geworden ist. Noch vor einem Jahr teilten Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray die grossen Titel unter sich auf. Einzig Juan Martin Del Potro, Stan Wawrinka und Marin Cilic konnten in dem letzten Jahrzehnt die Phalanx dieses Quartetts durchbrechen.

Die besten Bilder des Australian Open 2018

Noch spielt jenes Quartett der Grossen. Geblieben ist in Melbourne aber nur er: Roger Federer. Selten zuvor gestaltete sich der Weg zu einem Major-Titel vermeintlich so einfach wie nun bei den Australian Open.

Berdych und Cilic fehlt die Strahlkraft

Federer zeigte sich in blendender Verfassung und gab als einziger im Tableau Verbliebener noch keinen Satz ab. Mit Tomas Berdych und Marin Cilic sind nur zwei Spieler noch im Tableau, für die diese Phase eines Grand-Slam-Turniers kein Neuland darstellt.

Doch ihnen fehlt die Strahlkraft jener wegbrechenden Speerspitze der goldenen Generation des letzten Jahrzehnts. So verwunderte es nicht, dass Boris Becker sagte, was wohl viele dachten, aber nur der Eurosport-Experte auszusprechen wagte: «Wir brauchen dich jetzt, Roger, bleibe gesund, bleibe gesund! Irgendwie ist dieser 36-jährige Schweizer mit dem Namen Roger Federer verletzungsresistent.»

Gerade mit Blick auf das vorletzte Jahr, in dem Federer sechs Monate ausfiel, war das natürlich stark überzeichnet. Doch es war auch mehr der Hoffnung geschuldet, Federer möge dem Turnier, ja dem Sport, noch länger erhalten bleiben.

Trainer Lüthis Warnung

So verheissungsvoll die Ausgangslage scheint, sie birgt auch Tücken. Selten zuvor war die Zielgerade zu einem Grand-Slam-Titel so lange wie nun. Vergleichbar ist die Situation mit den US Open 2014. Damals wartete mit Kei Nishikori im Final ein Debütant auf Federer. Doch dieser unterlag dem entfesselt aufspielenden Marin Cilic im anderen Halbfinal in drei Sätzen.

Roger Federer, of Switzerland, left, greets Marin Cilic, of Croatia, after losing to Cilic in their semifinal match of the 2014 U.S. Open tennis tournament, Saturday, Sept. 6, 2014, in New York. (AP Photo/Darron Cummings)

Roger Federer nach seiner Halbfinal-Niederlage gegen Marian Cilic 2014 an den US Open. Bild: AP/AP

Neben Cilic ist Federers nächster Gegner, Tomas Berdych, einer jener Spieler, die ihn bei Major-Turnieren schon besiegt haben. 2010 in Wimbledon und 2012 bei den US Open jeweils in den Viertelfinals.

Auch Federers Trainer Severin Lüthi warnt: «Es bringt nichts, zu sehr auf andere zu schauen. Wenn ein Mitfavorit ausscheidet, kannst du nicht ausflippen und Freude haben.» Wer das tue, laufe Gefahr, sich danach zu sehr unter Druck zu setzen. «Und das hilft niemandem.»

Auch Federer sagt, die Situation sei mit jener aus dem Vorjahr nicht zu vergleichen. «Es wäre falsch, zu versuchen, etwas vom Vorjahr zu kopieren und zu versuchen, dieses Gefühl der Lockerheit zurückzugewinnen.»

Doch wer ihn dieser Tage beobachtete – ob in seinen Spielen, im Training, im Gespräch mit den Medien, oder im Spielerrestaurant – dürfte nicht das Gefühl bekommen haben, dass Federer nun Gefahr laufe, sich zu sehr unter Druck zu setzen.

Im Gegenteil: Er kokettierte damit, dass ihm die Glutofenhitze nichts ausmache, und gefiel sich mit jedem Tag besser in der Rolle des Gejagten; er kennt es ja fast nicht anders. Ob er in der Startrunde oder in den Viertelfinals verliere, mache für ihn keinen Unterschied. «Ich bin hierhergekommen, um zu gewinnen», sagte er am Dienstag, als Nadal noch im Turnier war.

Seit dessen Aus spielt Roger Federer in Melbourne mit gezinkten Karten. Jeder weiss, dass er das beste Blatt hat. Er muss es nur noch ausspielen. (aargauerzeitung.ch)

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